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Django Unchained oder das Problem mit dem Dialog

Hat Tarantino sein Gespür für gute Dialoge verloren? Schon klar, die Gespräche unterhalten immer noch, aber haben sie nach wie vor die gleiche Brillanz seiner früheren Werke? Auf den ersten Blick könnte man sich dazu verleiten lassen mit einem begeisterten ja zu antworten, doch bei genauerem hinsehen, muss man leider feststellen, dass er sich nicht mal mehr an seine eigene „Regel“, was Dialoge betrifft, hält…

Aber zuerst möchte ich eines klar stellen: Mir hat Django Unchained (zur Kritik) verdammt gut gefallen. Ich mag den Film wirklich und finde sogar, dass es einer seiner besten seit langem ist. Ja, der Film hat Längen. Ja, er ist mir ein bisschen zu sauber für einen echten Western. Und ja, Tarantino muss manchmal einfach übertreiben. Aber das alles macht nichts. Django Unchained schafft es, sich einer wichtigen Thematik auf unterhaltsame Weise anzunähern und sie dem Publikum zu zeigen. Mit Action, Blut, markanten Szenen und Sprüchen gelingt es Tarantino gerade in seinem neuesten Film überraschend gut, die blutige und grausame Geschichte amerikanischer Sklaverei in so etwas wie eine moderne Fabel zu verpacken.

Doch darum soll es hier gar nicht gehen, denn trotz meiner Begeisterung für den Film, gibt es etwas, was mich dennoch daran stört. Ein Phänomen, das sich seit geraumer Zeit durch das Medium der bewegten Bilder zieht, zeigt Figuren, die dem Zuschauer ihre Handlungen und Beweggründe erklären. Anstatt es einfach zu tun, erzählen sie uns vorher, warum sie es tun und oftmals danach noch einmal, warum sie es getan haben. Es gibt zwar weitaus schlimmere Vertreter dieses zeitgenössischen Problems des Kinos als Django Unchained, aber gerade von einem Tarantino erwartet man sich so etwas nicht.

Er selbst hat einmal über seine Dialoge gesagt, dass sie deswegen so gut funktionieren, weil die Figuren nie über die Handlung reden, nie etwas erklären. Sein großes Können lag darin, seine Charaktere zu schildern, indem sie über scheinbar ganz banale Sachen reden, aber dadurch gleichzeitig extrem viel über sich selbst aussagen. Wer sie sind, was sie machen, warum sie es machen, etc. Man denke nur an die Eröffnung von Reservoir Dogs: Oberflächlich sprechen sie über den Song Like a Virgin und danach über Trinkgelder. Unter dieser Schicht zeigen die Figuren aber, was für einen Charakter sie haben. Gleiches bei Pulp Fiction. Das war Tarantinos große Regel für Dialoge. Niemals das offensichtliche Aussprechen. Niemals über etwas reden, das die Figuren ohnehin wissen. Sie niemals etwas sagen lassen, nur damit der Zuschauer es hört.


 

Leider verstößt Tarantino gegen seine eigene Regel. An sich kein Problem, wenn es dazu beitragen würde, seine Filme noch besser zu machen. Tut es nur leider nicht. Er begibt sich damit genau in jene von Banalitäten bestimmte Region hinab, wo wir Filme sehen, die uns scheinbar für dumm verkaufen. Wir bekommen Dialoge aufgetischt, die so offensichtlich nur für unsere Ohren bestimmt sind. Es werden Dinge ausgesprochen und erklärt, die niemals gesagt werden müssten. Wir können eins und eins zusammen zählen. Wir verstehen schon, was da vor sich geht. Zeigen, nicht sagen. Immer wieder tappen Filmemacher (u.a. auch Martin Scorsese mit Shutter Island oder zuletzt Spielberg mit Lincoln) in diese Falle und halten uns für unmündige Kinder, denen alles vorgekaut und bis ins Detail erklärt werden muss, weil wir sonst ja zu dumm sind um der Handlung zu folgen.

Mit Django Unchained ist Tarantino (nicht zum ersten Mal) in diese Falle getappt. Und gerade bei ihm tut es besonders weh. Er, der früher so einmalige Dialoge geschrieben hat, die uns gleichzeitig die Charaktere offenbart haben und Expositionen geliefert haben, die so unsichtbar waren, dass man fast meinen könnte, er hätte sowas nicht nötig. Bis zu Death Proof ist ihm das auch gelungen. Seitdem hat er es nicht mehr geschafft, sich aus dieser Falle zu befreien. Was schade ist, denn gerade jemand, der selbst so Filmbesessen ist, wie er, und so ein begeisterter Zuschauer ist, sollte wissen, wie weh es tut, wenn man für Dumm verkauft wird. Es ist ein Schlag ins Gesicht.

