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Zero Dark Thirty

5
Drama

Kathryn Bigelow und Mark Boal haben mit Kriegsfilmen bereits Erfahrung gesammelt. Für The Hurt Locker wurden beide mit dem Oscar geadelt. In Zero Dark Thirty widmen sie sich der Menschenjagd auf Amerikas Staatsfeind Nr. 1: Osama bin Laden…

Maya (Jessica Chastain) arbeitet für die CIA an der Verfolgung und Ergreifung des Terroristen Osama bin Laden und allen, die mit ihm und seinem Netzwerk in irgendeiner Verbindung stehen. Ihr Job besteht vorwiegend aus dem Verhör von Verdächtigen, bei dem auch Folter eine wesentliche Rolle spielt, und dem hartnäckigen recherchieren und folgen von Spuren, meistens vom Schreibtisch aus. Für die Feldeinsätze hat sie Unterstützung von ausgebildeten Soldaten und Sondereinheiten (u.a. Joel Edgerton und Jason Clarke). Als sie tatsächlich eine heiße Spur entdeckt, die dazu führen könnte, das Versteck bin Ladens zu finden, sind es aber vor allem die bürokratischen Widerstände in den eigenen Reihen, die ihr im Weg stehen.

Die Handlung und damit auch Ausgang der Geschichte wurden während der Produktion von der Realität eingeholt, wodurch das nachfolgende Ende (und somit der Erfolg der Operation) hinlänglich bekannt ist und somit für keinerlei Spannung sorgt. Daher könnte man meinen, dass sich der Film mehr auf die Komplexität seiner Figuren und die Schwierigkeiten der Jagd selbst konzentriert. Weit gefehlt. Nicht nur, dass dem Zuschauer keinerlei Identifikationsfläche geboten wird, verweigern ihm die Filmemacher zudem jegliche Motivationshintergründe der Figuren. Warum ist Maya so besessen von der Jagd? Ist sie einfach nur derart patriotisch veranlagt oder steht für sie der Job über allem? Und über was genau steht er dann eigentlich? Hat sie überhaupt ein Privatleben?


Vielleicht ist dieser Aspekt gar nicht so wichtig – der Film selbst ist doch sehr dokumentarisch ausgelegt. Doch wodurch, worüber bezieht Zero Dark Thirty dann seine Spannung? Warum sollte man ihn sich anschauen? Protagonistin Maya erklärt ihr Handeln dadurch, das sie einfach der Überzeugung folgt, auf der richtigen Spur zu sein – und (Spoiler, vermutlich) am Ende ist sie es auch. Chastains Figur bleibt jedoch ein oberflächlicher Charakter, genau wie der Rest des Ensembles. Das führt dazu, dass Zero Dark Thirty nichts weiter ist als abfotografierte Realität, so dokumentarisch wie möglich, auf Kosten der Dramaturgie, die einen potenziell interessanten, anspruchsvollen Film in eine langweilige Aneinanderreihung von Fakten verwandelt. Aber Möglichkeiten wären durchaus vorhanden gewesen – in einigen wenigen Momenten, merkt man, dass hier ein brisanter Ansatzpunkt vorhanden ist. Zero Dark Thirty zeigt nämlich die Jagd nach bin Laden als etwas, dass nichts mit Gerechtigkeit oder der gesetzmäßigen Ergreifung eines Terroristen zu tun hat, sondern nichts weiter ist, als plumpe Rache. Doch dieser Aspekt geht unter, angesichts der Überlänge an langweiligen Momenten, wodurch sich die Frage stellt, ob diese Sichtweise überhaupt von Bigelow beabsichtigt war?

Was man der Regisseurin jedoch zugute halten muss: Die Schwächen des Films sind nur bedingt durch ihr handwerkliches Geschick verschuldet, denn ihre Inszenierung ist wie immer gekonnt und stilsicher. Sie weiß ganz genau, wie sie eine Szene ins Bild setzen und ihre Schauspieler anleiten muss. Das wirkliche Problem liegt viel eher im mangelhaften Drehbuch begründet. Abseits der eindimensionalen Figuren und der spannungsarmen Handlung, erreicht Mark Boals Drehbuch an keiner Stelle die aufrüttelnden Emotionen seines Vorgängers The Hurt Locker. Sein aktuelles Werk konzentriert sich lieber auf Fakten als auf eine eindringliche Figurenzeichnung, was den Zuschauer zu einer unterkühlt-distanzierten Haltung gegenüber Zero Dark Thirty verleitet. Wenn am Ende der Einsatz zur Ergreifung gezeigt wird – das große Finale, der Climax – ist es eigentlich schon zu spät, um dem Film noch Schwung zu verleihen. Gleichzeitig stellt der Zuseher wehmütig fest, wie grandios und fesselnd gerade diese letzten Minuten inszeniert sind. 

