Der-Kampf-ums-Drehbuch-Teil-1-©-2013-Marco-Rauch

Der Kampf ums Drehbuch – Teil 1

AUFBLENDE
INT. PRESSPLAY REDAKTION NACHT
Die Schreibtische sind ordentlich aufgeräumt, die Lichter abgedreht. Nur an einem einzigen Tisch brennt noch ein Licht. Dort sitzt, begraben unter Zetteln und zerzausten Haaren, MARCO und müht sich ab seinen nächsten Artikel für Sonntag fertigzustellen.

INT. MARCOS SCHREIBTISCH NACHT
Marco liest sich die Absätze seines neuen Artikels durch. Eigentlich wiederholt sich nur ein Satz ständig: „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.“ Dann löscht er sie wieder. Die leere Seite lächelt ihm zu, während es immer später und später wird. Er vergräbt sein Gesicht zwischen seinen Händen. Dabei fällt sein Blick auf einen Stapel Zettel, das Drehbuch an dem er gerade arbeitet. Eigentlich sollte er einen neuen Artikel schreiben, aber seine Gedanken sind schon bei den Figuren und der Geschichte, dem Drehbuch und dem Film, der daraus entstehen soll.

BILLY WILDER
Die ewige Frage: was kommt zuerst, die Figuren oder die Geschichte?
Weißt du, warum ich angefangen habe Regie zu führen?

Marco fährt erschrocken hoch, als auf einmal der legendäre BILLY WILDER vor ihm sitzt.

BILLY WILDER
Ich wollte nicht, dass andere meine Drehbücher versauen. Weil ein
schlechter Regisseur ein großartiges Drehbuch niemals
vollständig zerstören kann.

Marco nickt nur und setzt sich wieder an seinen Schreibtisch. Billy Wilder tippt mit den Fingern auf Marcos Drehbuch.

MARCO
Aber ich weiß noch gar nicht, ob ich selber Regie führen will.

Plötzlich taucht ROBERT MCKEE mit zwei Kaffeebechern in Händen auf, einen gibt er Billy Wilder, den anderen behält er sich selbst, und gesellt sich dazu. Außerdem, überall subtil drapiert, Ausgaben seines Buches Story. Die Prinzipien des Drehbuchschreibens.

ROBERT MCKEE
Ein gutes Drehbuch ist stets der Anfang eines guten Films und wenn
du dein Drehbuch so weit und so gut ausgearbeitet hast, dass du es
nicht mehr besser hinbekommst, dann wirst du es auch getreu verfilmt
sehen! Egal wer Regie führt!

MARCO
Na ja, so eng würde ich das nicht sehen, der Regisseur hat schon auch
großen Einfluss.

McKee zuckt mit den Achseln.

MARCO
Denkt doch nur mal an Ridley Scott, wie oft und stark er Drehbücher
umarbeiten lässt. Robin Hood war gar nicht mehr zu erkennen, nachdem
er das Drehbuch überarbeiten hat lassen.

ROBERT MCKEE
Na und! Schreib es! Du musst ohnehin in erster Linie für dich
schreiben!

BILLY WILDER
Die Regie kommt ohnehin erst hinterher. Außerdem, wer wäre besser geeignet deine Vision umzusetzen,
als du selbst?

EXT. PRESSPLAY REDAKTION NACHT
Plötzlich faltet sich das Dach der Redaktion auf, wie ein Buch.

INT. PRESSPLAY REDAKTION NACHT
Wilder, McKee und Marco starren gen Himmel, als auf einmal CHRISTOPHER NOLAN, in langem wallenden Mantel zu ihnen herabsteigt.

CHRISTOPHER NOLAN
Absolut richtig. An Inception habe ich zehn Jahre lang gearbeitet und
es hat sich ausgezahlt. Glaubst du, das hätte ich von irgendwem anderen
machen lassen?

McKee und Wilder verdrehen die Augen.

CHRISTOPHER NOLAN
Es wurde sogar damit beworben, dass es ein Originaldrehbuch war, weil
es so … äh … originell war.

Nolan blättert das Drehbuch von Marco vom Ende zum Anfang durch, dann legt er es auf den Platz zurück. Als er Marcos verwirrten Blick sieht:

CHRISTOPHER NOLAN
Ich arbeite immer vom Ende zum Anfang.

Nolan zwinkert ihm zu.

BILLY WILDER
Lass dich nur nicht von anderen
einwickeln. Bleib deiner Vision treu.

McKee wendet sich an Nolan.

