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Interview mit Dave Lojek (Regisseur)

Bei der Lenzinale fungierte Dave Lojek als Leiter und einer der Betreuer der jungen Filmemacher. Er selbst ist aber wahrlich kein Kind von Traurigkeit und gehört zu den produktivsten und auf Festivals meistgespielten Kurzfilmregisseuren weltweit.

Mit über 992 Vorführungen auf Festivals, in allen möglichen Genres tätig und bisher 119 Auszeichnungen für seine Arbeiten, ist Dave neben seiner Tätigkeit als Regisseur, Produzent und Verleiher bei APEIRON FILMS auch Direktor des KinoKabarets, des internationalen Filmemacherfestivals in Berlin mit dem Namen KinoBerlino. Als Kritiker und Chefredakteur bei FILM REPORT und Präsident des Video- und Filmverbandes Berlin / Brandenburg e.V. rundet er seine Lebenszeit ab. Beim Festival der Nationen sprachen wir mit dem umtriebigen Regisseur über seine Erfahrungen mit den angehenden Filmemachern bei der Lenzinale, über die Kurzfilmszene, seine Eindrücke vom Festival und was das Besondere am Kurzfilm ist.

Angefangen hast du im schriftstellerischen Bereich und warst Kursleiter für junge Autoren. Wie ist der Wechsel zum Film zustande gekommen?

D: Also, mein Leben lang hab ich schon Filme konsumiert. So wie jeder. Wahrscheinlich ein bisschen mehr als andere… viel, viel, viel mehr als andere (lacht). Also ich bin vorm Fernseher sozialisiert worden und hab dann irgendwann vor 15 Jahren mal die Kinokarten gezählt, die ich während meines Studiums verbraten habe, sozusagen, und bin da auf 5.000 DM gekommen – muss also ganz schön viel geguckt haben im Kino. Dann kam ich in eine Gruppe Filmkritiker und schaue seitdem alles im Kino gratis, worauf ich Lust verspüre. Im Studium der Anglistik / Amerikanistik und Kulturwissenschaft hab ich manchmal Filme oder Werbungen analysiert, auch ein paar kleine Sachen gedreht, wurde auf Drehs mitgenommen, musste da mal spielen, war in anderen Städten. Nach dem Studium fand ich so einen Flyer von dieser Veranstaltung (deutet auf seinen Pullover mit der Aufschrift „KinoBerlino“) und da stand „shoot, cut and go“ drauf und ein Kamerasymbol und eine Website. So dachte ich mir, „da geh ich mal hin“, und ja, zwei Tage später hatte ich meinen ersten Film gemacht. Da hab ich erfahren, „wow“, das gibt’s auch noch woanders, in anderen Städten. Also bin ich dort auch bald hingefahren zum Drehen und hab gemerkt: Das ist eine weltweite Bewegung und die gibt’s auch noch in anderen Ländern. Flux reiste ich auch durch Europa, drehte in 12 Ländern Kurzfilme. Irgendwann war dann die Schlussfolgerung: Jetzt bring ich’s auch anderen bei, wie das geht.

Und das gibt es ja auch noch immer, das „KinoBerlino“?

Genau, jetzt leite ich das.

Dave-Lojek-(c)-Apeiron-Films

Das heißt, an sich bist du jemand, der sich dafür einsetzt, jungen, angehenden Regisseuren zu helfen und sie anzuleiten. Wie war das da jetzt für dich bei der Lenzinale?

Ich konnte das so gestalten, wie ich es sonst auch mache, nur mit viel, viel mehr Zeit. Wir hatten zwei Wochen. Wir konnten über Drehbücher tatsächlich Worte wechseln. Wir konnten die einen ganzen Abend lang lesen, besprechen, die Enden nochmal abfeilen. Ich hätte ja gerne noch mehr Zeit gehabt. Der für einen Tag geplante Kamera-Workshop hat dann aber komplett zwei Tage gedauert und mir da praktisch einen Tag weggenommen. Ich wollte den Studenten aber auch genug Drehzeit geben. Wir haben die Leute eingeplant nach Tagen und Equipment und wer wo mithilft. Hatten also Teampläne, Drehpläne und Technikpläne gemacht zusammen mit Arne. Die dann ein bisschen, na ja, sich änderten und je nach Bedingungen, Wetter und Schauspielern angepasst werden mussten. Wir durften sie ja auch unterstützen beim Schnitt. Wir sollten das ja alles begleiten. Daniel hat sich später gewünscht, dass ich mitgegangen wäre ans Set. Das ging leider nicht. Das wäre dann mein Film geworden. Wenn du so viel Erfahrung und Einfluss hast, dann siehst du die Fehler sofort und willst einfach eingreifen, aber sie müssen sie selber machen. Nur dann lernt man daraus.

