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The Master

9
Drama

Für die einen ist er ein Scharlatan, für die anderen ein Prophet und Genie: L. Ron Hubbard, der Gründer von Scientology. Das bescherte The Master, dem neuen Film von Paul Thomas Anderson schon im Vorfeld kritische Aufmerksamkeit. Das Ergebnis ist jedoch weit davon entfernt auf Konfrontationskurs zu gehen.

Im Grunde steht eine andere Figur im Mittelpunkt, Freddy (Joaquin Phoenix), ein Matrose, der aus dem Zweiten Weltkrieg zurückkehrt. Er kommt in ein Amerika, dessen adrette Oberfläche (die er als Kaufhausfotograf ablichtet) so gar nicht mit dem in Einklang zu bringen ist, was sich in ihm abspielt. Zwei Gedanken beherrschen ihn, an selbstgebraute Alkoholika und an Sex. Freddy ist unkontrolliert, aggressiv, unberechenbar. Den Fotografenjob verliert er, weil er ausrastet und mit den Fäusten auf einen Kunden losgeht. Eines Tages besteigt er im Dusel ein Schiff. Dessen Kapitän ist Lancaster Dodd (Philip Seymour Hoffman), ein Selbsthilfe-Guru, der sich von dem wilden Findling fasziniert zeigt und ihn zu seinem Versuchskaninchen erwählt. Er wird der Gruppe um Ehefrau Peggy (Amy Adams), Sohn Val (Jesse Plemons), Tochter Elizabeth (Ambyr Childers) und deren Ehemann Clark (Rami Malek) angeschlossen.


Der Hund hat seinen Herrn gefunden. Wie in einem Reflex, führt Freddy alles unmittelbar aus, was man ihm aufträgt und zahlt verbale Angriffe auf den Master mit handfesten zurück, nicht immer in dessen Einverständnis. Im Gegenzug lebt Freddy sein Versuchskaninchendasein wie ein Automat. Die Gruppe exerziert an ihm das von Lancaster Dodd entwickelte Selbsthilfeprogramm „The Cause“, auch wenn in keinem Augenblick der Eindruck entsteht, dass Freddy Hilfe sucht.

Auf diese ungewöhnliche und rätselhafte Beziehung legt Paul Thomas Anderson den Fokus. Mit Unterstützung des Kameramanns Mihai Malaimare Jr., der in ungewöhnlichen 70mm drehte, kommt er den Figuren sehr nahe und bettet sie – untermalt von der beachtenswerten Filmmusik von Johnny Greenwood – in eine Umgebung, die zwischen landschaftlicher Weite und der Beengtheit der Psyche pendelt. In Nahaufnahmen der Gesichter wird der Gegensatz zwischen Dodd und Freddy wie ein Kontrast zwischen Hell und Dunkel sichtbar, bis sich mit der Zeit Gemeinsamkeiten herauskristallisieren.

Lancaster Dodd ist ein Egomane, der von seinen Gläubigen bedingungslose Gefolgschaft erwartet. Er gibt sich humorvoll, großzügig, weise, verständnisvoll. „You seem so familiar to me“, sagt Dodd zu Freddy bei ihrer ersten Begegnung und es lässt sich erahnen, dass auch Dodd Abgründe bereithält. Sobald Fragen gestellt werden, bricht Jähzorn hervor, der einen Anknüpfungspunkt zu Freddy darstellt, wenngleich er nie handgreiflich wird. Es geht ihm um Kontrolle (der Aggression), das Heraustreten des Menschen aus dem Tierreich.

The Master ist keine Abrechnung mit und auch kein Porträt von Scientology oder dessen Gründer. Es flossen wesentliche Impulse aus Hubbards Biografie ein, doch Macht und Beherrschung sowie der Widerspruch zwischen heiler Welt und innerer Zerrüttung bilden die Leitmotive. Die Darsteller – allen voran Phoenix und Hoffmann – sind schlichtweg grandios. Die wie gestochen wirkenden Bilder, die Konzentration auf die Figuren und die Armut an effektiver Handlung geben dem Film etwas Puristisches, eine seltene poetische Klarheit. Obwohl uns Anderson durch Rückblenden und surrealistische Episoden an die Gedankenwelt Freddys heranführt, verweigert er ebenso wie Dodd Antworten. Am Ende weiß man, was man währenddessen und was man am Anfang wusste: „Perhaps he is past help or insane.“ Ein klein wenig unbefriedigend ist das schon.

Regie und Drehbuch: Paul Thomas Anderson, Darsteller: Joaquin Phoenix, Philip Seymour Hoffman, Amy Adams, Laura Dern, Ambyr Childers, Rami Malek, Filmlänge: 137 Minuten, Kinostart: 22.02.2013, www.themasterfilm.com




  • Marco

    Grandioser Film! Schauspielerischen Leistungen sind überragend und ich bin immer wieder begeistert, wie gut Anderson sowohl als Drehbuchautor, als auch als Regisseur ist. Bisher noch keinen schlechten Film gemacht. Muss sagen, mittlerweile ist der Mann wirklich einer meiner Lieblingsfilmemacher geworden, zumindest von den noch aktiven und jüngeren Filmemachern.
    Was ich bei ihm immer so beeindruckend finde ist, dass immer der Film als Gesamtwerk bei ihm im Vordergrund steht. Er (und Aronofsky) passen ihren Stil und ihre Inszenierung an Geschichte und Figuren an, während Tarantino und Refn hingegen den Geschichten und Figuren ihre Handschrift aufdrücken. Finde Anderson und Aronofsky sind vielseitigere Filmemacher.

