La-Vie-d’adèle—chapitres-1-et-2-(Blue-is-the-warmest-color)-©-2013-Viennale

Blau ist eine warme Farbe

10
Drama

La Vie d’Adèle (Deutscher Titel: Blau ist eine warme Farbe) erzählt die Geschichte über die Liebe zwischen zwei Frauen, die zart und ängstlich beginnt und in völliger Hingabe und Leidenschaft aufgeht. Liebe findet zwischen Mann und Frau statt, das steht für die 15-jährige Adèle (Adèle Exarchopoulos) außer Frage. Das ändert sich jedoch schlagartig, als sie kurz vor ihrem ersten Date mit einem Jungen eine blauhaarige Unbekannte sieht, die ungeahnte Sehnsüchte in ihr aufkommen lässt. Nur ein Blick der Frau reicht aus um Adèle völlig aus der Bahn zu werfen und sie in ein Gefühlschaos zu stürzten. Die Liaison mit Thomas (Jérémie Laheurte) ist von kurzer Dauer, da Adèle etwas fehlt (wie sie einem Freund gesteht) und als sie dann noch von einer Mitschülerin geküsst wird, scheint die Schülerin völlig verloren.

Adèle begibt sich auf die Suche nach der schönen Blauhaarigen, die ihr Leben auf den Kopf gestellt hat und wird in einer Bar für Lesben schließlich fündig. Dort erhält die Frau ihrer Träume ein Gesicht, einen Namen und eine Geschichte: Adèle wird nach ein paar schüchternen Blicken von der älteren Kunststudentin Emma (Léa Seydoux) angesprochen. Nach der ersten Begegnung steht Emma ein paar Tage später unerwartet vor Adèles Schule und eine intensive Liebesgeschichte nimmt langsam ihren Lauf. Dabei muss sich Adèle nicht nur ihren eigenen Konflikten stellen, sondern erfährt auch die Intoleranz ihrer angeblichen Freundinnen kennen, die sie öffentlich vor ihrer Schule outen. Trotz allem überwiegt die Liebe zu Emma, die schließlich in völliger Hingabe beider aufgeht und ihren sehr emotionalen Weg geht.


Provokativ und explizit, hat der diesjährige Cannes-Gewinner auch bei der Viennale für erstaunte Gesichter gesorgt. Der knapp dreistündige, emotionale und tief berührende Liebesfilm von Abdellatif Kechiche bestimmte die Diskussionen rund um das Filmfestival in Frankreich und nun auch Österreich. Dabei standen nicht nur intensiven Sexszenen, sondern das Talent der beiden Hauptdarstellerinnen Adèle Exarchopoulos und Léa Seydoux im Vordergrund, die neben dem Regisseur Abdellatif Kechiche mit einer Goldenen Palme ausgezeichnet wurden. Doch nachdem sie den Preis erhalten hatten, sorgten die Frauen mit einem Interview in The Daily Beast für Furore. Dabei erzählten sie wie schmerzhaft für sie die Zusammenarbeit mit Kechiche war.


Die Details des vielsagenden Interview:

Wir haben ziemlich gelitten“ sagte Léa Seydoux über die Dreharbeiten an La Vie d’Adèle. Für den Film, der chronologisch und ohne Stylisten gedreht wurde, mussten sich die beiden Hauptdarsteller überwinden. Die längste Sexszene, die im Film ganze zehn Minuten dauert, wurde an zehn Tagen gedreht – davor hatten sich die beiden Frauen noch nie länger als ein paar Sekunden gesehen. Für jene Szene gab es dann zwar Plastik-Vaginas (!), aber kein genaues Drehbuch. Kechiche verlangte von beiden völlige Hingabe und Improvisation.

Ebenso wie bei einer Streitszene, die eine durchgehende Stunde am Stück gedreht wurde und bei der sich die beiden tatsächlich schlagen mussten. Adèle Exarchopoulos flog dabei durch eine Glastür und fügte sich Schnittwunden zu. Doch ans Aufhören dachte Kechiche, nach Angaben der beiden Frauen, nicht. Im Gegenteil, er verlangte von beiden, weiter zu machen. Diese und weitere Erlebnisse während des Drehs führten Adèle Exarchopoulos und Léa Seydoux nach der Produktion zu der Aussage, dass sie nie wieder mit Kechiche zusammenarbeiten wollen würden und sie die Dreharbeiten an La Vie d’Adèle einfach schrecklich fanden.


Das Endergebnis ist dabei jedoch alles andere als abstoßend: La Vie d’Adèle ist ein packendes, leidenschaftliches Liebesdrama, das zwar an manchen Stellen ziemlich radikal, aber dennoch überwältigend ist. Kechiche schafft es, die Unsicherheit über die sexuelle Orientierung, mögliche Probleme mit den Freunden und der Familie sowie später das Leid der beiden Frauen perfekt auf die Leinwand zu bringen. Auch die beiden sozialen Schichten, aus denen Adèle und Emma stammen, fängt er gekonnt ein. Nur die zehnminütige Sexszene (und das dauernde auf den Hintern-schlagen) und Adèle’s tropfende Nase bei einem Streit (hier wünscht sich bestimmt der eine oder andere Zuseher sehnlichst ein Taschentuch herbei, siehe The Blair Witch Project), fallen im Rückblick etwas negativ bzw. störend auf.

Realistisch und intensiv zeigt sich auch die erzählte Liebesgeschichte selbst: Von der ekstatischen Anfangszeit hin zu zunehmender Distanz und schlussendlich die völlige Verzweiflung – Dieses Auf- und Ab verleiht dem Film sowohl Glaubwürdigkeit als auch eine Mixtur aus Leicht- und Schwerfälligkeit. Hinzu kommen zwei grandiose Hauptdarstellerinnen, die an ihre Grenze gehen und damit La Vie d’Adèle zu einem echten filmischen Kunstwerk gemacht haben.

Regie: Abdellatif Kechiche, Drehbuch: Abdellatif Kechiche, Ghalya Lacroix, Darsteller: Léa Seydoux, Adèle Exarchopoulos, Salim Kechiouche, Mona Walravens, Jérémie Laheurte, Laufzeit: 179 Minuten, Kinostart: 20.12.2013, gezeigt im Rahmen der Viennale V’13