Wieso wäre es dir denn schwergefallen, dich zurückzuhalten?

Na ja, meine Aufgabe war es ja, dass ich es ihnen ermögliche, sozusagen. Ihnen die Voraussetzungen gebe, selber einen Kurzfilm zu machen und daraus zu lernen. Zur Einstimmung, quasi zum Muntermachen, habe ich ihnen dann auch Kurzfilme gezeigt, die man zu zweit, zu dritt, in zwei Stunden, in vier Stunden gemacht hat, sozusagen mit gar nichts, manche sogar mit einer Person, mit einem Licht, mit einer Kamera, mit einem Ort. Und viele hatten ja den Anspruch Fiktion, also fiktive Filme, zu machen und Erfahrung hatten sie fast alle nicht in diesem Bereich. Das heißt, sie haben sich super entwickelt, ich bin sehr stolz auf alle, wie auch immer das dann geworden ist. Da könnte man ja ewig kritisieren, aber ich kenn die Bedingungen, war ja dabei. Sie hatten mehr Zeit, als die Leute bei unseren KinoKabarets. Die haben nur zwei oder drei Tage vom Teamaufbau bis zur Kinopremiere, sollen aber Ideen schon mitbringen.

Was sind denn die Rahmenbedingungen, zum Beispiel bei deinen Workshops?

Sie heißen KinoKabarets. Jeder ist erlaubt, jede darf kommen. Es gibt eine Zeitbegrenzung, sowohl von Film als auch der Drehzeit. Die Technik wird geteilt. Man bringt alles mit, was man hat und schaut, dass man was zusammenkriegt. Genug für einige Filmteams oder auch ganz viele. Es ist kein Wettbewerb, alle können sich untereinander helfen und in den Teams gegenseitig mitmachen. Mir werden auch oft Drehbücher in die Hand gedrückt, wo es heißt, „Mach mal!“ Dann mach ich halt.

Also das heißt, du schreibst deine Drehbücher nicht selber?

Ich hab mir früher sehr viel selber ausgedacht, dann aber gemerkt, es gibt auch Leute, die besser sind (lacht). Meine Fachbereiche sind halt Regie, Schnitt, Produktion und Distribution. Die Ideen lass ich mir gerne geben. Ich entdecke dabei aber auch oft, dass es dann doch was über mich ist. Nicht nur, weil ich das dreh. Sondern da steckt was drin, was … die Autoren kannten mich auch oft vorher nicht, aber es fließt dann doch auch irgendwas von mir ein. Meine Art, keine Ahnung. Das heißt nicht, dass mir immer alles gefällt, was ich fabrizierte. Es war jedoch immer gut, es gemacht zu haben. Auch die ganzen Fehler, die ich schlimmer und öfter gemacht habe, als jeder andere hier.

Was ist für dich das Besondere am Kurzfilm? Also wieso ausgerechnet der Kurzfilm? Es ist ja doch ein sehr spezielles Nischenprodukt, sagen wir mal.

Ich glaube, es ist das „im-Moment-Sein“. Es ist einfach eine ganz andere Philosophie, als sich verkaufen zu müssen und eine Dienstleistung abgeben zu müssen. Bei Werbung ist das ja offensichtlich der Fall oder bei großen, teuren Spielfilmen. Die werden immer abgesegnet von Leuten, die weit weniger Erfahrung haben, als ich. Wie soll ich mir was absegnen lassen von Leuten, die zwei, drei Filme gemacht haben oder zwanzig. Ich hab halt diese Erfahrung von nunmehr 164 eigenen Filmen und sie haben ihre. Die ist auch völlig relevant und ganz toll. Ist halt ein anderer Weg. Möchtest du ein industrielles Verkaufsprodukt machen und dich dann, sozusagen, in die Maschinerie hineinbegeben, oder siehst du lieber diese Vielfalt der Kultur, die sich ja in unendliche Nischen und unendliche Breiten auffächert beim Kurzfilm?

