Löcher für Gesichter
Die Kurzgeschichten in Löcher für Gesichter von Ramsey Campbell kreisen vor allem um die Themen Jugend, Alter und Realitätsverlust und erwecken tief versteckte Ängste.
Löcher des Grauens
Ob ein älterer Mann, der einen Anschlag im Zug verhindern will. Ein kleiner Junge, der zu Weihnachten bei seinen Großeltern ist. Ein Fahrgast, der auf einem ominösen Bahnhof strandet. Oder ein Kind, das eine erschreckende Erfahrung im Urlaub macht. In den Geschichten in Löcher für Gesichter stellen meist ältere Menschen und Kinder die Protagonisten dar. Alles beginnt harmlos und unaufgeregt. Langsam schleicht sich jedoch ein Unbehagen ein. Den Figuren widerfahren minimale Verschiebungen der Realität, sie verlieren den Bezug zur Wirklichkeit. Oder, anders gesagt, die Realität wirft sie aus der Bahn. Gerade das stellt aber auch die Komplexität der Horrorgeschichten von Ramsey Campbell dar. Sie sind vielschichtig und mehrdeutig.
Das Grauen kommt in den Geschichten nicht mit einem Knall daher, sondern immer langsam und beinahe sanft. Man muss aufmerksam lesen, denn sonst kann es auch passieren, dass sich die Realität der Geschichte verschoben hat und man sich selbst so hilflos und verloren wie die Protagonisten darin fühlt. Was nicht unbedingt schlecht ist, denn auch dadurch fiebert man mit den Figuren mit. Aber Campbell ist ein zu erfahrener Erzähler, um den Leser dauerhaft zu verlieren. Selbst wenn man als Leser mal kurz aus der Bahn geworfen wird, Campbell holt einen stets in die Geschichten zurück. Doch eines muss man sich vor Augen halten: Ramsey Campbell schreibt literarischen und anspruchsvollen Horror. Das ist nichts, was man schnell mal zwischendurch liest.
Er stürmte keuchend die Treppe hinauf und stolperte mitten durch den Gang, als er glaubte, neben dem Herannahen des Zuges noch ein anderes Geräusch zu hören. Wollte er es unbedingt hören oder hatte er Angst davor? Wäre es nicht so nahe gewesen, hätte er vielleicht versucht, es weiterhin für Wind im Gras zu halten.
Wobei sich aber gerade für das schnelle, zwischendurch Lesen das Kurzgeschichtenformat besser eignet als seine Romane. Von daher ist Löcher für Gesichter wiederum eine perfekte Lektüre. Vor allem für jene, die bisher noch nichts von Ramsey Campbell kennen, stellt es einen großartigen Anfang dar. Wenngleich die Geschichten oft recht ähnlich sind, bleiben sie doch spannend genug und man kann sie auch mit Abständen dazwischen lesen. Sich Stückchenweise an den Autor herantasten, wenn man so will. Und für Fans von Campbell? Die kennen sein Schaffen ohnehin schon und wissen, worauf sie sich einlassen. Löcher für Gesichter ist jetzt der 3. Band der Contemporary Weird-Reihe des Jojomedia Verlag nach Wilde Jagd von Laird Barron und Choral für Stimmen aus Stein und Asche von Louis Maverick. Eine wunderbare Reihe, die der Verlag da ins Leben gerufen hat und auf die Beine stellt. Hoffentlich werden da noch viele weitere Perlen folgen.
Löcher für Gesichter von Ramsey Campbell, 320 Seiten, erschienen im Jojomedia Verlag.
