Gung Ho – Gesamtausgabe
Gung Ho ist ein aus dem Chinesischen abgeleiteter Amerikanismus. Er hat mehrere Bedeutungen, von „motiviert“ bis „in Harmonie zusammenarbeiten„. Die Autoren der vorliegenden Geschichten interpretieren ihn als Slang-Aufruf für „hitzköpfig, übermotiviert, ohne Rücksicht auf Verluste“. Und das setzen sie auch entsprechend um.
Eine Postapokalypse in Europa
Eine Seuche hat die Menschheit beinahe ausgelöscht. Die Überlebenden haben sich in befestigte Siedlungen zurückgezogen, während außerhalb der Mauern eine lebensfeindliche Welt wartet. In Fort Apache landen die beiden Brüder Zack und Archer Goodwoody. Während der jüngere Zack versucht, sich den Regeln der Gemeinschaft anzupassen, pfeift sein älterer Bruder Archer auf die Autoritäten. Zwischen Teenager-Rebellion, Gruppendynamik und tödlichen Gefahren außerhalb der Siedlung nimmt das Unheil seinen Lauf.
The Kids are alright
Gung Ho von Benjamin von Eckartsberg und Thomas von Kummant ist eine spannende Postapokalypse mit einmaliger Optik. Kummants Zeichnungen sind ausgesprochen filmisch: große Panoramen, starke Perspektiven, dynamische Action und eine kräftige Farbgebung lassen die Welt um die Protagonisten beinahe plastisch erscheinen. Bemerkenswert ist dabei, dass die Serie komplett digital entstanden ist, obwohl die Bilder teilweise wie klassische Gemälde wirken.
Die Dialoge von Eckartsberg holpern gerade zu Beginn noch etwas. Im Laufe der Geschichte fügen sie sich jedoch gut ein. Man merkt Gung Ho seine Vorbilder klar an. The Walking Dead, Akira und Der Herr der Fliegen winken immer wieder aus verschiedenen Winkeln der Handlung. Und dennoch hat Gung Ho eine wunderbar eigene Identität. Und als deutscher Genre-Comic steht die Reihe in Sachen Qualität ohnehin ziemlich konkurrenzlos da – inhaltlich wie grafisch.
2011 bekam das Projekt vom Schweizer Verleger Pierre Paquet grünes Licht, wobei die Serie von Anfang an für den französischen Markt als frankobelgisches Albumprojekt gedacht war. Die eigentliche Geschichte war bereits 2012 fertig geschrieben, das Zeichnen dauerte allerdings fast zehn Jahre. Der fünfte und letzte Band erschien 2021.
Die Gesamtausgabe umfasst alle fünf Bände der Hauptgeschichte. Das kürzlich erschienene erste Spin-off ist hier nicht enthalten. Wirklich schade ist jedoch, dass diese toll verarbeitete Gesamtausgabe ohne jede Hintergrundinformation ausgestattet wurde. Ein paar Seiten zur Entstehung und Veröffentlichung, ein paar Skizzen oder sonstige Hintergründe, wie sie solche Ausgaben Fans oft bieten, fallen leider vollkommen weg.
Das weggeknipst bleibt ein starkes, schweres Buch, absolut hochwertig und dringend empfehlenswert. Wer europäische Comics auch mal abseits der ligne claire oder der Graphic-Novel-Kunst erleben möchte, findet hier ein ziemlich vitales Lebenszeichen. Gung Ho, Motherfuckers!
Gung Ho – Gesamtausgabe von Benjamin von Eckartsberg und Thomas von Kummant, 436 Seiten, erschienen bei Cross Cult.