Also das heißt, es geht dir viel darum, dass du unabhängig deine Sachen machen kannst?

Es ist das Lernen, mit der Freiheit umzugehen. Mit der absoluten. Also auch mit der Bedeutungslosigkeit, sozusagen. Aber natürlich, viele wollen in die Industrie rein, für viele geht es darum, ein kleines Rädchen in der Maschinerie zu sein. Aber weißt du, da kann ich auch genauso gut ein kleines Rädchen außerhalb sein.

Dave-Lojek-(c)-2015-Filmpreis-medium,-Photographer-Natasha-Morokhova

Wie ist das, wenn du selber viel mit Jugendlichen arbeitest, aber schon so viel Erfahrung hast? Lernst du da selbst trotzdem auch noch was dabei? Siehst du die Dinge dann manchmal anders oder erkennst neue Zugänge?

Teilweise. Es ist aber auch spannend, zu sehen, wie in kurzer Zeit manche Leute schon so ein Niveau erreichen, wofür wir damals viel länger gebraucht haben. Heute haben sie halt technische Möglichkeiten, das feiner zu machen. Also ich bin schon froh, weil die Lenzinale den gewünschten Effekt erzielte.

Bist du eigentlich zum ersten Mal beim Festival der Nationen?

Äh, physisch ja (lacht). Filme von mir wurden hier schon oft gezeigt, aber jetzt hatten sie mich für die Lenzinale eingeladen. Da dachte ich mir halt, „ja, na gut, das klingt sehr verlockend.“ Ich habe oft schön reden hören, von den ganzen Alt-Besuchern, von den Stammgästen. Das wollte ich mir dann doch mal anschauen.

Was ist denn dein Eindruck vom Festival, jetzt wo du es mal live erlebt hast?

Eine unglaubliche Vielfalt an Programm. Der Versuch, so gut wie jeden Geschmack bedienen zu wollen. Alles auf einem sehr, sehr hohen Niveau. Eigentlich fast schon zu hoch, weil das gar nicht nötig gewesen wäre, es so hoch anzusetzen, denn es ist gar kein großes Publikum anwesend, was diese Sachen guckt. Also dann kann man auch das Niveau wieder ein bisschen runternehmen und die lokaleren Filmer und die von früher wieder mehr reinziehen oder die jungen, angehenden Filmemacher mit wenig bis gar keiner Erfahrung, die wir ja heuer auch hatten, mehr noch stärken. Jetzt ist es praktisch ein „Katalog-Festival“ geworden. Ich nenn das so, wenn größtenteils Verleih-Filme laufen, die ohnehin auf jedem Festival vertreten sind. Bei den Festivals, wo ich Einfluss auf das Programm hab, ist das nicht mehr so. Da wirst du solche Verleih-Filme nicht mehr oft finden. Ich möchte lieber frisches, unbekannteres Zeug zeigen auch mit der Gefahr, dass die Qualität ein klein wenig sinkt. Den Abgedrängten wollen wir die Chance geben, ihre Filme auch zu zeigen.

Glaubst du, dass es heutzutage mit den technischen Möglichkeiten leichter ist, Filme zu machen, als früher?

Jeder ist Filmemacher mittlerweile. So gut wie jeder nimmt irgendwas irgendwann auf. Mit einem Telefon, mit einem Fotoapparat. Also ja! Es ist leichter FILME zu machen. Aber nein, es ist nicht leichter GUTE Filme zu machen. Oder ZEIGBARE Filme. Da wird das Niveau so hoch gesetzt, dass es wieder demotivierend ist. Aber im Grunde muss man nicht mal eine Kamera besitzen um Filme zu machen. Wenn du ein gutes Drehbuch hast, musst du es nicht unbedingt selbst umsetzen. Gib es jemanden mit mehr Erfahrung, das ist mein Tipp. Gib’s mir (lacht)!

Möchtest du zum Abschluss noch was sagen?

Probiert viel aus, traut Euch, denkt nicht immer nur an die Verwertung! WennIihr was Gutes habt, dann auch, ja. Aber spielt rum, nehmt Eure Telefone, findet immer mehr Leute, die zusammen mit Euch was machen. Ihr werdet die meisten davon wieder verlieren, das ist egal. Dafür hat man dann einen Facebook-Kontakt mehr (lacht).

Vielen Dank für das Interview.

Dave‘s Filme und Meriten stehen online bereit zum Anschauen: www.apeiron-films.de