Zart ist das Fleisch
Mit Zart ist das Fleisch ist Agustina Bazterrica eine provokante und satirische Dystopie gelungen, die zum Überraschungserfolg geworden ist.
Kannibalistische Dystopie
Nach der Infektion mit einem Virus wird das Fleisch von Tieren plötzlich giftig. Danach ist spezielles Fleisch plötzlich legal. Nämlich das von Menschen. Marcos arbeitet an einem Schlachthof. Täglich hat er mit der industriellen Schlachtung von Menschen zu tun. Er kümmert sich um Zahlen, Lieferungen, Verarbeitung und Kunden. Als er jedoch eines Tages ein Geschenk erhält, ändert sich für Marcos alles. Er bekommt ein Exemplar höchster Qualität und hält es in seinem Schuppen. Zuerst hält er das Stück für ein Problem. Doch bald quält ihn das, was er verloren hat. Und mit diesem Exemplar in seinem Schuppen könnte er eine zweite Chance auf Glück bekommen.
In Zart ist das Fleisch erzählt Agustina Bazterrica von einer kannibalistischen Zukunft. In gewisser Weise denkt sie unser gegenwärtiges Handeln und System weiter und bringt es zu einer finalen Konsequenz. Denn wir vernichten uns doch bereits jetzt gegenseitig und alles um uns herum. Es ist nur logisch und folgerichtig, dass wir irgendwann anfangen uns wortwörtlich selbst aufzufressen. Ohne Zweifel ist die Idee von Zart ist das Fleisch brillant und brutal zugleich. Was für einen Unterschied macht es denn wirklich, welchem Lebewesen wir die Grausamkeit der systematischen und industrialisierten Vernichtung namens Fleischindustrie antun (und es ist nicht nur die Fleischindustrie, sondern auch so viele andere Industrien, die auf der Ausbeutung und Vernichtung tierischen Lebens basieren)? Ob Tier oder Mensch, welchen Unterschied macht das? In diesem Roman tatsächlich keinen und in gewisser Weise ist auch das folgerichtig und logisch.
Einige Leute begannen heimlich Menschen zu töten und zu essen. Die Presse berichtete von einem Fall, bei dem zwei arbeitslose Bolivianer von Nachbarn angegriffen, zerlegt und gegrillt worden waren. Als er die Nachricht las, lief ihm ein Schauer über den Rücken. Es war der erste öffentliche Skandal, der Skandal, der einen Gedanken in alle Köpfe pflanzte, dass Fleisch Fleisch ist, egal, woher es stammt.
Allerdings lesen sich viele Teile von Zart ist das Fleisch wie Exposition ohne großartige Handlung oder Figurenentwicklung. Es wird schlichtweg der Prozess von Schlachtungen, von Massenhaltung, Aufzucht, Gewinnmaximierung, Versuchslabore, Jagdreviere, usw. usf. beschrieben. Also das, was wir derzeit Tieren antun. Nur im Fall von Zart ist das Fleisch tun wir es halt anderen Menschen an, die in dieser Welt genau wie Tiere angesehen werden. Definitiv ein potenziell spannender, genialer und höchst brisanter Ansatz, der viel hergeben würde. Da der Roman aber Großteils eine einfache Schilderung der Welt und ihrer Vorgänge ist, ermüdet es rasch und bietet wenig wirklich originelles, was mit der Idee angefangen wird.
Bazterrica ist aber eine starke Stilistin. Das macht Zart ist das Fleisch trotz der vielen Exposition, Erklärung der Welt und der Distanz zu den Figuren, die trotz allem relativ wenig Emotion beim Leser hervorrufen, zu einem lesenswerten Roman. Und es ist auch durchaus eine starke Satire, vor allem für jene, die keine Ahnung oder bisher kein Interesse daran hatten, wie „Nutztiere“ behandelt werden. Für solche Leser sollte dieser Roman Pflichtlektüre sein. Aber man braucht durchaus einen starken Magen, denn es gibt mehr als eine Stelle, die im wahrsten Sinne des Wortes schwer verdaulich ist. Zart ist das Fleisch ist auf jeden Fall ein starker und im Kern genialer Roman, der sein Potenzial vielleicht jedoch nicht komplett ausnutzt.
Zart ist das Fleisch von Agustina Bazterrica, 236 Seiten, erschienen im Suhrkamp Verlag.