Aber immerhin macht es Tarantino immer noch besser als einige seiner Kollegen. Zumindest sind seine Dialoge immer noch interessant, witzig und gut geschrieben. Er versetzt einem diesen Tiefschlag und man verzeiht ihm trotzdem, weil Tarantino immer noch um Längen besser ist, als einige andere Filmemacher. Daher habe ich noch Hoffnung für ihn. Daher glaube ich, dass Tarantino wieder zu seiner alten Form zurückfinden kann. Daher freue ich mich noch immer über jeden neuen Quentin Tarantino Film. Weil, das muss man ihm lassen, er in seinem kleinen Finger mehr Talent und Gespür und Originalität besitzt, als viele andere amerikanische Filmemacher der Gegenwart.

Trotzdem muss ich leider sagen, dass gerade dieser Aspekt mich an Django Unchained wieder mal sehr gestört hat. Was ein großartiger Streifen, praktisch seine Rückkehr zu einstiger Größe, hätte werden können, ist zwar zu einem unterhaltsamen und wirklich geilen Film geworden, aber nicht das Meisterwerk, das zumindest ich persönlich mir davon erhofft habe. Aber vielleicht geht es ja nur mir so?




  • Martina Z

    Na ja, Meisterwerk hatte ich mir keines erhofft. Ich hatte aber auch nicht den Eindruck, dass uns die Dialoge für dumm verkaufen. Hast du ein Beispiel?

    • Marco

      Was mich vor allem stört sind so Szenen, wo die Handlung und Vorgeschichte erklärt wird. Also einfach erklärender Dialog. Warum erzählt uns Dr. Schultz seinen Plan, wie er und Django seine Frau befreien wollen?
      Natürlich gibts Filme, wo das weitaus schlimmer ist und mehr ausgebaut wird und störender ist, als hier, aber ich fands halt gerade beim Tarantino Schade, weil er das früher immer vermieden hat. Wenn du dir Reservoir Dogs oder Pulp Fiction anschaust, dann hat man solche erklärenden Dialoge nicht. Es wird nie über die Handlung gesprochen, nie über das, was die Figuren ohnehin wissen bzw. dann tun, was eben nur für den Zuschauer noch mal ausgesprochen wird. Tarantino hat seine Geschichten und Figuren immer durch ihre Handlungen sprechen lassen und das vermisse ich hier manchmal (auch in Basterds war das so und sogar noch schlimmer als in Django).
      Das heißt nicht, dass die Dialoge an sich deshalb schlecht sind, es stellt sich für mich nur die Frage nach der Sinnhaftigkeit solcher Dialoge. Es ist eher der Gedanke hinter den Dialogen, der uns für dumm verkauft. Es wäre vielleicht wesentlich interessanter gewesen, die Szene zwischen Django und Schultz, wo sie den Plan durchgehen komplett zu streichen und einfach zeigen, was geschieht. Aber der Dialog zwischen ihnen ist trotzdem gut geschrieben und gespielt, aber ich frage mich halt, wozu er drinnen ist.

    • Martina Z

      ich weiß nicht. vielleicht ist es eher die parodie, die gemeint ist, zwei jungs hecken einen plan aus. und da ist schultz auch immer noch der mentor. dann ändert es sich. ich glaube nicht, dass es ganz ohne gut funktioniert hätte, weil die szene vor allem das nachfolgende rollenspiel eröffnet. hätte vielleicht auch anders gemacht werden können, weil, stimmt schon, so richtig „glatt“ ist es nicht. was schon auch für einige andere szenen gilt. ich finde, gerade wenn es um parodie geht, fügt sie sich diesmal weniger ein.

    • Marco

      also das den rollenwechsel betrifft, hast du recht, was ich auch sehr gut fand. ist jedenfalls ein interessanter punkt.

      aber für ne parodie ist es dann doch wieder ein bisschen zu ernst germeint, wobei es schon so momente gibt, wo tarantino übertreibt und das ganze ins parodistische zieht, wenngleich er diesmal bei weitem nicht so verspielt ist, wie in manch anderen filmen (was man jetzt gut oder schlecht finden kann, ist halt geschmackssache).

      muss mal schauen, dass ich das drehbuch finde, würde ich gerne mal lesen, da kommen die schwachstellen von dialogen manchmal viel besser zur geltung.

    • Martina Z

      Ja, stimmt. Das Drehbuch findest du z.B. hier
      http://screenplayexplorer.com/?tag=django-unchained-script

      Generell, was meinst du: Verdiente Oscar-Nominierung fürs Drehbuch oder nett gemeint?

    • Marco

      Ah cool, danke.

      Also eigentlich nicht verdient, aber angesichts der anderen Nominierungen (Zero Dark Thirty!) wiederum verdient. Obwohl drei Filme, die meiner Ansicht nach in dieser Kategorie übersehen wurden und es sich mehr verdient hätten: End of Watch, Seven Psychopaths und Cheyenne! Hätten sich viel eher Nominierungen verdient als Django und Zero.

  • Chris

    Sehr interessanter Punkt, muss ich schon sagen. Mir hat ja Django nicht so zugesagt, vor allem wegen der recht (im Vergleich zu seinen vorhergehenden Filmen minus Death Proof ) uninteressanten Dialoge bzw. Monologe (Waltz am Anfang, DiCaprio und Schädel etc.)