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Baliami

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Drama

Zur Wiederaufführung des Theaterstücks Baliami vom 28. Februar bis zum 3. März im Dschungel Wien, hier noch mal unsere Kritik.

Oliver (Simon Kubiena) lernt in der Schule eines Tages Baliami (Josepha Andras), ein Flüchtlingsmädchen aus dem Kosovo kennen. Obwohl es ihm seine strengen, gutbürgerlichen Eltern verbieten, freundet er sich trotzdem mit ihr an und sie finden immer raffiniertere Mittel und Wege um einander zu treffen. Aber es kommt, wie es kommen muss, man wird nicht jünger, sondern älter und das Erwachsenwerden macht vor niemanden halt. Während Oliver und sein bester Freund Raphi (Max Kolodej) unzertrennlich bleiben, zieht Baliami weg und sie und Oliver verlieren sich aus den Augen. Dafür lernt er Sophie (Anna Zagler) kennen und verliebt sich in sie. Später werden sich Oliver und Baliami wiedersehen, doch da hat sich vieles verändert.

Den Anfang macht das Stück selbst, das Geschriebene, da unterscheidet sich Theater ja nicht so sehr vom Film, auch wenn die Art zu schreiben eine gänzlich andere ist, und Benedict Thill versteht es auf jeden Fall, für das Theater zu schreiben. Beim Betrachten von Baliami kommt man nicht umhin, sich nicht auch die Frage zu stellen, ob er nicht ebenso gut für den Film schreiben könnte, bedient er sich doch auch durchaus filmischen Mitteln um seine Geschichte zu erzählen, wie zum Beispiel Zeit- und Ortsprüngen, einer Erzählstimme, aber gesprochen von mehreren Figuren, und ein rasantes Tempo, das stark an Schnitte im Film erinnert. Doch beim Theater geht es vermehrt um Dialoge und Figurenentwicklung und beides treibt Thill hier fast (fast, weil etwas Luft nach oben sollte man schon noch lassen) zur Perfektion. Nicht nur, dass die Figuren lebensnah und komplex erscheinen, ihre Konflikte werden rasch etabliert und sind gleichzeitig für jeden nachvollziehbar, denn wer war nicht einmal ein verliebter Jugendlicher. Was aber leicht ins allzu kitschige abgleiten könnte, fängt Thill mit einer gehörigen Portion Humor im Dialog wieder auf – und am Ende wünscht man sich sogar, das Stück wäre noch nicht vorbei.

Überhaupt lässt sich am Stück selbst, an der Dramaturgie des Textes, den Dialogen, der Charakterzeichnung und Entwicklung der Figuren nichts aussetzen, es zählt wohl ohne Zweifel zu einem seiner bisher stärksten Stücke und ist gekennzeichnet von einer Wahrhaftigkeit, die gleichzeitig voller Phantasie und originellen Ideen geradezu übergeht. Ähnlich überbordend und originell ist auch die Inszenierung von Richard Schmetterer. Gekonnt bringt er die Erzählstimme des jungen Oliver, der immer mal wieder aus der Handlung steigt um direkt mit dem Publikum zu sprechen, auf die Bühne. Etwas weniger gelungen ist die übertrieben über die Bühne laufende junge Baliami, die da etwas zu hektisch inszeniert scheint. Es würde genügen dem Talent der Schauspieler und der Kraft der Worte zu vertrauen. Gleiches gilt für die emotionalen Ausbrüche am Ende. Innerhalb kurzer Zeit wird gleich dreimal lauthals auf der Bühne geschrien, was wiederum den letzten dieser Ausbrüche, den einzigen, der wirklich zu den Figuren passt, in seiner Wucht schwächt. Auch hier wäre weniger, mehr gewesen. Die Darsteller und das Stück selbst hätten ausgereicht um die emotionale Kraft dem Zuschauer zu verdeutlichen.

Trotzdem ist Schmetterers Inszenierung durchwegs gelungen und er zeigt sich damit als im gleichen Maße talentierter Regisseur, wie er es auch als Schauspieler ist. Besonders originell ist die Darstellung, der wenigen Erwachsenen, die in Baliami vorkommen. Hierbei zeigt sich sein Vertrauen in die jungen Schauspieler, denn er lässt sie gleich auch die Erwachsenen spielen. Überhaupt beweist sich die Besetzung als schlichtweg atemberaubend. Die jungen Schauspieler (zwischen 17 und 23 Jahre alt) liefern allesamt Leistungen ab, hinter denen sich manch bekannte Schauspielgrößen verstecken können. Nicht nur, dass sie mit vollem Körpereinsatz und einer unvergleichlichen Energie spielen, sie schaffen es auch, die nuancierten Zwischentöne, ja, fast sogar die subtilen Feinheiten ihrer Figuren darzustellen (eine Leistung, die gerade am Theater besonders beachtlich ist), und das so gekonnt, dass man beinahe vergisst, es mit derart jungen Schauspielern zu tun zu haben. Sie sind es, die Baliami im wahrsten Sinne des Wortes zum Leben erwecken, denn am Theater, sobald es zur Aufführung kommt, geben sowohl der Autor, als auch der Regisseur die Zügel aus der Hand und es sind die Schauspieler, die das Stück tragen. Diesen vier Schauspielern ist das auf beeindruckende Weise gelungen. Eigentlich kann man sich gar niemand anderen in den Rollen vorstellen als Josepha Andras, Simon Kubiena, Max Kolodej und Anna Zagler.

Man darf also hoffen, dass die Wiederaufführung ein voller Erfolg wird und man von allen Beteiligten noch viel hören und vor allem sehen wird. Baliami zeigt jedenfalls eindrucksvoll, zu welcher emotionalen Wucht gut geschriebenes, gut inszeniertes und gut gespieltes Theater fähig ist. Der nicht enden wollende Applaus am Ende, der die Schauspieler fünfmal (oder war es sogar sechsmal?) wieder auf die Bühne holte, spricht für sich – und jede klatschende Hand war vollends verdient.

Autor: Benedict Thill, Regie: Richard Schmetterer, Darsteller: Josepha Andras, Max Kolodej, Simon Kubiena, Anna Zagler, Laufzeit: 85 Minuten, Wiederaufführung im März 2017 im Dschungel Wien