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Extrem laut und unglaublich nah

„The worst day.“ Das ist 9/11 für viele Amerikaner – auf ganz besondere Weise aber für Oskar Schell, den Protagonisten eines 2005 erschienenen Bestsellers von Jonathan Safran Foer, der nun unter der Regie von Stephen Daldry („Billy Elliot“, „The Hours“, „Der Vorleser“) verfilmt wurde…

Der elfjährige Oskar Schell, der von dem beeindruckenden Debütanten Thomas Horn gespielt wird, ist ein introvertierter Junge, der Anzeichen des Asperger-Syndroms, einer Form von Autismus, zeigt. Er hat Angst, vor fast allem: Lärm, vielen Menschen, Höhe, Geschwindigkeit. Sein Vater (Tom Hanks) ist seine Hauptbezugsperson. In spielerischen Rätseln und Expeditionen versucht ihm dieser die Ängste zu nehmen. Als sein Vater im World Trade Center stirbt, verliert sich Oskar in Verzweiflung und Orientierungslosigkeit. Weder seine Mutter (Sandra Bullock), noch seine Großmutter (Zoe Caldwell) dringen zu ihm durch. Ein Jahr nach den Anschlägen findet Oskar im Schrank seines Vaters in einem Kuvert mit der Aufschrift „Black“ einen Schlüssel. Besessen von dem Gedanken, sein Vater hätte ihm eine Botschaft hinterlassen, macht er sich auf die Suche nach dem dazugehörigen Schloss, das er bei einem der über 427 New Yorker namens „Black“ sucht. Niemand weiß von seinem Geheimnis, bis er auf den stummen Untermieter seiner Großmutter trifft (Max von Sydow) und ihn zum Assistenten macht.


 

Der Name Oskar scheint kein Zufall zu sein. Das Tamburin, das ihm auf seinem Weg zur Beruhigung dient, sowie seine Tobsuchts- und Schreianfälle erinnern an das wohl berühmteste Kind namens Oskar, den nicht mehr wachsen wollenden Jungen aus der „Blechtrommel“ von Günther Grass (1974 verfilmt von Volker Schlöndorff). Beiden gemeinsam ist, dass ihr Verstand trotz ihres kindlichen Alters präzise arbeitet, wobei Thomas alias Oskar darüber hinaus sprachlich beeindruckend klar auftritt, auch wenn er extrem laut und unglaublich schnell spricht. Im Kontrast zum hypersensiblen Jungen steht der stille, von Max von Sydow großartig gespielte Mieter, der sich mittels Gesten und geschriebenen Kärtchen verständigt. Wie Oskar hat auch der Mieter sein privates Trauma aus einer weltpolitischen Tragödie (dem Zweiten Weltkrieg) zu tragen. Und darin zeigt sich auch die inhaltliche Überfrachtung, die auf die Romanvorlage zurückzuführen ist und sich trotz vieler Abstriche bemerkbar macht.

Stephen Daldry stützt die Inszenierung, nach dem Drehbuch von Eric Roth, auf die Perspektive von Oskar Schell. Bereits in „Billy Elliot“ hat Daldry gezeigt, dass er einen einfühlsamen Blick für die Gefühls- und Gedankenwelt von Kindern hat. Auch Thomas Horn, den er bei einer Junior-Jeopardy-Sendung entdeckte, bringt unter seiner Führung eine großartige Darstellung. Ebenso eindrucksvoll ist es, wie Chris Menges Kamera dem Jungen auf seiner Odyssee durch New York folgt und dessen Emotionen einzufangen weiß. Die Umsetzung bemüht sich darum auch allen anderen Figuren Raum zu geben, was jedoch ein Zuviel an Profilierung bewirkt. Der Film hätte im Gegenteil an Schärfe gewonnen, wenn einige Figuren an Deutlichkeit verloren hätten. Das betrifft vor allem die Eltern, obwohl Hanks und Bullock eine gute Darstellung zeigen.

Daldry legt den Fokus des Films darauf, welche Empfindungen der Verlust eines geliebten Menschen auslöst. Eine Auseinandersetzung mit 9/11 darf jedoch nicht erwartet werden. Die große Tragödie der westlichen Welt spiegelt sich in der kleinen des Kindes. Die Frage nach Sinn muss in beiden Fällen unbeantwortet bleiben. Dass sie mit Schmerz verbunden ist, bringt Daldry deutlich zum Ausdruck, so sehr, dass die Emotionalität des Werks auch überfordert. Das ungleiche Paar, der Junge und der Alte, das durch New York wandert, hinterlässt trotz der brüchigen Geschichte Eindruck. Die Betroffenheit weicht am Ende dem Gefühl, dass „Extrem laut und unglaublich nah“ sehr eindringlich, aber dann doch zu lang und zu traurig ist.

Extrem laut und unglaublich nah (Extremely Loud & Incredibly Close): Regie: Stephen Daldry, Drehbuch: Eric Roth, Darsteller: Thomas Horn, Tom Hanks, Sandra Bullock, Max von Sydow, John Goodman, Laufzeit: 129 Minuten, Kinostart: 16.02.2012