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New York: November

How can you break free and start all over again? Mit dieser alles entscheidenden Frage quält sich Bruce, während weit über ihm bereits die ersten Aasgeier in freudiger Erwartung ihre Kreise ziehen…

Anders gesagt: Man nehme einen tragisch missglückten Banküberfall, einen verwundeten Antihelden auf der Flucht im düsteren Großstadt-Labyrinth, ein paar hartnäckige FBI-Agenten, eine mysteriöse Frau und ein verdrängtes Kindheitstrauma, schüttle alles kräftig durch und heraus kommt ein Film, bei dem man aufs Erste kaum glauben mag, dass es sich hier um keinen weiteren belanglosen Hollywood-Streifen mit Starbesetzung handelt, sondern um eine österreichische Independent-Produktion, die sich stilistisch deutlich abseits des sogenannten Mainstream-Kinos bewegt und dabei wahrlich ins Auge sticht.

Mit ästhetischem Schwarz-Weiß Look folgen die beiden Filmemacher Gerhard Fillei und Joachim Krenn auf eigenwillige Weise den Traditionen des späten Film Noir, knüpfen an die Stilmittel eines Christopher Nolan oder Jim Jarmusch an und erschaffen so anhand der düster-poetischen Bildatmosphäre, des kontrastreichen Licht-Schatten-Spiels, der unkonventionellen, teils rasanten und experimentalfilmartigen Montage, der ständigen Unschärfen, blitzartigen Flash-backs oder eindringlichen Detailaufnahmen ein vor allem auf visueller Ebene überaus eindrucksvolles Filmerlebnis.


 

Doch so groß die Entzückung über die bestechende Bildästhetik auch sein mag, umso ernüchternder verhält es sich bedauerlicherweise mit dem etwas verkümmerten Inhalt des Films. Denn selbst wenn zwar durchaus die Ansätze einer raffinierten, vielschichtigen und spannungsgeladenen Narration gegeben scheinen, wie etwa durch den Einsatz einer puzzlespielartig verschachtelten Erzählstruktur à la Memento, durch die das Mysterium des Films nur fragmentarisch entschlüsselt werden kann, so bleibt New York: November jedoch in eben diesen vielversprechenden Ansätzen stecken. Die Entwicklung des Geschehens wirkt in ihrem Verlauf zunehmend einfallslos, die Auflösung unintelligent, die Charakterzeichnung zu flach. Der durchaus tragischen Geschichte will es einfach nicht so recht gelingen, den zündenden Funken überspringen zu lassen. Und durch die überdramatisierende Filmmusik wird selbst das kleinste Aufkommen an empfundener Empathie noch im Keim erstickt.

Dass ein dermaßen reizvoll verpackter Film den Zuschauer dann doch so kalt zu lassen vermag, tut hier angesichts der höchst abenteuerlichen Entstehungsgeschichte von New York: November fast schon ein bisschen weh. So begann alles vor knapp 15 Jahren mit zwei hoch ambitionierten österreichischen Nachwuchs-Filmemachern, die ihr weniges Erspartes viel lieber in das eigene Filmprojekt als in die ohnehin kaum leistbare Filmausbildung in den Staaten investieren wollten. Und hätten die beiden angehenden Regisseure damals auch nur geahnt, dass die Finanzierung und Vollendung ihres Low Budget–Projektes ein ganzes Jahrzehnt des harten Kampfes bedeuten würden, sie hätten wohl vielleicht die Finger davon gelassen.

Doch Gerhard Fillei und Joachim Krenn sind aus zähem Holz geschnitzt. Als nach kürzester Zeit das Budget aufgebraucht war, begann für die beiden Filmemacher eine mühselige Suche nach immer wieder neuen Geldgebern. Nur wenige Wochen pro Jahr konnte in New York weitergedreht werden. Dazwischen lag das Projekt oft über immense Zeitspannen hinweg auf Eis, die im Film vorkommende kolumbianische Orangenfarm wurde notgedrungen im  Hinterland von Kärnten gefilmt, der Hauptdarsteller hatte nach einer längeren Drehpause 15 Kilo zugelegt, ein weiterer Schauspieler verschwand spurlos und einmal mussten Fillei und Krenn die Rechte an ihrem Filmprojekt sogar verkaufen, nur um sie einige Zeit später wieder zurückersteigern zu können.

Schon allein die Tatsache, dass in New York: November hin und wieder ein Schnitt zum Einsatz kommt, der fünf Jahre Drehpause zu überspringen wagt, ohne unangenehm aufzufallen, kann den beiden Regisseuren nur hoch angerechnet werden – auch wenn dies vielleicht vor allem daran liegt, dass sich die Anschlussfehler im zunehmend unverständlich vor sich hin wütenden Narrationschaos gekonnt zu tarnen wissen. Abgesehen von dem vielen Herzblut, das die beiden jungen Filmemacher in ihr Wahnsinnsprojekt stecken mussten, gilt es auch lobend zu erwähnen, dass sich Fillei und Krenn – was das Genre sowie die Bildästhetik betrifft – recht mutig an bislang im österreichischen Filmschaffen wenig betretenes Terrain heranwagten.

Doch schade, wie so viele Filme scheitert New York: November an einer zu wenig durchdachten Geschichte und bemüht sich stattdessen krampfhaft, mit einer aufwendigen Puzzlestruktur aufzutrumpfen, die hier jedoch, anders als beispielsweise in Memento, nicht so recht ineinander greifen will. Zu karg und banal wirkt die Story, die zwischen all den äußerst ästhetisch in Szene gesetzten Erinnerungsfetzen und schablonenhaften Noir-Elementen durchblitzt. Die Emotion verliert sich im Übereifer der formalen Experimentierfreudigkeit. Übrig bleibt schlussendlich nichts weiter als eine ansehnlich verpackte, jedoch leere Hülle und gleichzeitig ein enttäuschendes Beispiel dafür, dass ein visuell sowie entstehungsgeschichtlich überaus bemerkenswertes Unterfangen noch lange keinen guten Film ausmacht, an den man sich auch morgen noch erinnern wird.

Regie: Gerhard Fillei, Drehbuch: Joachim Krenn, Darsteller: Matthew Mark Meyer, Claudia Vick, Sal Giorno, Tim Kirkpatrick, Jimena Hoyos, Bryan Hanna, Billy Crosby, Nina Hader, Laufzeit: 105 Minuten, Kinostart: 30. 11. 2011