Die Bibliothek am Mount Char
Die Bibliothek am Mount Char von Scott Hawkins ist ein unverschämt origineller und grandios phantastischer Debütroman, der wahrlich seinesgleichen sucht.
Eine Bibliothek voller Wunder
Carolyn ist Bibliothekarin. Aber sie ist keine gewöhnliche Bibliothekarin. Außerdem ist ihr despotischer Vater verschwunden. Doch er ist kein gewöhnlicher Mensch. Vielmehr scheint es sich bei ihm um eine Art Gott zu handeln. Auch die Bibliothek und die verschiedenen Kataloge, die sie und ihre Geschwister studieren, sind nicht von dieser Welt und verleihen ihnen Fähigkeiten weit über das Alltägliche hinaus. Das Verschwinden ihres Vaters hinterlässt eine große Lücke und ein Machtvakuum, das andere Götter füllen wollen. Aber Carolyn, deren Spezialgebiet die Sprachen sind, hat einen Plan. Einen Plan, wie sie die Konkurrenten ihres Vaters ausschalten kann, während ihre Geschwister weiter nach dem Verbleib des Familienoberhaupts suchen.
Mit Die Bibliothek am Mount Char ist Scott Hawkins etwas schlichtweg unvergleichliches gelungen. Dieser Roman ist ein Wunder voller phantastischer Einfälle, unvergesslicher und unverwechselbarer Figuren und Originalität, die einen staunend zurücklässt. Es ist eines jener Bücher, die einem das Vergnügen am Lesen geben können, weil sie eine derart gelungene, authentische und gleichzeitig so andere Welt offenbaren, dass es unmöglich scheint, mit dem Lesen aufzuhören. Hawkins entwickelt einen Sog, der unaufhaltsam in die Geschichte zieht, der einen nicht mehr loslässt. Dabei entwickelt er dennoch komplexe Figuren, die trotz ihrer “göttlichen” Andersartigkeit nachvollziehbar bleiben. Darüber hinaus schlägt die Handlung Kurven und Wendungen, auf die man niemals kommen würde.
Den ganzen Sommer über lernte Carolyn vom Rotwild im Tal. Es war die letzte friedliche Zeit in ihrem Leben und vielleicht auch die glücklichste. Unter Ishas Anleitung lernte sie immer schneller auf den Pfaden des unteren Waldes zu laufen, über die umgestürzte, bemooste Eiche zu springen, im Knien Klee zu knabbern und am Tau zu nippen. Zu dieser Zeit war Carolyns Mutter bereits ein Jahr tot. Ihre einzige Freundin war verbannt. Vater war vieles, aber mit Sicherheit nicht sanft.
Was kann man noch ergänzend sagen? Die Bibliothek am Mount Char ist nicht nur ein unverschämt gelungenes Debüt, sondern sollte eigentlich auch auf allen Bestenlisten zu finden sein. Es sollte ein Bestseller sein. Man hätte auch nichts gegen eine hochwertige TV-Serie und sei es nur, um die Bekanntheit des Romans und seines Autors zu steigern. Und wer sich das Buch in der deutschen Übersetzung beim Foliant Verlag zulegt, wird mit einer wunderbaren Hardcover-Ausgabe belohnt (es gibt aber auch die günstigere Taschenbuchversion). Die Bibliothek am Mount Char ist einer jener Romane, die man vorbehaltlos jedem empfehlen sollte, er wird einem das Staunen lehren. Ja, man möchte fast sagen, dass Scott Hawkins mit diesem Roman ein Meisterwerk gelungen ist.
Die Bibliothek am Mount Char von Scott Hawkins, 496 Seiten, erschienen im Foliant Verlag.
