Drive-(c)-2012-Universum-(3)

Drive

9
Thriller

Noch bevor „Drive“ regulär in den Kinos anläuft, eilt dem Film sein Ruf voraus und prophezeit Kultstatus. Ginge es nach seiner Vorlage, dem 2005 publizierten Roman „Drive“ von James Sallis, dann wird er bald die Bestenlisten anführen. Die Geschichte handelt von einem geborenen Rennfahrer, dem „Driver“ (Ryan Gosling), der tagsüber als Stuntman für den Film arbeitet und nachts seine Fahrkünste Kriminellen als Lenker von Fluchtautos zur Verfügung stellt. Als er sich in seine Nachbarin (Carey Mulligan) verliebt, ist das der Auftakt zu einem Kräftemessen mit der Mafia (Albert Brooks). Obwohl „Drive“ im Stil der 1980er gedreht ist, mit passenden Requisiten, Popmusik (Cliff Martinez) und Farbgebung, spricht die Inszenierung von Nicolas Winding Refn dennoch eine ganz eigene Sprache.

Im Vorfeld als Action und Crime gehandelt und mit „Driver“ von Walter Hill sowie mit Bullit & Co. verglichen, schürt das zwar einen gewissen Maßstab, wird dem Film aber nur begrenzt gerecht. Denn anders als der gummigebende Bullit, meistert der Driver hier die Verfolgungsjagden am eindrucksvollsten, wenn es nicht heiß her geht, sondern er sie wie in der Eröffnungsszene als Stop-and-Go entwickelt. So hat „Drive“ ein Tempo, das von Melancholie und Einsamkeit getragen wird und das Refn durch den Einsatz von Slow Motion weiter herunter drosselt. Hier geht es nicht um Geschwindigkeit, sondern um Rhythmus.


Alle Figuren in „Drive“ sind (gut gespielte) Prototypen und gruppieren sich um das Zentralgestirn des Drivers. Ryan Gosling und diese Figur scheinen eins zu sein. Man möchte meinen, Refn hat sich Gosling ins Boot geholt, so perfekt ist dieser in Szene gesetzt. Tatsächlich verhielt es sich aber umgekehrt, Gosling war bereits engagiert und hat Refn die Regie zugetragen. Interessant ist Ryan Gosling vor allem aufgrund seines charakteristischen Minenspiels. Emotionen vollziehen sich unterschwellig und zeigen an der Oberfläche nur Ausläufer. Das erzeugt zugleich die Einsamkeit und die Coolness, die eine Figur wie der Driver braucht. Was Goslings Part ausmacht, ist jedoch, dass er im Grunde gar nicht sonderlich cool ist. Man nehme ihm nur den Zahnstocher und die Skorpionjacke weg und er entpuppt sich als der schüchterne, aber nette Junge von nebenan. Er ist „The Kid“, namenlos, wortlos und in sich gekehrt. Jegliche Empfindung wirkt und provoziert unmittelbar, sowohl Liebe, als auch Aggression werden bis zur Verklärung übersteigert. Kindlich anmutende Verliebtheit steht auf der einen Seite, schrankenlose Brutalität auf der anderen.

Die Kontraste sind es schließlich auch, die diesen Film so außergewöhnlich machen. Im Gegensatz zu den teils extrem kitschig inszenierten Momentaufnahmen entwirft Refn eskalierende Gewaltszenen und hinterlässt damit die Handschrift, die er bereits in seiner „Pusher-Trilogie“ oder „Valhalla Rising“ in Form von Schädeleinschlagen zelebriert hat. Die Extreme zwischen den romantischen und den gewaltvollen Bildern, zwischen Stillstand und Bewegung, zwischen Sonnenlicht und Neonröhren werden bis ins Äußerste getrieben. Die geballte Bündelung von Bewegung, Musik und Licht erzeugt zwar die ganz eigene Dynamik und Spannung der Inszenierung, kann aber wohl auch zu einer Überreizung kitschempfindlicher Gemüter führen. Doch man sollte Nachsicht walten lassen, schließlich ist „Drive“ ein Großstadtmärchen von der Verwandlung eines Froschs in einen Skorpion. So prägnant Ryan Goslings Darstellung auch ist, der Star des Films ist ein anderer: Nicolas Winding Refn. Cannes hat ihn völlig zurecht mit der Besten Regie gewürdigt. Refn hat eine Arbeit von beeindruckender formaler und atmosphärischer Dichte und eigenwilliger Faszination geschaffen, die unterm Strich vor allem eins ist: Cool!

Regie: Nicolas Winding Refn; Drehbuch: Hossein Amini; Darsteller: Ryan Gosling, Carey Mulligan, Bryan Cranston, Albert Brooks, Oscar Isaac, Christina Hendricks, Ron Perlman, Länge: 100 Minuten; Kinostart: 26.01.2012




  • hirngespinst

    ich schließe mich an, der kritik und den kommentaren. endlich mal ein film, der eigenständig und stimmig ist. ich bin mir nur nicht so sicher, ob ryan gosling nicht etwas überschätzt wird, er wirkt manchmal, ‚in bewegung‘, noch ein bissl überfordert. er hat aber auf jeden fall potential, zumindest mehr als seine mickeymousefreunde. cannes war anständig, aber bitte, wo ist der film bei den oscar-nominierungen??? das geht gar nicht.

    • ob gosling überschätzt wird kann ich schwer beurteilen, kenn ihn nur aus „Die Abenteuer des jungen Hercules“ 😉 und „Drive“ und in letzterem passt er perfekt rein, möchte mir da gar keinen anderen vorstellen, ich mein Hugh Jackman? das wär ja grauenhaft geworden, wenn der wirklich die rolle übernommen hätte!
      aber was die oscars betrifft geb ich dir recht, schändlich vernachlässigt worden … aber dadurch gewinnt der film nur noch mehr in meiner gunst :)

  • eolienne

    Ein wunderbarer Film, der sogleich zu einem meiner liebsten aufgestiegen ist!

    Musik, Bild und Sprache verschachteln sich zu einem sensiblen Gesamtkunstwerk.

    Das Ausbalancieren von Gegensätzen und ihre Radikalität im Ausdruck – Gewalt und Liebe, Bewegung und Stillstand, Kitsch und Coolness usw. – wo kein Opponent überwiegt und gewertet, sondern immer wieder von anderen abgelöst wird, zeigt mir aufs Neue, dass jedwedes Denken und jeder Eindruck hinterfragt werden muss. Hinterfragt auf seine Zuschreibungen, die meistens zwischen Gegensätzen trennen und ein eindeutiges Ergebnis suchen – als würden wir nur im Sinne von Gut oder Böse bestehen.

    Drive veranschaulicht sehr gut, dass sich die menschliche Psyche weit komplexer zusammensetzen und viele binäre Oppositionen beinhalten kann.

    • besser hätte man es kaum ausdrücken können..stimme vollinhaltlich zu, danke für das tolle kommentar!

    • ich war (und bin eigentlich noch immer) vollkommen überwältigt von diesem film. nicht nur die kritik, sondern auch dein kommentar trifft den nagel auf den kopf …