A-Field-In-England-©-2012-Rook-Films,-Film4-Productions-(9)

A Field In England

10
Drama

Mit A Field in England präsentiert der britische Regisseur Ben Wheatley (Down Terrace, Kill List, Sightseers) einen verstörenden, fantastischen Psychotrip quer durch alle erdenklichen Genres. Eine psychedelische Reise ins Reich der Magie und des Wahnsinns“, so versucht es ein Satz auf der offiziellen Homepage in knappen Worten auf den Punkt zu bringen. Und tatsächlich birgt der vierte Langfilm des jungen Regietalents sowohl Magisches als auch – im positivsten Sinne – Verstand-Zermürbendes in sich, was zudem die filmische Klassifikation zu einer amüsanten Herausforderung macht.

Mitten im englischen Bürgerkrieg des 17ten Jahrhunderts finden am Rande einer Schlacht per Zufall vier illustre Gestalten zusammen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Der unterwürfige Gelehrte Whitehead (grandios zwiegespaltenen: Reece Shearsmith), ein Vagabund namens Cutler (Ryan Pope), der abgebrühte Soldat Jacob (Peter Ferdinando) sowie der infantile Fassbinder Friend (Aguirre-Look-a-Like: Richard Glover). Gemeinsam zieht das ungleiche Gespann auf, um in einer nahegelegenen Schenke ihren Durst zu stillen und den kriegerischen Auseinandersetzungen den Rücken zu kehren. Doch mit dem plötzlichen Auftreten des enigmatischen irischen Edelmannes O’Neil (eindrucksvoll: Michael Smiley) verwandelt sich die vermeintlich Fahnenflucht in ein psychologisches Katz- und Maus-Spiel voller angstinduzierter Paranoia, Nekromantie und halluzinogener Wahnvorstellungen.


In den ersten Minuten von A Field in England wird dem Zuseher nicht nur dank der eindrucksvollen Schwarz-Weiß Bilderästhetik und der dadurch wohl besonders gut zur Geltung kommenden Kostümausstattung der Eindruck vorgegaukelt, man befinde sich in einem kunstvollen Historiendrama. Das reduzierte Kammerspiel mit hervorragender Schauspielleistung aller Akteure verwandelt sich mit jeder fortlaufenden Filmminute in ein psychologisches Puzzle, das vergeblich nach Auflösung schreit. Der wahre Charakter dieses wohl am besten als filmisches Experiment zu bezeichnenden Films offenbart sich dem Zuseher spätestens in jenem Moment, bei dem der mit okkulten Kräften experimentierende, mysteriöse O’Neil per Seil quasi aus dem Nichts in das Handlungsgefüge geholt bzw. wortwörtlich gezogen wird. Von Drama zu Roadmovie bis hin zum Kriegsfilm mit metaphorischem Einschlag (a la The Thin Red Line) oder Psychothriller: A Field in England bietet viele Angriffsflächen für Interpretation – und Fans jener „Spielart“ filmischer Konsumation werden ihre Freude dabei haben.

Der Fokus auf hochstilisierten Bildern in Verbindung mit zielgerichteter Konfusion des Zusehers zeigt sich zudem bei den immer wieder eingestreuten und verblüffenden Momentaufnahmen, in denen die Akteure in dramatischen Posen verharren – einem sogenannten „Tableau vivant“ (zu sehen am letzen Bild der Bilderstrecke). Ein endgültige Klimax jener lustvollen Ratlosigkeit wird aber mit einer stroboskopischen Bildfolge erreicht, die der Warnung am Beginn des Films gerecht wird: Hier werden Filmbilder in rasender Schnittgeschwindigkeit in sich selbst gefaltet, gespiegelt, verdreht und vertauscht, bis der gewünschte Effekt – der Szene geht eine Fressorgie halluzinogener Pilzen voraus – auch bei Zuseher eintritt.

Es kommt ja in der heutigen Kinolandschaft voller bombastischer Comicverfilmungen, lustloser Remakes und unsinniger Neuinterpretation immer seltener vor, dass man als Zuseher gleichermaßen überrascht wie auch beeindruckt werden kann oder wird. Daher stellt A Field in England wohl nicht nur für Neugierige und Experimentierfreudige eine große Empfehlung dar: Mit prachtvollen, eleganten Bildern, beachtlichen Schauspielleistungen, einem gleichermaßen abwechslungsreichen wie treibenden Score und einer größtenteils auf Interpretation beruhenden Handlung wird hier ein Erlebnis vermittelt, das man gesehen haben muss.

Regie: Ben Wheatley, Drehbuch: Amy Jump & Ben Wheatley, Darsteller: Ryan Pope, Richard Glover, Julian Barratt, Reece Shearsmith, Michael Smiley, Laufzeit: 90 Minuten, Kinostart: 20.12.2013
www.afieldinengland.com, gezeigt beim /slash Filmfestival




  • Martina Z

    Klingt sehr ansprechend.
    Ich finde übrigens, dass die Kinolandschaft nach wie vor gar nicht wenige faszinierende Filme zu bieten hat, denn sie besteht zum Großteil eben nicht aus Comicverfilmungen, Blockbuster usw. Es kommt drauf an, für was man sich interessiert und wo man hinschaut, weil die großen Filme ‚aufdringlicher‘ sind und mehr Aufmerksamkeit erhalten (das fängt bei der Presse an, pp nicht ausgenommen).

    • Chris

      ja, da hast eigentlich eh recht – ich hab mich auf akutelle Kinostarts bezogen bzw. hatte noch die katastrophalen (Big-Budget)Filme des Sommers im Kopf und hab mich wohl deswegen zu dem Statement hinreißen lassen…Man würde A Field in England seine 300.000 Pfund Budget übrigens niemals ansehen (im positiven Sinne)

    • Martina Z

      Ja, zum Glück ist die Qualität eines Films (oder Filmemachers) nicht von der Höhe des Budgets abhängig 😉

    • Marco

      Das stimmt. Meistens ist es ja sogar eher so, dass je höher das Budget ist, desto größer sind die Restriktionen, seitens der Produzenten, mit denen ein Filmemacher zu kämpfen hat, um seine Vision wirklich umzusetzen. Weil (logisch), je höher das Budget, desto mehr muss der Film einnehmen, was wiederum bedeutet, dass umso mehr Zuschauer ins Kino gelockt werden müssen. Dadurch schmälert sich der Spielraum für den Filmemacher.

      Wobei ich mir auch oft denke, dass das gar nicht so wäre. Das Publikum ist durchaus auch für andere Filme zugänglich.