Crossing Europe 2012 © 2012 Crossing Europe

Crossing Europe 2012 – Ein Rückblick

Nach fünf Tagen nonstop Filmprogramm, spannenden Gesprächen, Ausstellungen, Konzerten, Party bis in die Morgenstunden und verheerend unzähligem Happy Hour Freibier ging am letzten Sonntag das Crossing Europe 2012 mit einem erneuten Besucherrekord von knapp 21.000 Festivalgästen auch schon wieder zu Ende…

Wer von Anfang bis Ende trotz durchfeierter Nächte durchhielt und sich bei strahlendem Himmel sowie Temperaturen um die 30 Grad in die stickige Dunkelheit der Kinosäle zurückzog, der wurde reich belohnt. Denn auch in seinem neunten Jahrgang stellte das zweitgrößte Filmfestival Österreichs wieder eindrucksvoll unter Beweis, dass es nicht nur mit einer verlässlich großartigen Filmauswahl aufwarten kann, sondern dass es seinem inoffiziellen und liebevollen Beinamen als Wohnzimmer für den europäischen Film“ wie immer absolut gerecht wird.

Erwähnenswerte, herausragende Filme gab es viele, deshalb sei an dieser Stelle ausschnittsweise nur auf zwei der Preisträgerfilme hingewiesen. Mit dem Jury-Preis ausgezeichnet wurde der polnische Film „Z daleka widok jest piekny“ („It Looks Pretty from a Distance“). Das Spielfilmdebüt von Anka & Wilhelm Sasnal zeigt den zermürbenden Alltag eines kleinen polnischen Dorfes weit abseits von Zivilisation und Lebensträumen. Inmitten von Verwahrlosung, Ödnis und Abfall wohnen hier doch tatsächlich Menschen – so auch Pawel, der sich mit dem Sammeln von Altmetall seinen Unterhalt verdient. Als Pawel eines Tages spurlos verschwindet, bleiben Gier und blinde Zerstörungswut zurück…

Während die Kamera in „It Looks Pretty from a Distance“ mit dokumentarischer Nüchternheit den undurchsichtigen Protagonisten folgt und deren immer seltsamer anmutendes Treiben einfängt, begegnen wir unter der gleißenden Sonne einer abgrundtiefen Hässlichkeit, sozialem Verfall und den dunkelsten Seiten des Mensch-Seins. Das Ergebnis ist unnahbar, rätselhaft und verstörend. Sozialpornograph Ulrich Seidl hätte seine wahre Freude mit diesem kleinen garstigen Film.

Ganz und gar nicht hässlich sind hingegen die beiden charmanten Protagonisten in Andrew Haighs britischem Film „Weekend“, der die Gunst der Festivalbesucher im Sturm eroberte und mit dem Publikumspreis belohnt wurde. „Weekend“ erzählt die Geschichte von Russell und Glen, die am Morgen nach einem One-Night-Stand nicht so recht von einander loskommen wollen. Es folgt ein Wochenende in Bars und Schlafzimmern, ein vorsichtiges gegenseitiges Abtasten, ein spannungsgeladenes Gefecht zwischen zwei grundverschiedenen Typen. Und plötzlich steht die Frage im Raum, ob eine Liebe trotz derart großer Differenzen eine Zukunft haben kann.

Dabei wirkt „Weekend“ beinahe wie eine britisch queere Variante der amerikanischen „Mumblecore“ Filme, was so viel heißt wie: viel Gerede; wenig Handlung; junge Leute auf der Suche nach sich selbst, nach Sinn, nach Nähe; und noch mehr Gerede. Das mag jetzt für den einen oder anderen vielleicht eher abschreckend klingen, erweist sich jedoch in all diesen Filmen als durchaus spannend mit anzusehen. „Weekend“ bringt nicht nur all die Problematiken auf den Punkt, mit denen Homosexualität selbst im 21. Jahrhundert leider immer noch zu ringen hat, sondern thematisiert auch das in heutigen Zeiten zunehmend schwieriger werdende Spiel zwischenmenschlicher Annäherung sehr gut. Es ist ein Film über die kleinen Tragödien, wie sie das Leben um uns herum schreibt, ganz alltäglich, absolut nachvollziehbar und gerade in seiner narrativen Einfachheit tief berührend.

Wer sich auch noch über die anderen PreisträgerInnen schlau machen will, kann dies nach wie vor auf der Crossing Europe Homepage tun. Zuletzt bleibt nur noch mit großer Gewissheit vorherzusagen, dass es im nächsten Jahr (23. – 28. April 2013) ähnlich beeindruckend weitergehen wird, obwohl Intendantin Christine Dollhofer in der Abschluss-Konferenz durchaus betonte, dass das Festival – vor allem nach dem Ausstieg des langjährigen Sponsors A1 – noch immer klar unterfinanziert ist.

Gerade deshalb gebührt vor allem dem unermüdlich engagierten Team hier ein riesengroßes Dankeschön für ein ganz wunderbares Filmfestival.




  • Martina B

    Crossing Europe bietet jedes Jahr ein tolles Programm, Gratulation und Hut ab vor den VeranstalterInnen!! Umso mehr schade oder fast eine Schande, dass für Festivals in Österreich kein Geld da ist – Viennale und Festwochen scheinen die einzig, zumindest halbwegs vernünftig finanzierten Veranstaltungen zu sein… (siehe auch aktuell Let’s CEE Festival)

    • Da stimm ich dir zu. Es gibt zwar überraschend viele Filmfestivals in Österreich, aber wie die es schaffen sich zu finanzieren und Filme zu bekommen ist mir manchmal ein Rätsel. Wobei Bekanntheit der Filme ja nicht zwangsläufig was mit ihrer Qualität zu tun hat. Abgesehen von der Viennale laufen ja kaum weitläufig bekannte Filme auf den Festivals, sondern eher kleinere, unbekannte Werke, die aber meist um Längen besser sind, als die „große“ Konkurrenz.