ROBERT MCKEE
Es spielt absolut keine Rolle, ob ein Drehbuch Original oder eine
Adaption ist, beides muss erst geschrieben werden, also bilde dir
nicht zu viel ein!

CHRISTOPHER NOLAN
Sag mal, hast du Inception überhaupt gesehen? Da kommt auch viel von
Freud drinnen vor und das in einem großen Hollywood-Film. Niemand kann
Unterhaltung und intelligentes Geschichtenerzählen so verbinden wie ich.

INT. CHRISTOPHS SCHREIBTISCH NACHT
Plötzlich springt SIGMUND FREUD durchs Fenster, bis an die Zähne bewaffnet.

SIGMUND FREUD
NOLAN!!!

Nolan fährt herum.

CHRISTOPHER NOLAN
Der schon wieder.

SIGMUND FREUD
Ich bin gekommen um Rache zu nehmen für das, was du mir angetan hast.

Freud attackiert Nolan und sie liefern sich einen Kampf, auf allen Ebenen. Sie rennen die Wände hoch, der Raum stellt sich auf den Kopf, bis sie letztlich in einer Winterlandschaft sind und alles zu Kleinholz verarbeiten.

INT. MARCOS SCHREIBTISCH NACHT
Während McKee, Wilder und Marco dem Kampf zuschauen, hat sich CHARLIE KAUFMAN über das Voice Over (V.O.) in die Redaktion geschlichen und wirft einen heimlichen Blick in Marcos Drehbuch.

CHARLIE KAUFMAN (V.O.)
Ein Schriftsteller, und genau das bist du, unabhängig davon ob du Romane
oder Drehbücher schreibst, muss neue Wege beschreiten, er ist vor
allem zur Wahrheit verpflichtet. Du quälst dich, bemühst dich, kämpfst
um jeden Satz, den du deinen Figuren und deiner Geschichte
abringst, aber sei niemals so stur, nichts zu verändern, falls etwas
Besseres rauskommt.

ROBERT MCKEE
Ich könnte es nicht besser sagen. Auch wenn ich es nicht als Voice
Over gesagt hätte!

CHARLIE KAUFMAN (V.O.)
Warum bin ich hier? Ist das meine Fantasie oder seine? Machen die
sich lustig über mich? Ich wette, er hat nichts verstanden, von dem was
ich gesagt habe.

INT. CHRISTOPHS SCHREIBTISCH NACHT
Eine Explosion in Christophs Büro. Freud und Nolan schleudert es durch die Luft, an die Decke, sie liegen an der Wand, die sich gedreht hat, damit sie der Boden ist … oder sowas in der Art halt.

INT. MARCOS SCHREIBTISCH NACHT

ROBERT MCKEE
Billige Effekte, die über den Mangel an Inhalt hinwegtäuschen!
Lass dich davon nicht beirren!

CHARLIE KAUFMAN (V.O.)
Nicht schon wieder sowas Lächerliches, das hat doch nichts
mit dem Leben zu tun, wo bin ich da nur reingeraten?

McKee steht theatralisch auf und baut sich vor den Anwesenden auf, wie vor einem Auditorium.

ROBERT MCKEE
Und wehe du benutzt Voice Over! Etwas Billigeres gibt es nicht!

Kaufman verdreht die Augen.

BILLY WILDER
Ich habe oft Voice Over benutzt.

Als Marco zu ihm sieht, legt Wilder schnell Marcos Drehbuch wieder zur Seite, in dem er gerade geblättert hat. McKee setzt sich wieder hin.

ROBERT MCKEE
Ja … okay … du hast das aber auch gut gemacht, dann ist es ja okay!

CHARLIE KAUFMAN
Ach und ich etwa nicht?

Kaufman bittet mich das soeben Gesagte nachträglich als Voice Over einzufügen, als er merkt, dass er es tatsächlich gesagt hat. McKee fixiert ihn mit ernstem Blick.

ROBERT MCKEE
Zu exzessiv.

INT. CHRISTOPHS SCHREIBTISCH NACHT
Eine Gestalt erhebt sich vor den Flammen und durch den sich lichtenden Rauch tritt Nolan zum Vorschein.

CHRISTOPHER NOLAN
Action ist genauso legitim wie jedes andere Genre auch, es ist
doch auch nur eine Metapher für die Hindernisse und Gefühle der Figuren
und der Handlung, den sich steigernden Hindernissen, die es zu überwinden gilt.

