Prisoners-©-2013-Tobis-Film(16)

Prisoners

9
Drama

Prisoners, der neue Film von Denis Villeneuve (Die Frau die singt – Incendies) wirft rund um eine mysteriöse Kindesentführung jede Menge Fragen auf und beantwortet sie auf großartige Weise eben nicht.

Der Handwerker Keller Dover (Hugh Jackman), seine Frau Grace (Maria Bello) und ihre sechsjährige Tochter Anna (Erin Gerasimovich) verbringen Thanksgiving bei den befreundeten Birchs am anderen Ende der Straße. Nancy Birch (Viola Davis) bereitet das von Keller geschossene Reh zu, während ihr Mann Franklin (Terrence Howard) die Trompete zur gemeinsamen Unterhaltung auskramt. Doch als plötzlich die kleinen Mädchen Anna und Nancy Birch verschwinden, zerbricht die vorstädtische Idylle abrupt. Über einem alten Wohnwagen, auf welchem die Kinder kurz zuvor gespielt hatten, stößt die Polizei unter der Leitung von Detective Loki (Jake Gyllenhal) schnell auf den geistig zurückgebliebenen Alex Jones (Paul Dano), welcher umgehend festgenommen wird. Da dieser aufgrund von fehlenden Beweisen bald wieder auf freien Fuß gesetzt werden muss, entführt und quält Keller Alex, von dessen Schuld er überzeugt ist, um an Informationen über seine Tochter zu gelangen. Detective Loki führt währenddessen weitere Ermittlungen auf der Spur neuer Verdächtiger.


‚Pray for the best, but prepare for the worst‘: das ist Keller Dovers Lebensphilosophie und so verwundert es auch nicht, dass er große Mengen Lebensmittel und Brennholz in seiner Garage stapelt, um für plötzlich eintretende Katastrophen gewappnet zu sein. Er ist ein Kontrollfreak und der, auch in seinem Selbstverständnis, unumstrittene patriarchale Beschützer seiner Familie. Die Entführung seiner kleinen Tochter zeigt ihm seine Hilflosigkeit, die Unmöglichkeit auf Alles vorbereitet zu sein. Verzweifelt davon sieht er seine brutale Selbstjustiz als einzigen Ausweg, seine Rolle aufrechtzuerhalten. Hugh Jackman ist ein harter und cholerischer Keller Dover, der ständig herum schreit und auf Gegenstände einschlägt um seiner Verzweiflung Luft zu lassen, die man ihm aber glaubt.

Die anderen betroffenen Familienmitglieder werden hauptsächlich durch ihre unterschiedlichen Verarbeitungsstrategien des Schicksalsschlages charakterisiert, bleiben sonst aber schal und unscheinbar. Im Zentrum stehen klar der die Justiz missachtende Keller und sein Gegenspieler Detective Loki. Jake Gyllenhal überzeugt als verschrobener, immer leicht genervter Polizist, mit aus dem Hemd ragendem Hals-Tattoo und zurück gegeltem Haar bis ins kleinste Detail; die Rolle steht ihm einfach überraschend gut. Dank ihm tut es Prisoners auch keinen Abbruch, dass sich dieser am Ende zunehmend in den klassischen Schemen eines Detective-Thrillers zu verlieren droht.

Denis Villeneuves Film ist keine Schwarz-Weiß-Malerei. Gut und Böse sind nicht immer zu unterscheiden. Alle Konflikte und Fragen, sei es jene nach der Rechtfertigung Kellers Selbstjustiz oder der immer wieder kehrende Widerspruch zwischen Religion und Gewalt werden nicht eindeutig beantwortet. Jeden scheinbaren Vorwurf, den Prisoners erhebt, relativiert er zugleich wieder. Als Zuschauer ist man unaufhörlich hin und her gerissen, was beklemmend wirkt und zu einer zweieinhalb stündigen Dauer-Anspannung führt. Auch wenn man den Kinosaal verlässt, wird man Prisoners nicht so schnell los und versucht zwangsweise Antworten auf die unbeantworteten Fragen zu finden. Definitiv ein Highlight des Kinoherbstes.

Regie: Denis Villeneuve, Drehbuch: Aaron Guzikowski, Darsteller: Hugh Jackman, Jake Gyllenhaal, Maria Bello, Terrence Howard, Viola Davis, Paul Dano Laufzeit: 153 Minuten, Kinostart: 11.10.2013, www.prisoners-derfilm.de




  • Martina Z

    Keine Schwarz-Weiß-Malerei? Die Figurencharakterisierung klingt aber sehr danach. Bin jedenfalls gespannt.

  • Chris

    Gestern gesehen, schwierige Kost: Einerseits ist Prisoners in Sachen Fotografie (Roger Deakins, brillant wie immer) und düsterer Atmosphäre wirklich großartig, auch die schauspielerischen Leistungen sind – vor allem und immer wieder überraschend großartig in Polizistenrollen: Jake Gyllenhaal – durch die Bank auf hohem Niveau angesiedelt. Einige dramaturgische Durchhänger, die den Film dann doch etwas zu lang erscheinen lassen, trüben aber die ambitionierte Produktion: So sind manche Charaktere einfach zu eindimensional, auf eine bestimme emotionale Komponente reduziert. Ein paar Plot-Löcher regen zum diskutieren an, das Ende bzw. die Auflösung war meiner Meinung nach dann doch etwas bemüht und, angesichts des konstant aufrecht gehaltenen Spannungsbogens bzw. der gekonnten Irreführung des Zusehers, leider weniger befriedigend. Aber vielleicht bin ich zu kritisch, denn: WAS waren da für unglaublich packende Szenen dabei! (Krankenhaus-Fahrt, Jackman VS Waschbecken). Prisoners schafft dennoch den Sprung zu meinen heurigen Kinohighlights und darf gerne vorbehaltlos in einem Satz mit Se7en genannt werden – für etwaige Vergleiche im Bereich „verstörende Thriller“.

    Hätte mit 4 von 5 gewertet, wenn das der Beginn des Kino-Herbstes ist, dann können sich Filmfreunde auf was gefasst machen (im positivem Sinne)!