Die-Frau-in-Schwarz-©-2012-Concorde-Filmverleih

Die Frau in Schwarz

6
Horror

Man stelle sich ein imposantes Herrenhaus im England des späten 19. Jahrhunderts vor. Unheilvoll thront es, einsam vor sich hin alternd, auf einer kleinen Anhöhe im Wattenmeer, umgeben von endloser Sumpflandschaft. Jeden Tag aufs Neue ertränkt die kommende Flut für einige Stunden den Verbindungsweg zum sicheren Festland. Und wenn sich das Wasser wieder zurückzieht, so kriecht ein undurchdringlicher, schwerer Nebel heran, der etwas zu verbergen scheint. Das Eel Marsh House ist eines jener geradezu atmenden Häuser, die schon allein durch ihre Fassade auf ein verborgenes Eigenleben verweisen – ein Haus, in dem die flüsternde Dunkelheit selbst bei hellichtem Tage nicht zu weichen gedenkt…

Der junge Londoner Anwalt und tief trauernde Vater Arthur Kipps (Daniel Radcliffe) begibt sich auf Dienstreise in das abgelegene Dörfchen Crythin Gifford, um den Nachlass der verstorbenen Alice Drablow aufzulösen. Doch schon bei seiner Ankunft verheißen die abweisenden Blicke der Einwohner und leblos aus den Fenstern starrenden Kinder nichts Gutes. Im Eel Marsh House, dem Anwesen der Verstorbenen, kämpft sich Arthur unbeirrt von den kryptischen Warnungen der Dorfbewohner durch Papierberge und registriert schnell, dass er bei weitem nicht der einzige ist, der den Frieden dieses alten Gemäuers zu stören vermag. Es dauert nicht lange und Arthur sieht sich direkt konfrontiert mit den tragischen Geheimnissen von Eel Marsh, mit den Dämonen seiner eigenen Vergangenheit und einer unheilvollen Präsenz – der Frau in Schwarz.

Was hier klingt wie eine weitere reizlos vorhersehbare Variation des von den Reißzähnen der Filmwirtschaft bis auf die Knochen ausgeweideten haunted house Genres – entpuppt sich auch rasch beinahe als eben solche. Das Potential für eine stimulierende Revolution des Gruselfilms bietet die gotisch viktorianische Geistergeschichte von Susan Hill aus dem Jahr 1982, die nach einer Theaterversion und einem Fernsehfilm nun von Regisseur James Watkins („Eden Lake“) erstmals auch fürs Kino adaptiert wurde, tatsächlich nicht. Vor allem der Handlungsablauf rund um eine tragische und zugleich abgrundtief böse Geisterfigur, die keine ewige Ruhe finden kann und wiederkehrt, um Rache an den Lebenden zu nehmen, hat spätestens seit der Invasion japanischer Horrorfilm-Remakes wie „The Ring“, dem hier ohnehin einige Szenen entnommen zu sein scheinen, keine großen Überraschungen mehr bereithalten können.


Ebenso längst im Schlaf aufzählen können Anhänger des Genres die gängigen Versatzstücke des haunted house Films, die Watkins hier in seinem Horrorkabinett nur allzu gierig aufmarschieren lässt: Garstige Fratzen von alten Aufzieh-Figuren; bleiche Kinder; schemenhafte Figuren in den dunklen Untiefen des Bildhintergrundes; schwebende point-of-view Aufnahmen, die den Blickwinkel des lauernden Bösen suggerieren; nasse Fußspuren, die in leere Räume führen; und allen voran natürlich das schaurig imposante Eel Marsh House, das sich selbst Genre-Visionär Guillermo del Toro nicht gespenstischer hätte erdenken können.

Doch so altbekannt all diese Versatzstücke auch sein mögen, James Watkins beherrscht das Spiel mit den Genre-Elementen tatsächlich so meisterhaft, platziert sie in einer derart irren Dichte, dass man sich – trotz der enttäuschend berechenbaren Handlung – dem Sog dieses altmodischen Geisterfilms nicht entziehen wird können. Dabei setzt Watkins weniger auf punktuell gesetzte Schocker, als auf eine durch die markerschütternde Atmosphäre kontinuierlich gehaltene Spannungshöhe, die einem von der ersten bis zur letzten Minute keine Verschnaufpause gewährt – und genau darin liegt auch die Stärke von „Die Frau in Schwarz“. Die Geister treiben hier auf so unverschämt aufdringliche Weise ihr Spiel sowohl mit Arthur Kipps als auch mit uns Zuschauern, dass man bald nicht mehr weiß, ob man nun vor Angst erstarren oder ungläubig amüsiert sein soll – vor allem wenn Arthur auch nach dem zwanzigsten Spukmoment noch immer ehrlich glaubt, das Versperren einer Tür würde die Geister von ihm fernhalten.

Auf alle Fälle amüsant ist wohl auch die Besetzung des Arthur Kipps mit dem Harry Potter – Alter Ego Daniel Radcliffe. Wirklich unter Beweis stellen kann der nun vorgeblich zum Manne gereifte Jungdarsteller sein schauspielerisches Talent in „Die Frau in Schwarz“ allerdings nicht, scheint ihm doch die Rolle des Arthur wie auf den Potter-Leib geschneidert. Zwar spielt Radcliffe den trauernden Witwer und Vater, der sich hier unerschrocken dem Spuk stellt, durchaus ansehnlich. Doch den „betrübten Blick“ hat er immerhin schon knapp elf Jahre lang als vom Schicksal gebeutelter Zauberschüler ausgiebig einüben dürfen. Stellenweise erinnert so beinahe nur der verwegene Bartansatz daran, dass wir uns nicht mehr in Hogwarts, sondern in einem Roman von Susan Hill befinden.

„Die Frau in Schwarz“ bietet alles in allem ein visuell überzeugendes Stück Genrekino, in dem es sich auch aufgrund der Paarung von britisch-historischem Setting und japanischem Horrorgenre für die Zeitspanne des Films hervorragend gruseln lässt. Ob jedoch die grandiose Atmosphäre allein über die Reizlosigkeit einer altbekannten Geistergeschichte hinweg zu täuschen vermag, muss letztendlich jeder für sich selbst entscheiden. 

Regie: James Watkins, Drehbuch: Jane Goldman, Darsteller: Daniel Radcliffe, Ciarán Hinds, Janet McTeer, Shaun Dooley, Liz White, Laufzeit: 95 Minuten, Kinostart: 30.03.2012