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Killing Them Softly

Man nehme eine gute Portion Coen, eine Prise Tarantino, vermenge es mit George V. Higgins Roman Cogan‘s Trade (1974), überziehe es mit der aktuellen Finanzkrise und fertig ist der neue Film von Andrew Dominik…

Der Regisseur des Films mit dem wahrscheinlich längsten Titel der Western-Geschichte, Die Ermoderung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford, hat augenscheinlich große Vorbilder. Wie so oft, die Geschichte an sich ist simpel – wenn alles so laufen würde, wie geplant. Die Kleinstganoven Frankie (Scoot McNairy) und Russell (Ben Mendelsohn) nehmen im Auftrag eines Kleinmafiosi eine Pokerrunde aus. Dass das nicht gut enden kann, wissen wir, nur sie selbst halten sich für kluge Köpfe. Das lokale Geschäft mit dem Verbrechen gerät durch den Überfall, weshalb auch immer, aus den Fugen. Jackie Cogan (Brad Pitt) wird engagiert um die Sache ins Reine zu bringen.

 

Andrew Dominik verwendet in Drehbuch und Dramaturgie einige interessante Kniffe um der Handlung einen größeren Bedeutungshorizont zu geben. Zum einen siedelt er die Geschichte in New Orleans, das noch von Hurrikan Katrina gezeichnet ist, an. Die Schauplätze wirken nicht weniger trübselig und abgewrackt als die Protagonisten. Zum anderen spielt der Film im Jahr 2008, in dem sich John McCain und Barack Obama um das Präsidentenamt schlugen. Zu sehen und zu hören ist das im Film über Fernseh- und Radioübertragungen, die nicht nur im Hintergrund laufen, sondern als Akteure in den Verlauf eingeflochten sind. Das gilt ebenso für den Soundtrack. Killing Them Softly setzt ein mit Obamas Lob der amerikanischen Wirtschaft und seinem Ruf nach „Change“. Brad Pitt à la Jackie Cogan fährt zu „The Man Comes Around“ vor.

Ja, cool ist der Film, ein wenig. Im Grunde ist er genau da, wo er cool oder lustig sein will, am schwächsten und hingegen stark, wo er trostlos, melancholisch und langsam ist. Dass es von solchen Momenten einige gibt, verdankt der Streifen zu einem guten Teil der Kamera von Greig Fraser, die stimmungsvolle Bilder, außergewöhnliche Einstellungen und unterschiedliche Geschwindigkeiten erzeugt. Killing Them Softly meint jemanden aus (emotional) sicherer Distanz zu töten, ohne denjenigen zu kennen oder ihm in die Augen sehen zu müssen. Unter der Slow-Motion-Perspektive bekommt der Ausspruch dann eine ganz neue Dimension.

Ebenso wirkungsvoll sind die skurrilen Gestalten, die den Film bevölkern, und die Schauspieler, die sie verkörpern. Neben die bereits genannten gesellen sich – allesamt souverän – so einige, die im kriminellen Genre Rang und Namen haben: Ray Liotta, Sam Shepard, Richard Jenkins, Vincent Cuatola und Max Casella. Ben Mendelsohn gibt einen wunderbar ekligen, abgefuckten Junkie. Brad Pitt zeigt in den Augenblicken, in denen er anderen zuhört, seine beste Performance, mit einem Gesicht, auf dem seine Gedanken abzulesen sind. James Gandolfini quält ihn bravourös als alkohol- und sexsüchtiger, depressiver Auftragskiller und temporärer Kompagnon.

Retro-Gangster-Style und Stimmung können sich in Killing Them Softly sehen lassen. Spannend ist auch der Mix aus Story, Musik und politischen Statements, welche immer wieder die Parallele zwischen Staatsführung und Verbrechen herstellen. Natürlich ist es lustig, dass auch das organisierte Verbrechen in die (Finanz-)Krise schlittert und auf Sparkurs gehen muss. Gut ist der Film aber da, wo einem das Lachen vergeht. Der amerikanische Traum ist ausgeträumt, für die Mehrheit hat er sowieso nie gegolten. Stattdessen: „Amerika ist kein Land. Es ist ein Geschäft. Und das Geschäft ist Verbrechen.“ Kapitalismus regiert die Welt. Das ist trist, nicht lustig. Die Bilder sagen es deutlicher als die Worte.

Regie & Drehbuch: Andrew Dominik, Darsteller: Brad Pitt, Scoot McNairy, Ben Mendelsohn, James Gandolfini, Vincent Curatola, Richard Jenkins, Ray Liotta, Sam Shepard, Laufzeit: 97 Minuten, Kinostart: 30.11.2012