INT. MARCOS SCHREIBTISCH NACHT
Als er dann bei der Gruppe stehen bleibt, lächelt Nolan siegessicher und hebt den Daumen hoch.

CHRISTOPHER NOLAN
Und bei Action macht mir keiner von euch was vor.

Aber Freud ist noch nicht am Ende.

SIGMUND FREUD
Bullshit! Du kannst dein Testament machen.

In zerfetztem Unterhemd, blutverschmiert und schmerzverzerrt, stürzt er sich erneut auf Nolan und reißt ihn an den Haaren zu Boden.

MARCO
Aber sind Drehbücher heute denn überhaupt noch wichtig? Schaut euch
doch nur die Filme an, die gemacht werden …

BILLY WILDER
… wirkt so, als hätten die keine Drehbücher oder als hätte es
niemand der Beteiligten gelesen.

ROBERT MCKEE
Versuch einen Film aus dem Nichts entstehen zu lassen, ohne Drehbuch!
Viel Glück, mein Junge!

CHARLIE KAUFMAN (V.O.)
Also, da muss ich heftig widersprechen. Ihr redet von
Blockbustern und einfallslosen Hollywoodproduktionen, die nur fürs
Geld gemacht werden. Was ist mit Paul und Wes Anderson, den Coens,
Aronofsky und MIR!

PAUL THOMAS ANDERSON
Und das sind nur wir Amerikaner. Aber solche Größen wie Wilder,
Fellini, Bergman, Kubrick oder Altman gibt es einfach nicht mehr.

Nolan entkommt Freud.

CHRISTOPHER NOLAN
Mich gibt es auch noch.

SIGMUND FREUD
Hoit die Goschn!

Freud schmeißt Ninas Schreibtisch um und schießt auf Nolan. Doch den scheinen die Kugeln kaltzulassen. Ihr Kampf verlagert sich jetzt in Ninas Büro. Immer mehr geht zu Bruch.

ROBERT MCKEE
Du musst einfach nur aufpassen, dass du nicht sowas machst!

Er deutet auf die beiden Streithähne. Aber als an seinem Kopf plötzlich die Kaffeetasse von Nina zerschmettert, verliert McKee seine Beherrschung und stürzt sich schreiend in den Kampf.

MARCO
Die meisten Drehbücher sind doch nichts weiter als Blaupausen für
den Film, wer liest sie denn schon wirklich?

McKee hält Freud und Nolan im Schwitzkasten.

ROBERT MCKEE
Willst du gelesen werden? Dann schreib verdammte Bücher! Aber wenn
du Drehbücher schreibst …

CHARLIE KAUFMAN (V.O.)
… absolut richtig, dann sollen sie ja verfilmt werden. Der Film ist
doch das Medium, in dem du dann arbeitest, es kommt nicht darauf
an, dass deine Drehbücher gelesen werden, sie werden gesehen!

Plötzlich ertönt Little Green Bag von George Baker, das Anfangslied von Reservoir Dogs und die Toilettentür öffnet sich.

INT. TOILETTE NACHT
Als die Tür aufgeht, kommt QUENTIN TARANTINO ins Büro, alles hält inne, Tarantino strahlt genau so, wie die zwei Oscars, die er um seinen Hals trägt. Er legt Wert auf einen coolen Auftritt und es gelingt ihm wieder einmal verdammt gut.

INT. MARCOS SCHREIBTISCH NACHT

QUENTIN TARANTINO
Meine werden häufig gelesen. Pulp Fiction war sogar als Drehbuch ein
Bestseller. Aber nicht jeder ist so ein Genie wie ich.

Sofort greift Tarantino nach Marcos Drehbuch, doch in seinen Händen verwandelt es sich in eine Schusswaffe. Er richtet sie auf Kaufman.

CHARLIE KAUFMAN (V.O.)
Okay, sei mir nicht böse, ich bin weg hier.

Kaufman streicht sich selbst aus dem Drehbuch und verschwindet einfach. Tarantino richtet die Waffe auf McKee.

ROBERT MCKEE
Oh nein, eine Antiklimax, mein dramaturgischer Erzfeind!

McKee löst sich in Luft auf, alles was zurück bleibt ist ein Stapel von Story. Die Prinzipien des Drehbuchschreibens.

MARCO
Nicht gerade das passende Ende.

BILLY WILDER
Ist doch noch nicht das Ende. Aber sieh es mal so, niemand wird das
hier jemals verfilmen.

CHRISTOPHER NOLAN
Ich könnte das.

SIGMUND FREUD
NIEMALS!

