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Wonne aus der Tonne: The Frightened Woman

Liebe Damen, liebe Herren, wir nähern uns mit Riesenschritten dem Ende unserer ersten Wonne-Top 10: Gialli aus der 2. Reihe!

Das nächste Exemplar ist wirklich großartig und ich musste äußerst reiflich überlegen, ob das nicht der wahre Platz 1 sein sollte. (Es ist der Platz 1 im Herzen meiner Frau – die ich aber davor erst mal zur Ansicht zwingen musste). Nachdem es sich hier aber im vorliegenden Fall um einen, naja, nennen wir es mal „Kunst-Giallo“ handelt, und ich doch lieber mit einem „traditionelleren“ Film abschließen wollte, heißt unsere Top 2:

The Frightened Woman

OT: Femina ridens, Italien 1969, Regie: Piero Schivazappa, Drehbuch: Paolo Levi, Piero Schivazappa, Darsteller: Philippe Leroy, Dagmar Lassander, Lorenza Guerrieri, u.a.

Dr. Sayer (Philippe Leroy), ein wohlhabender Akademiker, Misogyne und Sadist, entführt die junge Journalistin Maria (Dagmar Lassander) und sperrt sie in seinen hypermodernen Folterkeller. Er spielt jede Menge bizarrer, psychosexueller Spiele mit ihr, oder isst auch einfach nur mal genüsslich ein sehr langes und dickes Marmeladenbrot vor ihren Augen, während sie ihm gefesselt und geknebelt dabei zusehen muss. Aber ist Sayer wirklich der sadistische Frauenmörder, für den er sich ausgibt? Und ist Maria wirklich ein wehrloses Opfer?

Aufschlussreiche Antworten auf diese Fragen gibt das cineastische Prachtstück The Frightened Woman. Regisseur Piero Schivazappa liefert hier einen absurden, teilweise haarsträubenden Erotik-Thriller ab, der dennoch zu jeder Minute der Kunst verpflichtet ist. Schier unglaubliche Dekors, Locations, Bilder, Kamerafahrten – dieser Film ist wirklich ein Meisterwerk der Bilder, das man gesehen haben muss. Ja, muss! Nicht sollte. Gleichzeitig ist diese Geschichte über unterdrückte Triebe und S/M-Praktiken ein perfektes Beispiel dafür, in welch verklemmten (cineastischen) Zeiten wir heute leben. Man vergleiche die weichgespülte Mainstream-„Erotik“ eines Hochglanz-Streifens wie 50 Shades of Grey mit diesem wilden, ungezügelten, dreckigen Kleinod der italienischen Filmkunst.

Der Film kommt in den ersten zwei Dritteln ziemlich frauenverachtend daher, aber wer das glaubt, hat den Film nicht zu Ende gesehen. The Frightened Woman (im Original Femina ridens, also die „lachende Frau“) wurde mit dem englischen internationalen Titel zu einer „ängstlichen Frau“. Das sagt viel aus über den (männlichen) Blick der Marketing-Strategen jener Zeit, und ist trotzdem einfach nur falsch und seltsam. Erst bei Neuveröffentlichungen in den USA wurde aus Maria jetzt doch noch eine „Laughing Woman“. Wer zuletzt lacht…

Quasi im Vorbeigehen werden hier die Grundsteine gelegt für die Karrieren von David Lynch, Pedro Almodóvar und auch ein wenig für die von Paul Verhoeven. Es ist wirklich unglaublich und unerklärlich warum dieser Film derart wenig Beachtung fand (und findet) und nicht auf einer Stufe mit Kultfilmen wie Blow Up steht. Es ist ästhetisches und doch auch sehr humorvolles italienisches Kino at it’s best. Auch wurde argumentiert, dass es sich bei diesem Film in Wahrheit gar nicht um einen Giallo handelt. Das sei dahingestellt. Ich sehe ihn durchaus in einer Tradition mit Filmen wie Lizard in a Woman’s Skin und finde ihn daher in dieser Top 10 gut aufgehoben.

Ein Geheimtipp. Eine große Empfehlung. An eigentlich fast alle. Das nächste Mal kommt also tatsächlich schon Platz 1 der Gialli aus der 2. Reihe. Wie schnell die Zeit vergeht, wenn man sich amüsiert. Bis dahin bleibt frisch und seltsam!

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