  • Martina Z

    Und übrigens hätte ich gerne, dass Phoenix den Oscar bekommt!

    • Marco

      Ohne den Film noch gesehen zu haben, bin ich auch dafür :)

  • Natürlich ist die Verbindung zu Scientology-Gründer L. Ron Hubbard
    nicht wegzuleugnen. Charismatischer Anführer, leichtgläubige Menschen,
    Druck, übermäßige soziale Beeinflussung, Absolutheitsanspruch,
    persönliche Geständnisse für die Manipulation.

    Man muss schon sehr verblendet sein, wenn man die Parallelen zu
    Scientology nicht erkennt … oder selbst ein Scientologe, wenn man
    diese Tatsachen nicht mehr wahrnimmt bzw. sich nicht wahrzunehmen
    erlaubt.

    • Martina Z

      Die Parallelen lassen sich wirklich nicht leugnen. Aber ich bin mir gar nicht sicher, ob man Scientology oder Hubbard erkennt, wenn man nichts davon weiß. Im Grunde ist die Figur und die Bewegung mit anderen machtstrebenden Persönlichkeiten, mit allen möglichen Sekten, mit Gruppen usw., die andere manipulieren, formen und lenken wollen, ebensogut in Verbindung zu bringen. Ich denke, das ist eine Stärke des Films.

    • Marco

      Außerdem glaub ich auch, dass diese Verbindung keineswegs das Hauptaugenmerk des Films ist. Auch wenn sie vorhanden ist, hat er sich letztlich ja nur davon inspirieren lassen, es ist keine Verfilmung der Scientology Geschichte.

  • Marco

    Also ich bin schon sehr gespannt auf den Film.

    • Martina Z

      Eine kleine Warnung: Der Film ist nichts für Menschen, die sich am liebsten zerstreuen oder sich schnell langweilen (denn das werden sie hier schon nach kurzer Zeit). Sowas habe ich schon lange nicht mehr erlebt, dass ich am Ende rausgehe und den Eindruck hatte „Da ist doch gar nichts passiert“ und trotzdem ein überwältigendes Filmerlebnis hatte. Im Grunde passiert natürlich schon etwas, aber auf eine Art, dass die meisten Szenen mehr zum Anschauen wirken, als dass man sich hineindenkt oder nachempfindet und z.B. das Blau der Eingangsszene hat sich als Bild so festgesetzt, wie manche Farben von Gemälden nachwirken. Ich könnte mir vorstellen, dass die Filmsprache von Anderson & Co. für heutige Sehgewohnheiten aber auch Distanz erzeugt. Mal schaun, was du dazu sagst – den ich ja nicht zu den sich schnell langweilenden Menschen zähle :).

    • Chris

      Ja, so wie in allen seinen Filmen setzt sich Anderson mehr mit seinen Figuren und deren Eigenarten auseinander, anstatt das Hauptaugenmerk auf die Handlung zu legen. Das seine Hauptcharaktere zudem schräge, bemitleidenswerte Eigenbrödler oder Außenseiter sind, hilft da natürlich zusätzlich eher wenig. Das kann abschrecken oder Distanz erzeugen – ist aber natürlich mehr als legitim und gerade deswegen wieder anziehend/interessant. Ich freu mich schon drauf, auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, das er There will be Blood übertreffen wird. Dein Filmerlebnis finde ich aber grandios – so in etwa ist es mir bei Inland Empire ergangen.

    • Martina Z

      Das tut er auch nicht, There will be Blood übertreffen, m.E., wenn auch schwer vergleichbar.
      Ja, Inland Empire … schade, dass dieser Meister nicht mehr Regie führt.

    • Marco

      Das ist richtig, wobei andererseits auch gut, dass er sich gerade nach so einem Film zurück gezogen hat, weil was soll der DANACH denn noch machen? In Inland Empire kulminiert seine ganze Karriere. Wenn man ihn mit anderen „Alt“-Meister vergleicht, gut, dass er keine Filme mehr macht, möchte nicht sehen, dass Lynch den gleichen Weg geht wie ein Scorsese!

    • Marco

      Sowas erwarte ich bei Anderson ohnehin nicht. Einen seichten, leichten Film zur Zerstreuung mein ich.

      Oh, danke :) Nein, schnell langweilen tu ich mich nicht und Andersin ist wirklich ein sehr eigenes Kapitel. Magnolia zum Beispiel ist ein wunderbar geschriebener Film, tolle Regie, fantastische Schauspieler, aber wirklich „gefallen“, in dem Sinn, dass mich der Film unterhält, tut er nicht. Gleichzeitig finde ich den Film dennoch beeindruckend.

      Es ist irgendwie faszinierend, ich finde seine Filme haben eine ganz eigene Wirkung, die sich schwer in Worte fassen lässt.