Weiters überraschend ist der Umstand, dass man von unreflektiertem Patriotismus verschont bleibt. Es liegt die Vermutung nahe, dass die Protagonistin ihren Job nur deshalb so gewissenhaft ausübt, weil sie eine glühende Patriotin ist – aber es bleibt genau das: eine Vermutung. Obwohl Zero Dark Thirty leicht zu einem die bin Laden Menschenjagd glorifizierendem Machwerk hätte verkommen können, vermeiden Bigelow und Boal diesen Weg – zum Glück. Was am Ende für Maya, trotz des Erfolges ihrer Mission bleibt, ist Leere und Einsamkeit … dem Zuschauer ist es zu diesem Zeitpunkt jedoch egal.

Zweite Meinung von Christoph:

Obwohl einige der erwähnten Kritikpunkte von Marco nachvollziehbar sind (ja, einige der Figuren sind eindimensional gehalten und die eine oder andere Szene erweist sich vielleicht als etwas zu ausgedehnt), so hat Kathryn Bigelows Zero Dark Thirty in vielerlei Hinsicht als semi-dokumentarischer Anti-Kriegs-Thriller ganz hervorragend funktioniert. Zum einen stellt Jessica Chastains Figur, die tatsächlich einer real existierenden oder aus mehreren unterschiedlichen weiblichen CIA-Analytikerinnen zusammengestellten Person nachempfunden wurde, nur einen Platzhalter für den Zuseher dar, der mit ihr und durch sie das in vielen Aspekten schwierige Unterfangen jener Menschenjagd miterlebt. Bürokratische Hürden, Fehlentscheidungen, komplexe Verknüpfungen unterschiedlichster Gesprächspartner und das Suchen einer unendlich verwirrten Spur zur Mutter aller Ziele wird dramaturgisch so gekonnt aufbereitet, das dieses eigentlich zur Langeweile verdammten Prozedere kaum ermüdend, geschweige den unnötig erscheint.

Der dokumentarische Stil, der immer wieder mit klar filmischen Elementen aufgelockert wird, ist hier in höchst unterhaltsamer Form aufbereitet, so das sich der eine oder andere Zuseher spannungsbedingt in der letzten, fast 30-minütigen Sequenz noch fragt, ob der Staatsfeind Nummer Eins vielleicht doch nicht gefasst wird. Die Tatsache, das die einleitenden Minuten, die in den USA dank diverser Senatoren und sogar mithilfe eines Kommentars des CIA-Leiters eine gewaltige Kontroverse rund um Foltermethoden ausgelöst haben,  vergegenwärtigt die politische Brisanz der grundlegenden Thematik von Zero Dark Thirty zusätzlich.

Regisseurin Bigelow schafft es, mit ihrem neuen Werk das moralische Dilemma der US-Außenpolitik in vielerlei Hinsicht kritisch zu hinterfragen, ohne selbst wertend mit der moralischen Keule um sich zu schwingen. Und auch wenn der Film bei einigen nicht die Wirkung entfachten sollte, die in ihm inne wohnt, so wirft er zumindest einiges an Gesprächsstoff auf – was man in den letzten Jahren von immer weniger Produktionen behaupten kann.

Regie: Kathryn Bigelow, Drehbuch: Mark Boal, Darsteller: Jessica Chastain, Jason Clarke, Kyle Chandler, Mark Strong, Joel Edgerton, Laufzeit: 157 Minuten, Kinostart: 01.02.2013, www.zerodarkthirty-movie.com




  • Martina Z

    Ich bin wie Marco eher in der Mitte. Die Gliederung und den dokumentarischen Part fand ich sehr gut, doch der filmische war mir zu plakativ, das schwache Drehbuch (Klischees) hat vieles unglaubwürdig gemacht. Die Inszenierung wirkt mitunter regelrecht falsch, z.B. wenn es darum geht, unauffällig zu sein, erzeugt sie den gegenteiligen Effekt. Und dann gibt es noch ein paar rätselhafte Absurditäten und Schlussfolgerungen (eine Agentin bäckt einem Informanten einen Kuchen??? es sind drei Frauen zu sehen, deshalb müssen auch drei Männer im Gebäude sein usw. usf.).
    Jessica Chastain war meiner Meinung nach fehlbesetzt, rein optisch schon.
    Längen empfand ich allerdings keine und positiv ist auch, dass es kein patriotischer oder tendenziös wertender Film ist. Ein bisschen mehr hätte es aber schon noch sein können.

    • Marco

      Stimmt, glaub das hab ich in meiner Kritik vergessen zu erwähnen, dass die Abwesenheit eines übertriebenen Patriotismus sehr angenehm ist und überhaupt versucht nicht wertend zu sein, sondern dem Zuschauer das selbst überlässt.
      Im Grunde muss ich auch sagen, dass es durchaus interessante Ansätze gibt, nur eben das Drehbuch funktioniert schon so gar nicht.

  • Chris

    Hätte übrigens mit 4.5 von 5 gewertet, falls sich das aus der zweiten Meinung nicht herauslesen lässt…

    • Marco

      viel zu hohe Bewertung 😉