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Wonne aus der Tonne: Raw

Mahlzeit alle zusammen! Meine regelmäßige Leserschaft weiß – in dieser wundervollen Rubrik des abseitigen Films wurde bisher ausschließlich in der Vergangenheit gewühlt. Nun ist mein guter Jahresvorsatz jedoch, mit Regelmäßigkeiten zu brechen und öfter mal was Neues auszuprobieren. Darum präsentiere ich euch heute mal einen richtig neuen Film. Okay, für unsere schnelllebigen Zeiten ist der auch schon wieder von Vorgestern (also von 2016), aber ich bin mir sicher – er wird die Zeit überdauern. Aber Vorsicht: Empfindliche Mägen sollten sich ein Schüsselchen daneben stellen. So dann!

Raw

OT: Grave, Frankreich/Belgien, 2016, Regie und Drehbuch: Julia Ducournau, Mit: Garance Marillier, Ella Rumpf, Rabah Naït Oufella, u.a.

Justine (Garance Marillier) wächst in einer Familie auf, in der zwei Dinge geteilt werden: Zum einen sind sie Vegetarier, zum anderen Veterinärmediziner. In eben diese Tradition will Justine nun eintreten und beginnt ihr erstes Semester an einer elitären Universität, in der auch bereits ihre ältere Schwester Alexa (Ella Rumpf) studiert. Bei einem etwas seltsamen Initiationsritus von Seiten der älteren Studierenden muss Justine, zum ersten Mal in ihrem Leben, rohes Fleisch essen. Mit verheerenden Folgen. Justine entwickelt ein immer stärker werdendes Verlangen nach frischem Fleisch und Blut, sowie nach ihrem schwulen Mitbewohner Adrien (Rabah Naït Oufella).

Raw von Julia Ducournau ist eines jener bemerkenswerten, und überaus seltenen, Beispiele einer perfekten Mischung aus Arthouse-Drama und Horror. Die junge Regisseurin/Autorin inszeniert einen faszinierenden Film in gemäßigtem Erzähltempo, der seine Spannung und sein Grauen geschickt steigert. Brillant gespielt, vor allem von der hervorragenden Jungschauspielerin Garance Marillier, die eine mutige und absolut glaubwürdige Performance abliefert. Stark feministisch, nicht ohne Humor und angereichert mit einer Reihe unappetitlicher Szenen, wirkt der Film wie eine verjüngte und radikalere Version eines Jane-Campion-Films.

Nachdem beim Screening am Toronto Film Festival ein paar Leute kollabierten und medizinische Hilfe benötigten, ging es in der Debatte um den Film rasch nur noch um seine Unappetitlichkeiten. Und ja, zugegeben – für alle mag dieser Streifen wahrhaftig nicht sein. Dazu ist sein Erzähltempo schon viel zu gediegen, seine Message und tiefer liegenden Themen zu intellektuell. Was die Derbheiten betrifft, so halten sie sich, zumindest für ein horroraffines Publikum, in Grenzen. Klar, allzu empfindlich (wie eingangs erwähnt), sollte der Magen des geneigten Zusehers nicht sein. Regisseurin Ducournau zeigte sich jedenfalls genauso betrübt, wie überrascht, dass der Film derart heftige, körperliche Reaktionen beim Publikum auslöst.

Einziger Kritikpunkt für mich bleibt die letzte Szene, die alles nochmal in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt. Was zwar wohl den gewünschten Überraschungseffekt hat, aber auch eigentlich mehr Stirnrunzeln, als Wohlwollen, zumindest bei mir, hervorgebracht hat. Das erwähnt, muss ich sagen, ein intensives Seherlebnis, eine klare Empfehlung und obendrein für mich einer der interessantesten, ungewöhnlichsten und besten Filme der letzten Jahre, der noch lange nachwirkt. Der Kritikerzuspruch ist enorm, Preise hat er auch genügend abgeräumt. Jetzt muss ihn das Publikum nur noch für sich entdecken.

In diesem Sinne, schnappt euch die nächste Käseleberkäs-Semmel und lasst euch berauschen von diesem wunderbaren Film. Oder von mir aus auch ein Falafel-Sandwich. Wir bleiben auf jeden Fall Verfechter des guten Geschmacks, sozusagen die Gourmets der Filmlandschaft. Und das nächste Mal darf’s auch wieder ein wenig sanfter sein.

Bis dahin Guten Appetit und bleibt seltsam!