Freud richtet eine Waffe auf Nolan, der seine Deckung verlassen hat. Obwohl Nolan zuvor kein Problem mit Kugeln hatte, hat er jetzt auf unerklärliche Weise doch Probleme damit und könnte dadurch umkommen. Doch Nolan richtet eine Waffe auf Freud. Und Tarantino richtet auch seine Waffe auf Nolan, einfach nur, damit er auf jemanden zielen kann. Ein Mexican Standoff. Die Spannung steigt. Wilder versucht wieder heimlich einen Blick in Marcos Drehbuch zu werfen.

PAUL THOMAS ANDERSON
Noch sind nicht alle Autoren tot.

Na ja, mit Ausnahme von Nolan, Freud und Tarantino, die sich daraufhin gegenseitig erschießen.

BILLY WILDER
Ja, ja, reib’s mir nur unter die Nase.

MARCO
Ich glaube, er meinte nur, dass es immer wieder gute Drehbücher gibt
und gute Filme, die daraus werden.

BILLY WILDER
Ja, sag das mal Joe Gillis, der liegt immer noch im Swimmingpool am
Sunset Blvd.

PAUL THOMAS ANDERSON
Aber wenigstens hatte er dann eine gute Geschichte zu erzählen.

Wilder lehnt sich zu Marco. Dabei merkt er, dass er schon wieder sein Drehbuch stibizt hat und entreißt es ihm.

BILLY WILDER
(zu Marco)
Moment mal, ich dachte die Pointen bekomme ich?

Marco beugt sich zu ihnen nach vorne und flüstert ihnen im Vertrauen zu.

MARCO
Keine Sorge, es gibt eine Fortsetzung.

WILDER & ANDERSON
Ich würde nie Fortsetzungen machen!

Beide verschwinden auf einmal. Marco ist alleine im zerstörten Büro.

INT. PRESSPLAY REDAKTION NACHT
Überall Chaos und Zerstörung. Marco steht von seinem Schreibtisch auf und beachtet zum ersten Mal die Auswirkungen der Schlacht.

MARCO
Scheiße und wer hilft mir jetzt beim Aufräumen?

Musik. Epische Musik. Ein bärtiger Mann mit Brille starrt in die Kamera, ohne zu blinzeln. Zuerst sieht man nur seine Augen. Die Kamera entfernt sich langsam. Sein Gesicht wird enthüllt.

STANLEY KUBRICK
Vielleicht kann ich dir helfen. Sie sind hinter deinem Drehbuch her.
Denn ein gut geschriebenes Drehbuch ist eine Rarität und in dieser
Branche Gold wert.

ABBLENDE.
ENDE.




  • Martina Z

    Es ist oft so, es gibt eine lange Liste an guten Filmen, die wahrscheinlich genau deshalb so herausragend sind, weil der Filmemacher Regisseur und Drehbuchautor und meistens auch noch Produzent ist. Es gibt aber immer auch das Gegenteil und etwas dazwischen. Schwer zu sagen bei der Masse an Filmen, die gemacht werden und noch mal anders, wenn man sich anschaut, welche Filme Erfolg haben. Wie immer kommt es wohl drauf an, was man selber will und was man kann. Ja, verunstaltete Drehbücher sind nicht nett, aber nicht verfilmte Drehbücher sind „zwecklos“.

    • Marco

      Stimmt, ich glaub auch, dass es stark darauf ankommt, was man selber will und kann. Charlie Kaufman ist finde ich dafür ein gutes Beispiel. Ich finde er ist ein großartiger Autor, aber als Regisseur hat er noch einiges zu lernen. Synecdoche, New York war zwar gut, aber hat vor allem Schwächen in der Regie gehabt, weshalb der Film (ausgehend vom Drehbuch) einfach nicht so gut geworden ist, wie er vielleicht mir einem bessere Regisseur hätte sein können … wobei das natürlich Spekulation bleibt.

      Ich glaube es kommt immer stark darauf an, wie ein Regisseur (wenn er nicht selbst das Drehbuch geschrieben hat) mit dem Autor zusammenarbeitet. Spike Jonze hat eben sehr eng mit Kaufman zusammengearbeitet., George Clooney hat ihn überhaupt nicht in die Verfilmung seines Drehbuchs von Confessions of a Dangerous Mind miteinbezogen. Aronofsky hat ebenfalls sehr eng mit den Autoren von The Wrestler und Black Swan zusammengearbeitet.

