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Enslaved: Odyssey To The West

9
Action-Adventure

Besser spät als nie: Noch selten war der oftgebrauchte Ausspruch so treffend wie bei Enslaved: Odyssey to the WestHinter dem etwas unbeholfenen Titel versteckt sich ein großartig verwirklichtes Endzeitszenario und eine wahre Action-Adventure Perle, die auch jetzt noch – knapp 6 Monate nach dem Release – Aufmerksamkeit verdient.

Beyond Good and Evil, ICO, Okami, Killer 7, Psychonautsoder auch Mirrors Edge: Jedes einzelne dieser Spiele kann aufgrund seiner mageren Verkaufszahlen als Flop bezeichnet werden, mit Fortsetzungen war daher auch  kaum zu rechnen (HD-Remakes als Fanservice sind zwar nett, aber letztlich ein Schritt in die falsche Richtung). Oftmals ist eine Trennbarkeit zwischen tatsächlicher Qualität und Verkaufsstatistik kaum möglich bzw. überhaupt nicht durchführbar, was dazu führt, das vermeintlich innovativere Spiele mit geringeren Werbebudgets zugunsten großer, mainstreamgerechter Blockbuster links liegen gelassen werden.

Gerade jene eingangs genannten, mittlerweile zu den Klassikern zu zählende Werke gelten nun aber leider als perfekte Demonstrationsbeispiele dieser (in weiterer Folge für die Spielercommunity) unpraktikablen Vorgangsweise, denn allesamt sind sie innovativ, haben einzigartige und ausdrucksstarke Figuren, die eine glaubwürdige sowie fantasievolle Spielewelt beseelen, eine großartige Handlung mit ebenso gewitzten Dialogpassagen und nicht zuletzt das vielleicht wichtigste Element, nämlich Charakter.

Bedenkenlos lässt sich nun auch Enslaved: Odyssey To The West in diesen Kanon einordnen. In rudimentären Zügen basieren Charaktere und Handlung auf einen der vier klassischen Romane Chinas, dem ca. 1590 erschienen „Die Reise nach Westen„, welcher vor allem durch die ebenfalls darauf aufbauende, immens populäre Zeichentrickserie Dragonball im vergangenen Jahrzehnt auch international bekannt wurde. In der Rolle des simpel „Monkey“ (nach „Sun Wukong“, dem „Monkey King“) benannten Hauptcharakters wird der Spieler in eine postapokalyptische Welt versetzt, die sich überraschenderweise nicht als depressive Grau- und Brauntonvariation a la Fallout oder Borderlands präsentiert, sondern in der die Natur erneut dominiert.


Farbprächtig überwuchterte Häuserschluchten, giftgrün-schimmernde Kloaken und lichtdurchflutete Mech-Ruinen überwältigen hierbei dank der vom Entwickler Ninja Theory gekonnt eingesetzten Unreal-Engine die Sinne. Inmitten jener vermeintlich harmonischen Umgebung wird Monkey mittels eines Kontrollkopfbandes von der jungen, attraktiven Trip (kurz für „Tripitaka“ bzw. „Xuanzang“, dem eigentlich männlichen Mönch aus der Vorlage) als Beschützer vor den allgegenwärtigen, mechanischen Ungetümen instrumentalisiert.

Das Damsel-in-Distress bzw. Escort-Mission Spielprinzip, in der der Spieler ständig auf das eigene Wohl wie auch auf das einer zu beschützenden Figur bedacht ist, wurde – ein Vergleich mit dem Klassiker ICO darf gezogen werden – hervorragend umgesetzt: In keinem Moment macht eine fehlerhafte Künstliche Intelligenz oder ein Glitch das Spielvergnügen zunichte, beide Charaktere harmonieren sowohl auf der spielerischen wie auch erzähltechnischen Ebene. Vor allem letzteres dürfte den Talenten von Drehbuchautor Alex Garland (28 Days later, Sunshine, The Beach) und Schauspieler Andy Serkis (Motion-Capturing und Voice-Over von Gollum aus der Herr der Ringe-Trilogie) zugeschrieben werden, die auch schon bei der letzten Ninja Theory-Produktion, Ninja Sword, zusammen gearbeitet haben.

Wie schon bei Beyond Good and Evil wird auch bei Enslaved zur spielerischen Abwechslung oftmals das Genre gewechselt, wobei Stealth-Einlagen, kurze Verfolgungssequenzen und das eine oder andere Puzzle die Ausnahme bilden. Auch wenn der Fokus auf dem leicht zu kritisierenden, cineastischen Plattforming der Marke Uncharted liegt („Echtes“ Springen mit Abschätzung von Distanzen gibt es hierbei nicht) und das etwas zu simplifizierte Kampfsystem zwar durch die dynamische Kameraführung ebenso filmreif wie teils unübersichtlich in Szene gesetzt wurde, so kann bzw. sollte man Enslaved: Odyssey To The West diese kleinen Mängel zugunsten der tollen Dialoge, des grandiosen Designs, herausragender Animationen und der spürbaren Chemie zwischen den rundum gelungenen Charakteren vergeben – es lohnt sich.

Plattform: PS3 (Version getestet), Xbox 360 Altersfreigabe (PEGI): 16, Spieler: 1, Erscheinungsdatum: 08.10.2010