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The Weekend Watch List: Rambo – First Blood

10
Actiondrama

Sylvester Stallone ist es gelungen neben seinem Rocky Balboa noch eine zweite ikonische Filmfigur zu verkörpern und (mit) zu erschaffen: den traumatisierten Vietnam-Veteran John Rambo. Sein erster filmischer Auftritt in Rambo – First Blood ist nicht nur ein perfekter Actionfilm, sondern ein (was oft vergessen wird) eindringliches Charakterporträt eines durch den Krieg zerstörten Menschen.

Der ehemalige Green Beret John Rambo (Sylvester Stallone) sucht einen alten Kriegs-Kameraden auf, nur um zu lernen, dass er an Krebs verstorben ist. Ziellos wandert er in die nächste Kleinstadt und wird dort vom hiesigen Sheriff Teasle (Brian Dennehy) aufgegriffen. Zunächst gibt er ihm noch eine Mitfahrgelegenheit und eine Warnung mit auf den Weg, sich nicht mehr in seiner Kleinstadt blicken zu lassen. Doch Rambo hat es satt herumgeschubst zu werden und dreht auf der Stelle wieder um. Dem Sheriff bleibt nichts anderes übrig, als Rambo zu verhaften. Eingesperrt und sich in die Enge getrieben fühlend, bricht Rambo aus und wird prompt von der örtlichen Polizei verfolgt. Es entfacht ein Kleinkrieg zwischen Rambo und Teasle.

Rambo – First Blood ist aufgrund seiner Fortsetzungen leider in Verruf als brutaler, martialischer Actionfilm geraten, mit einem nicht minder gewalttätigen Protagonisten. Ein Umstand, der auf die Fortsetzungen durchaus zutrifft. Betrachtet man den ersten Teil jedoch losgelöst von den, von Hollywood und Stallone zu einer Karikatur seiner selbst übertriebenen Sequels, wird man mit einem zwar durchaus harten, aber nicht minder dramatischen, erschreckend ehrlichen und stellenweise einfühlsamen Charakter- und Gesellschaftsporträt belohnt. Man vergisst leicht, dass Rambo – First Blood auf dem (Debüt!) Roman von David Morrell basiert, der mit seiner Figur und Geschichte, die gut 10 Jahre vor der Verfilmung veröffentlicht wurde, nicht nur einen Bestseller, sondern auch ein von den Kritikern hochgelobtes Werk geschaffen hat.

First Blood (so der Originaltitel des Romans) galt nicht nur als eines der ersten Bücher, das sich mit dem Vietnam-Trauma beschäftigte, sondern war lange Zeit auch Pflichtlektüre an amerikanischen Schulen und Universitäten. Ähnlich wie der erste Teil der Rambo-Reihe durch die Fortsetzungen in Verruf geraten ist, ging es leider auch Morrell mit seinem Roman, der im Zuge der zunehmend brutaleren, banaleren und sinnlosen Fortsetzungen viel an Reputation eingebüßt hat. Zwar hat Stallone, der am Drehbuch zum Film mitgearbeitet hat, einige Änderungen, vor allem was die Darstellung John Rambos betrifft (das Buch beschreibt ihn als weitaus brutaler und gnadenloser in seinem Kampf gegen seine Verfolger), vorgenommen, es ist ihm, seinen Co-Autoren und Regisseur Ted Kotcheff jedoch gelungen die Essenz der Geschichte und Figur beizubehalten, wodurch Rambo – First Blood nicht einfach nur ein plumper Actionfilm ist, sondern ein Actiondrama, das den Vietnamkrieg und seine Auswirkungen auf Soldaten und Bevölkerung in dem Mikrokosmos der Kleinstadt und dem Kampf zwischen Rambo und Teasle verwandelt.

Ted Kotcheff zeigt als Regisseur ein unglaubliches Gespür die Balance zwischen Action und ruhigeren, dramatischen Szenen zu halten, während seine Regie die Aufmerksamkeit nie auf sich selbst lenkt, sondern stets der Geschichte und den Figuren dient. Figuren, die von durch die Bank weg perfekt besetzten Schauspielern dargestellt werden. Hat Stallone schon für Rocky damals viel Lob für seine Leistung bekommen (und zuletzt für seine Darstellung in Creed – Rocky’s Legacy), zeigt er auch in Rambo – First Blood sein schauspielerisches Potenzial in der Darstellung einer seelisch und emotional zerstörten Person, die mehr ist als die plumpe Reduzierung auf sein gewaltsames und gnadenloses Handeln. Gerade in den letzten Momenten des Films (ein Ende, das ursprünglich anders geplant und von vornherein jegliche Fortsetzung zunichte gemacht hätte) zeigt Stallone, zu was er als Schauspieler wirklich imstande ist. Aber auch Richard Crenna als Colonel Trautman (Rambos Ausbildner, Vorgesetzter und Ersatzvater Figur) und Brian Dennehy als Sheriff Teasle (der in keinem Moment ein eindimensionaler “Bösewicht” ist, sondern in jeder Sekunde eine klare und nachvollziehbare Motivation vorweist) machen ihre Sache großartig.

Rambo – First Blood ist mehr als ein perfekter Sonntags-Actionfilm, es ist vielmehr ein (zugegeben actiongeladenes) Charakterporträt, das das Trauma des Vietnamkriegs in seinem Mikrokosmos dramaturgisch aufarbeitet. In dieser Hinsicht sollte der Film eigentlich auf einer Stufe mit solchen Werken wie Taxi Driver oder Die durch die Hölle gehen stehen, tut er leider aufgrund seiner Sequels nicht, aber für jeden, der Rambo – First Blood noch nie oder schon lange nicht mehr gesehen hat: gebt ihm eine Chance, er hat sie sich wahrlich verdient.

Regie: Ted Kotcheff, Drehbuch: Michael Kozoll, William Sackheim, Sylvester Stallone, basierend auf dem Roman First Blood von David Morrell, Darsteller: Sylvester Stallone, Richard Crenna, Brian Dennehy, Bill McKinney, Filmlänge: 93 Minuten, DVD/Blu-Ray Release: 07.11.2000