      Es hat Vor- und Nachteile beides zu machen. Einerseits denke ich mir hat man selbst eine klare Vision davon, wie der Film ausschauen soll und verfilmt werden soll, andererseits kann einem als Autor dann auch oftmals die nötige Distanz fehlen um mögliche Schwächen und Mängel im Drehbuch zu erkennen bzw. fehlt womöglich eine Instanz, die einem hilft noch bessere Ideen zu finden, auf die man selbst gar nicht kommt.
      Hm, was nicht verfilmte Drehbücher betrifft weiß ich nicht, ob ich dir da so 100% zustimmen kann 😉 Natürlich hat man nichts von einem Drehbuch, aus dem kein Film wird, das ist schon richtig, weil das Drehbuch ist nicht das Endwerk, wie eben ein Roman.
      Aber die Frage, die ich mir oft stelle: soll ich als Autor es beim Schreiben davon abhängig machen, ob das Drehbuch jemals verfilmt wird oder nicht? Wenn ich zum Beispiel an einer Geschichte arbeite, wo ich weiß, dass die hierzulande niemals verfilmt werden wird bzw. kann, soll ich sie dann trotzdem schreiben, obwohl ich überzeugt bin, dass das Medium Film am besten dafür geeignet wäre die Geschichte zu erzählen? Oder soll man so realistisch bleiben, dass man als Autor bevor man anfängt daran zu arbeiten, sich genau überlegt, ob der Film überhaupt machbar ist?

    • Martina Z

      Nein, das war etwas ungenau formuliert…Ich meinte es in Richtung Wesensmerkmale, ausgehend von deinem „Willst du gelesen werden? Dann schreib verdammte Bücher“. Der Zweck eines Drehbuchs ist verfilmt und nicht gelesen zu werden, was nichts über eine etwaige literarische Qualität eines Drehbuchs aussagt.

      Ob es verfilmt wird oder nicht, kann man im Vorhinein nie mit aller Sicherheit sagen, denke ich. Es gibt Wahrscheinlichkeiten, die sowas wie realistische Einschätzungen ermöglichen, aber es kommen immer eine Menge Faktoren ins Spiel.

      Ich glaube aber, dass man unverfilmte Drehbücher auch erst mal aushalten muss, darüber lässt sich sicherlich schnell frustriert werden. Eben weil sie dafür gemacht sind, dass sie Film werden. Oder nicht? Worum geht es dem Autor von Drehbüchern sonst? Nur ums Schreiben?

    • Marco

      Ja, damit hast du natürlich recht. Der Zweck eines Drehbuchs ist es immer verfilmt zu werden. Einem Drehbuchautor kann es eigentlich nie alleine ums Schreiben gehen, denn es soll ja im besten Fall ein Film werden. Auch wenn man dafür viele unverfilmte Drehbücher aushalten muss.

      Obwohl ich schon denke, dass auch jemand, der ein Drehbuch schreibt eben eine große Zuneigung zum Schreiben haben muss (vorausgesetzt er möchte ein gutes Drehbuch schreiben und keinen 08/15-Film), denn immerhin setzt er sich vor ein leeres Blatt und erschafft Figuren und Geschichten, die ihm etwas bedeuten, mit denen er genau so eng zusammen lebt, wie mit den Figuren und Geschichten in einem Roman.

      Der Endzweck bzw. das Resultat aus der Arbeit sind natürlich zwei verschiedene. Auch die ursprüngliche Motivation ist natürlich eine andere. Die eine ein Roman, die andere ein Film.

    • Martina Z

      Das stimmt. Ich glaube aber, dass nicht nur das Resultat ein anderes ist, sondern schon die Intention und der Vorgang, dass es ein anderer Zugang zum Schreiben ist und es sich auch handwerklich unterscheidet, ob er oder sie ein Drehbuch oder z.B. einen Roman schreibt. Der Faktor Sprache ist ein wesentlicher Scheidepunkt. Eine große Zuneigung zum Schreiben meint noch nicht eine große Neigung zur Sprache oder zum geschriebenen Wort. Es braucht sie auch nicht um ein gelungenes Drehbuch zu schreiben. Den gemeinsamen Nenner sehe ich im Erzählen.

    • Marco

      Also bis zu einem gewissen Punkt stimme ich dir da schon zu. Intention und Vorgang sind sicherhlich auch ein anderer und auch der Umgang mit Sprache ist ein anderer.

