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Hannah Arendt

Das Böse sei nicht radikal. Eichmann, der Organisator der „Endlösung“, sei kein Monster, sondern ein „Hanswurst“, befand die Philosophin Hannah Arendt und löste damit einen weltweiten Aufschrei aus. Die Regisseurin Margarethe von Trotta hat diesen Abschnitt ihres Lebens porträtiert…

Der Film setzt im Jahr 1961 kurz vor Arendts (Barbara Sukowa) Abreise nach Jerusalem ein. Sie lebt mit ihrem Mann Georg Blücher (Axel Milberg) in New York und ist eine geachtete Professorin an der Columbia-Universität. Arendt macht der Zeitschrift New Yorker das Angebot vom Prozess gegen Eichmann aus Jerusalem zu berichten. Vor Ort bezeichnet sie ihn als Schauprozess. Eichmann befindet sich im Gericht in einem Glaskasten. Er wird mit Zeugenaussagen von Überlebenden der Konzentrationslager konfrontiert, es kommt zu emotionalen Aus- und Zusammenbrüchen. Eichmann selbst zeigt sich ungerührt und weist alle Anklagepunkte mit der Begründung von sich, nur Befehle ausgeführt zu haben.


Hannah Arendt sieht in ihm einen Schreibtischtäter, der unfähig zum eigenen Denken und dem Führer und der ihm von diesem verliehenen Aufgabe treu ergeben war. Er sei kein Antisemit, sondern ein Bürokrat, der seinen Amtseid erfüllte, urteilt Arendt unter dem Titel Eichmann in Jerusalem – Ein Bericht von der Banalität des Bösen, der 1963 im New Yorker erschien. Nicht nur die Entradikalisierung des Nationalsozialismus, vor allem Arendts Bemerkung über die Kollaboration der jüdischen Funktionäre an der Vernichtungsmaschinerie brachte ihr heftige Gegenreaktionen ein. Ihr langjähriger Kollege und Freund Hans Jonas (Ulrich Noethen) sowie ihr Mentor und politischer Ziehvater, der Zionist Kurt Blumenfeld (Michael Degen), wenden sich von ihr ab.

Margarethe von Trotta inszeniert routiniert und mit ungebrochener Fokussierung auf die Figur Hannah Arendt. Sie lässt Sukowa auf Eichmann treffen, indem sie historisches Filmmaterial verwendet. Doch sie macht nicht die Kontroversen und auch nicht das Provokante von Arendts Aussagen zum zentralen Thema, sondern bleibt an der Person haften und verleiht ihr so den Nimbus einer missverstandenen Denkerin, die ihrer Gesellschaft gewissermaßen voraus war.

Der Stellenwert, den Trotta – Drehbuch gemeinsam mit Pam Katz – der innig und verständnisvoll gezeigten Beziehung zwischen Arendt und ihrem Ehemann einräumt, verstärkt diesen Eindruck und auch Barbara Sukowas Darstellung untermauert ihn. Sie gibt Hannah Arendt nicht als scharfe Rednerin, sondern weicher und gefühlvoller, als Arendt beispielsweise in Film- und Tonaufnahmen überliefert ist. Sukowa mimt eine Intellektuelle mit Herz, eine liebende Ehefrau und Freundin. Die Anklage von israelischer Seite, sie wäre arrogant und gefühllos, fällt in dieser Darstellung auf keinen fruchtbaren Boden.

Die Inszenierung wird musikalisch dramatisiert, die gespielten Emotionen verbergen nicht ihr inszenatorisches Kalkül, wodurch das Schauspiel, das eigentlich überzeugt, in manchen Momenten übertrieben und aufgesetzt wirkt. Gänzlich misslungen erscheinen die Rückblenden, die Arendts Beziehung zu Martin Heidegger (Klaus Pohl) einbringen. 

Margarethe von Trottas Hannah Arendt ist ein Portrait, das Intellektualität nicht in höhere Sphären erhebt. Sie liefert eine eigene Interpretation, die viel mit Geselligkeit und Kommunikation zu tun hat, die Denken in Zigarettenqualm gehüllt, mit einem Blick in die Ferne versinnbildlicht. Ganz abwegig ist das im Fall Arendt nicht. Auch nicht, dass diesem Blick (und dem Denken) aus einem Hochhaus in New York keine Grenzen gesetzt sind. Die Debatte um den Eichmann-Prozess wird in dieser fast schon heimeligen Atmosphäre aber ihrer Streitbarkeit beraubt.

Regie: Margarethe von Trotta, Drehbuch: Pam Katz, Margarethe von Trotta, Darsteller: Barbara Sukowa, Axel Milberg, Janet McTeer, Julia Jentsch, Ulrich Noethen, Laufzeit: 113 Minuten, Kinostart: 22.02.2013




  • spinnwebwald

    Schade, handelt es sich doch um eine sehr interessante Frau, interessante Thematik.

    Allein das hätte mich schon ins Kino gezogen. Aber ich glaube nicht, dass mir der Film und Hannah Arendt in einer Überinszenierung, Dramatisierung und als liebende Ehefrau und Freundin zusagt. Zu wieviel Prozent gibt es in diesem Film diese kalkulierte und verkitschte Inszenierung? Würde ihn Martina Zerovnik persönlich empfehlen, denn deine Artikel sind doch sehr analytisch und das finde ich gut?

    • Martina Z

      Danke für das Lob :)
      Die Antworten sind nicht ganz leicht. Wenn du dich für Arendt interessierst, ist die Darstellung von Sukowa sehenswert. Nicht, dass sie eins zu setzen wäre mit der historischen Arendt, aber das ist auch gut so. Wenn dich mehr die Thematik um den Eichmann-Prozess interessiert, dann dürfte es schwierig sein, hier fehlt die Radikalität dessen, was Arendt gesagt hat und wie die Welt darauf reagiert hat – es wirkt alles so persönlich…

      Gleich nach dem Film hätte ich vielleicht noch eine schlechtere Bewertung abgegeben, aber nach längerem Setzenlassen ist dann doch noch einiges da, das die Dramatisierung nicht überdeckt hat.

    • spinnwebwald

      Danke für deine Meinung.
      Mich hätte Arendts Zugang und ihre Äußerungen zu dem Eichmann-Prozess interessiert, denn sie bringt da doch einige neue Begrifflichkeiten und Sichtweisen in die Debatte um diesen Kriegsverbrecher. Eine intellektuelle Auseinandersetzung in Bezug zu dieser Thematik. Hannah Arendt und der Eichmann-Prozess – eine Verklammerung sozusagen. Und da sie sich oft mit Politik und totalitären Regimen beschäftigte, hoffte ich auf eine andere, erweiternde Sichtweise.
      Aber wenn vieles zu dieser Thematik so persönlich wirkt und damit die Person Hannah Arendt als Philosophin beschneidet oder verklärt, werde ich mir den Film wohl lieber nicht ansehen. Denn gerade in diesen Äußerungen liegt die große Bedeutung dieser Thematik und jeder Film dazu, der zwar das Thema aufgreift, aber auf ihren doch sehr radikalen Zugang verzichtet, wird ihr nicht gerecht.
      Schade.

    • Marco

      Ein radikaler Zugang wäre lobenswert und erstrebenswert für viele Filme mit starkem Inhalt, ist aber leider bei vielen Filmen nicht der Fall.