Das Spiel
Alles glitzert in Aisling Rawles Welt. Die Sonne brennt, die Pools schimmern blau, die Körper sind schön. Doch darunter fault längst etwas. Rawles Roman Das Spiel ist eine psychologische Studie über die tiefsten Abgründe der Menschlichkeit, verpackt in einem außergewöhnlich mitreißenden Unterhaltungsroman.
Ein künstliches Paradies in der Wüste
Lily, Anfang 20, nimmt an einer Reality-Show teil. Auf einem einsamen Anwesen in der Wüste treffen 10 Männer und 10 Frauen aufeinander. Sie müssen Challenges miteinander ausführen, um Dinge für den täglichen Bedarf zu erhalten. Manchmal bekommen sie auch Solo-Aufgaben. Und manchmal muss jemand ausgeschlossen werden. Lily sucht hier alles, was sie im richtigen Leben nicht finden konnte: Freundschaft, Liebe, Luxus, aber auch Rivalität und Competition. Lily will um jeden Preis im Finale stehen. Der Preis wird höher als gedacht.
Was wir hier drin miteinander hatten, war perfekt, findest du nicht? Ich will keinen billigen Abklatsch davon draußen in der echten Welt.
Spiel mit mir
Die 1998 geborene Irin Aisling Rawle schrieb mit The Compound ihren Debütroman. Das liest man dem Werk kein bisschen an. Rawles Stil wirkt derart formvollendet, da bleibt man staunend zurück. Die Autorin schreibt ihre Geschichte mit enormem Zug, sodass es nur wenige Seiten braucht, um in einen schwindelerregenden Lese-Sog zu geraten, aus dem man bis zum Finale kaum herauskommt.
Als Dystopie gelabelt und mit einem Goodreads Choice Award in der Kategorie Science-Fiction ausgezeichnet, sollte man sich jetzt aber nicht unbedingt genau das erwarten. Die Anklänge sind da, bilden aber eher eine subtile Hintergrundkulisse. Gerade zu Beginn wirkt der Roman wie eine Satire der Oberflächlichkeiten, irgendwo zwischen Sofia Coppola und Bret Easton Ellis zu verorten. Etwa ab der Hälfte ändert sich der Tonfall, kippt Richtung Orwells Farm der Tiere oder Goldings Der Herr der Fliegen.
Die Vorbilder sind da. Ja, man sieht die Einflüsse diverser Game-Dystopien. Aber das wirklich Beeindruckende an Das Spiel ist, wie Aisling Rawle diesem Stoff ihren ganz eigenen Stempel aufzudrücken vermag. Ihre Sprache ist brillant, die Oberfläche ebenso dicht wie transparent. Die Abgründe tun sich nur langsam auf. Am Schluss ist man genauso erschöpft und mitgenommen wie die Protagonistin.
Und wenn wir schon mal dabei sind: Besonders glücklich bin ich auch nicht. Aber ich schätze mal, dass nicht viele Leute besonders glücklich sind, oder? Aber weißt du was? Es war einen Versuch wert. Und es war gut, oder? Wir hatten doch eine gute Zeit. Eine wirklich außergewöhnliche Erfahrung.
Die an sich hervorragende deutsche Übersetzung von Lena Riebl, die literarisch sehr feinfühlig ausgefallen ist, hat den etwas generischen deutschen Titel Das Spiel bekommen. Dieser Titel kann natürlich nicht mal ansatzweise die Vielschichtigkeit des Originaltitels The Compound widerspiegeln. Da dies aber nun wirklich das einzige Problem an dieser Veröffentlichung ist – geschenkt. Aisling Rawle ist ein wirklich beeindruckender, vielschichtiger Roman gelungen, der jetzt schon ein fixer Kandidat für die vorderen Plätze der Jahreslieblinge sein wird.
Das Spiel von Aisling Rawle, 399 Seiten, erschienen bei btb.