      Richtig auch, dass man fürs Drehbuch schreiben sicherlich keine große Neigung zur Sprache braucht, aber die Sprache ist dennoch ein wesentlicher Faktor für ein Drehbuch. Dadurch kann der Autor, wenn er wirklich gut ist, Stimmung und Atmosphäre des Films etablieren, die Sprache der Bilder sozusagen bis zu einem gewissen Grad mitbestimmen. Außerdem muss ein Drehbuchautor sehr gut mir Sprache umgehen können, denn ein Drehbuch muss enorm ökonomisch geschrieben sein, der Autor muss ganz genau wissen wann er welches Wort warum benutzt. Er muss mit wenigen Worten so viel wie möglich sagen.

      Trotzdem ist der Umgang damit ein anderer. Das Medium des Romans ist die geschriebene Sprache, das des Films sind und bleiben auf jeden Fall die Bilder.

    • Martina Z

      Ja, das trifft auf manche Autoren zu. Aber kann man das wirklich generell sagen, dass eine Autorin oder ein Autor ganz genau wissen muss, wann er welches Wort, warum benutzt? Ist das für das Endprodukt Film wirklich so wichtig? Meint das die Dialoge oder die erzählenden Passagen? Man nimmt vielleicht an, dass er oder sie es muss oder es anspruchshalber sollte, aber dass dem auch so ist, na ich weiß nicht, klingt ein bisschen verklärend. Ist das bei dir denn der Fall?

      Ich meinte es aber eher strukturell. Ich würde sogar sagen, dass die Filmsprache nicht der Drehbuchautor, sondern der Regisseur entwickelt. Zwar ist das ganze Team beteiligt, aber der Regisseur interpretiert das Gelesene und setzt es in Bilder, setzt seine Vorstellung um. Was von der Sprache des Drehbuchautors übrig bleibt (oft nicht einmal das), ist die gesprochene Sprache, die Dialoge.

    • Marco

      Natürlich ist es eher eine Wunschvorstellung bzw. nur im optimalsten Fall so, in der Realität sieht es sicher anders aus. Vielleicht ein zu hoher Anspruch. Aber ich denke schon, dass auch ein Drehbuchautor sehr bewusst mit Sprache umgehen können muss, denn gerade (gute) Regisseure und (gute) Schauspieler sind sehr kritische Leser eines Drehbuchs. Und wenn da die Sprache schlampig eingesetzt ist, zu viele Erklärungen zu Aufgaben, die eigentlich nicht in der Hand des Autoren liegen (zB.: wenn er dauernd Kameranweisungen, Regieanweisungen, Schauspieleranweisungen ins Drehbuch schreibt), wirkt sich das negativ für die Leser aus.
      Es geht glaube ich vor allem darum, dass man mit dem Drehbuch ein Gefühl für den Film, die Bilder, Figuren und Geschichte entwickelt, eine Atmosphäre, die dann der Regisseur und die Schauspieler fühlen und übernehmen. Nicht so sehr darum, dass der Autor konkrete Bilder bereits im Drehbuch erschafft, das ist natürlich immer Interpretationssache des Regisseurs und liegt letztlich in seinem Ermessen, welche Bilder er einsetzt und wie er etwas in Szene setzt. Aber die Atmosphäre kann der Autor durchaus etablieren (kann, heißt nicht, dass es alle machen oder immer gelingt).
      Aber natürlich ist im besten Fall ein Film stets eine Teamarbeit, in der dem Autor genau so viel Mitsprache eingeräumt wird, wie den Schauspielern, Produzenten, Kameraleuten, etc. Natürlich muss jemand das letzte entscheidende Wort haben und das sollte stets der Regisseur sein. Denn es soll ja ein Film werden und kein Roman.
      Um es jedoch direkt zu sagen: Nein, ich glaube auch nicht, dass es für den Film letztlich von großer Wichtigkeit ist, dass im Drehbuch jedes Wort perfekt passt und gewählt ist.
      Aber ich denke man muss hier auch unterscheiden zwischen Autoren, deren Drehbuch von anderen Regisseuren verfilmt wird und von Autoren, die selbst Regisseure sind. Paul Thomas Anderson legt sicher sehr viel Wert auf seine Drehbücher, nicht in dem Sinn, dass man sie lesen muss (ein Drehbuch lädt ja in den seltensten Fällen zum lesen ein in dem Sinn, dass es wirklich Spaß macht es zu lesen, es kann nur schwer den gleichen Fluss und die gleiche Sogwirkung erzielen wie ein Roman), aber dass sie schon eine sehr genau schriftliche Vision/Version des fertigen Films sind (inkl. Kameraanweisungen und Schauspieleranweisungen).