Piranesi
Mit Piranesi hat Susanna Clarke eine phantastische, fast märchenhafte Geschichte voller Mysterien und Rätsel kreiert, die den Leser ins staunen versetzt.
Fremder in einer fremden Welt
Piranesi lebt in einem ominösen, scheinbar endlos großen Haus. Das Gebäude ist voller Säle und Statuen. Die untersten Räume stehen meist unter Wasser, es kommt zu regelmäßigen Überschwemmungen. Die oberen Säle werden von Vögeln bewohnt. Abseits von Piranesi lebt noch ein weiterer Mensch in diesem Gebäude. Sie treffen sich regelmäßig. Auf seinen Wanderungen durch die labyrinthartigen Säle findet Piranesi dreizehn Skelette. Aber die Hinweise häufen sich, dass es neben Piranesi, dem Anderen und den Toten, noch eine lebende sechzehnte Person geben muss. Piranesi macht sich auf die Suche nach ihr und kommt dabei der Wahrheit auf die Spur. Nicht nur der Wahrheit des Gebäudes, seiner Welt, sondern auch seiner Herkunft.
Susanna Clarke hat mit Piranesi einen herrlich phantastischen Roman vorgelegt. Man kommt als Leser, gerade am Anfang, aus dem Staunen nicht mehr heraus. Sie entwirft eine vollkommen fremdartige Welt. Doch da sie das ganze in Form des Tagebuchs des Protagonisten entwirft, wird man direkt in seine Welt und Gedanken geworfen. Dadurch fällt es leichter, sich mit der Figur in dieser Welt zurecht zu finden. Auch wenn Piranesi bereits länger in diesem Gebäude lebt und selbst durchaus befremdlich erscheint. Mit zunehmenden Verlauf löst sie die aufgeworfenen Rätsel und es wird immer deutlicher, worum es bei all dem geht. Man darf sich also am Anfang nicht davon irritieren lassen, dass man sich nicht auskennt und weiß, was da gerade geschieht.
Ich besuche alle Toten, vor allem aber das Zusammengefaltete Kind. Ich bringe ihnen Essen, Wasser und Seerosen aus den Versunkenen Sälen. Ich spreche mit ihnen, erzähle ihnen, was ich mache, und schildere ihnen sämtliche Wunder, die ich im Haus entdecke. Auf diese Weise wissen sie, dass sie nicht allein sind.
Trotz aller Fremdartigkeit ist Piranesi ein ungemein unterhaltsamer Roman. Man wundert und staunt und möchte stets wissen, welche Rätsel und Mysterien die nächste Seite bereit hält. Und Susanna Clarke enttäuscht definitiv nicht. Es fallen ihr immer wieder neue originelle Ideen ein, wie sie den Leser überraschen kann. Bis hin zur sich langsam entfaltenden Auflösung bleibt man gebannt bei der Sache. Piranesi ist auf jeden Fall ein eigenwilliger Roman und wohl nicht für ein Mainstream-Publikum gedacht, doch das sollte dennoch niemanden davon abhalten das Buch zu lesen. Susanna Clarke ist eine ungemein originelle Stimme und Piranesi ein schlichtweg phantastischer Roman.
Piranesi von Susanna Clarke, 272 Seiten, erschienen im Heyne Verlag.
