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Grand Theft Auto V

8
Action

Die Grand Theft Auto-Reihe zählt zweifellos zu den wenigen Franchises, die heute nicht mehr extra vorgestellt werden müssen. Schon GTA 4, dessen Release mittlerweile fünf Jahre zurückliegt, war wie kein anderes Spiel in den Medien vertreten und hat vielerorts überhaupt erst die Debatte entfacht, welches Potential in Computerspielen steckt. Dementsprechend hoch sind die Erwartungen von allen Seiten an den diesjährigen Nachfolger aus dem Hause Rockstar North.

Die meisten Details sind ohnehin bereits aus den zahlreichen Trailern und Pressemitteilungen, die der Veröffentlichung weit vorausgegangen sind, bekannt – kein anderer Titel wurde derart intensiv beworben und auch der Hype lässt sich kaum in Worte fassen, ihm zu entkommen ist praktisch unmöglich: Der fünfte Teil der GTA-Reihe ist schon jetzt zweifellos das Release des Jahres, zumindest was die Erwartungshaltung anbelangt. Das liegt nicht zuletzt an der Menge an Superlativen, die meist in einem Atemzug aneinander gereiht werden: Das größte, brutalste, dramatischste, offenste, beste GTA aller Zeiten. Doch wieviel davon entspricht der Wahrheit?


Los Santos, so der Name der Stadt im Bundesstaat San Andreas, ist riesig: Zahlreiche Stadtteile, die alle an das reale Vorbild im Süden Kaliforniens erinnern, ergeben ein Gebiet, das den Umfang der vorherigen Teile deutlich übertrifft. Zwar gibt es in GTA 5 nur noch eine Stadt, aber diese lässt angefangen von ländlichen Gegenden bis hin zu Industriegebieten keine Wünsche an die Szenerie offen.

„Open World“ ist der Genre-Überbegriff, mit dem GTA nicht nur üblicherweise versehen wird, sondern den die Reihe auch selbst maßgeblich mitgeprägt hat: Los Santos ist das Resultat dieser über ein Jahrzehnt andauernden Entwicklung, in denen nicht zuletzt der Fortschritt der Technik die Umsetzung dieser Vision des Rockstar-Entwicklerteams ermöglicht. An einigen Stellen gerät die langsam alternde Xbox 360 ins Wanken, ein Einbruch der Framerate hier, eine zu spät geladene Textur da – man merkt manchmal, dass diese Generation deutlich dem Ende zugeht.

Passend zur Größe der Stadt gestaltet sich auch das Angebot an Aktivitäten, das zur Verfügung steht: Da findet sich Tennis genauso wie Yoga, Tauchen und Golf, man kann in Immobilien oder Aktien investieren und die Gewinne bei einem oder mehreren Strip-Club-Besuchen postwendend wieder loswerden – und das ist nur ein kleiner Auszug, tatsächlich lässt sich die Frage ob man denn dieses oder jenes in GTA 5 machen kann im Normalfall bejahen. Wer noch immer nicht genug hat, kann wie auch schon im Vorgänger im virtuellen Internet surfen und sich so die Zeit vertreiben. Auch wenn diese kaum mehr als Mini-Games zu bezeichenden Zeitvertreibe als eigenständige Titel keinen Spitzenplatz erlangen würden, beeindruckend ist nicht nur die Vielfalt, sondern durchaus auch deren Tiefgang. Los Santos ist nicht bloß Abbild der Architektur einer Großstadt, sondern ein hyperrealistischer Vergnügungspark in Gestalt eben dieser Metropole.

Doch weder die zahlreichen wunderschönen – teils gut versteckten – Plätze, noch das breit gefächerte Freizeitangebot von Los Santos, können von der Brutalität in GTA 5 ablenken oder im richtigen Moment Trost spenden. Die Story teilt sich auf drei verschiedene Charaktere auf, deren Steuerung man abwechselnd übernimmt. Bereits in den ersten Minuten des Spiels eröffnet man das Feuer – ohne zu wissen, wen man eigentlich steuert, was die Hintergründe sind – ahnungslos. Eine Leiche, noch eine, noch ein paar weitere: Es ist nicht die Aktion an sich – nichts Außergewöhnliches für GTA -, sondern die Verpackung in die Erzählung, die einen bitteren Beigeschmack lässt.

Von diesem Moment an, gleich nach der ersten Cut-Scene, ist man als Spieler Teil dieser Erzählung, ganz egal, ob man will oder nicht – und steht damit im krassen Gegensatz zum Open World-Prinzip. Es gibt zwar all diese Freizeit-Aktivitäten, aber man wird zwangsläufig von der Story eingeholt. Schade ist auch, dass sich manche Hobbies erst durch den entsprechenden Punkt in der Story freischalten lassen. Damit wirkt die offene Welt von Los Santos an einigen Stellen fast überflüssig, der rote Faden, der für Linearität im Chaos der Großstadt sorgt, ist der Preis für eine Story, die zwar nicht „schön“ ist, aber hervorragend erzählt wird – wenngleich das Schockierende, das viele der Vorgänger ausgemacht hat, fehlt.

Auch die Satire wirkt nicht mehr so fein wie in anderen Teilen der Reihe: In der realistisch aussehenden Welt von GTA 5 ist der überzeichnete Humor manchmal deplatziert, „Bleater“ und „LifeInvader“ als virtuelles Gegenstück zu „Twitter“ und „Facebook“ ist für ein kurzes Grinsen gut, aber man vermisst die Momente, in denen man sich fragt, ob die Designer bei Rockstar nicht doch ein bisschen zu weit gegangen sind – ein Gefühl, das auch sonst immer wieder schmerzlich abgeht. Nichtsdestotrotz ist Los Santos ein Ort, an dem man problemlos viele, viele Stunden verbringen kann – Ganz egal, ob man lediglich dem Story-Verlauf folgt, oder sich doch von einer der zahlreichen anderen Aktivitäten ablenken lässt, Autos stiehlt und Unfrieden stiftet oder einfach nur die über 15 hervorragenden Radio-Sender anhört, die ein absolutes Highlight darstellen: GTA 5 bietet genug Spiel für den Preis, umso mehr mit der bevorstehenden Veröffentlichung des Multiplayer-Modus.

Letztendlich wirkt GTA 5 wie der „erwachsene“ Teil der Grand Theft Auto-Reihe: statt ständig an den Grenzen des Akzeptablen zu rütteln, geht Rockstar auf Nummer sicher, bessert an vielen Stellen nach und erweitert den Umfang – teilweise enorm -, aber versäumt es, den entscheidenden Schritt nach Vorne zu machen. Zweifellos ist GTA 5 das größte, brutalste, dramatischste, offenste und definitiv beste GTA aller Zeiten – und doch nicht genug, um noch einmal wirklich aufzuregen. Vielleicht das nächste Mal.

Plattform: PS3 (Version getestet), Xbox 360, Spieler: 1, 2-16 (online), Altersfreigabe (PEGI): 18, Release: 17.09.2013, www.rockstargames.com/V