Slasher Summer
Auch wenn der Sommer gerade tragischerweise zu Ende geht, bringt uns E. L. Chen mit ihrem Roman Slasher Summer noch einmal große Sommergefühle zurück. Knisternde Lagerfeuer, alte Holzhütten im Wald, ein See, eine Gruppe junger Menschen und ein Axtmörder, der ihnen auf den Leib rückt. Slasher-Herz, was willst du mehr?
Von Axtmördern und vegetarischen Final Girls
Cedar Lake ist eine verschlafene Kleinstadt und war in den 80er Jahren Drehort des Horrorfilms Slasher und seiner Fortsetzungen. Dieses Jahr soll ein großes Jubiläum gefeiert werden. Patrick lädt seine Freunde in eine Waldhütte ein. Früher waren sie eng befreundet, doch seit Ende der Schulzeit haben sich die sieben nicht mehr gesehen. In der Waldhütte brechen alte persönliche Fehden und Wunden wieder auf, aber das soll nicht ihr größtes Problem sein. Denn hier am Originalschauplatz der Slasher-Reihe treibt ein Axtmörder im Wald sein Unwesen und macht Jagd auf die Freunde.
Bald, sehr bald, würden die Bewohner von Cedar Lake herausfinden, dass die Nachstellung der Filmhandlung nichts anderes als eine Generalprobe gewesen war.
Altes Rezept, neu gewürzt
E. L. Chens Slasher Summer ist ein traditionsbewusster Slasher-Roman, für die heutige Zeit moderat angepasst. Die kanadische Autorin mit chinesischen Wurzeln erzählt ihre Geschichte mit viel Raum für Atmosphäre und die Gefühle ihrer Protagonistinnen. Es vergehen über 100 Seiten, bis wir uns der drohenden Gefahr langsam bewusst werden dürfen. Slasher Summer ist dabei trotzdem stets unterhaltsam und Langeweile kommt nicht auf.
Literarische Slasher gab es in den vergangenen Jahren öfter. Und nicht selten wurde dabei versucht, dem altbekannten Rezept einen neuen Dreh zu verpassen. Slasher Summer ist weniger literarisch als My Heart Is a Chainsaw von Stephen Graham Jones, nicht so rasant wie Pillow Face von Kristopher Rufty und auch nicht so meta wie Twentieth Anniversary Screening von Jeff Strand. E. L. Chen versucht vielmehr ganz bewusst, an der Grundformel des Slashers festzuhalten, ohne das Rad neu erfinden zu wollen.
Er starrte auf die feucht glänzende Schnittwunde quer über seinen Bauch. Ein weiterer roter Streifen auf seinem T-Shirt. Im Film würde es grandios aussehen. Das Leuchten der Farbe. Die feuchten, falsch anmutenden Organe, die sich aus der nun klaffenden Wunde hervorschoben. Selbst David Cronenberg hätte es nicht besser machen können. Schnitt, dachte Freddy und Ausblenden.
Ihr Roman ist nicht meta, er ist nicht humorvoll. Selbst wenn ihre männlichen Protagonisten Freddy, Michael und Jason heißen, ist das hier über weite Strecken sehr ernst gemeint und in dieser Ernsthaftigkeit auch liebevoll ausgeführt. Ganz ohne neuen Dreh funktioniert es heute natürlich trotzdem nicht. Und so ist das Final Girl am Schluss ein homosexueller Vegetarier. Das lässt sich schon sehr früh erahnen. Wer hingegen der Mörder ist, wird an dieser Stelle selbstverständlich nicht verraten.
Slasher Summer ist kurzweilige Unterhaltung und durchaus gut geschrieben. Der ganz große Wurf von E. L. Chen ist es vielleicht noch nicht, aber man darf durchaus gespannt sein, welche Werke die Autorin in Zukunft noch präsentieren wird.
Slasher Summer von E. L. Chen, 368 Seiten, erschienen bei FISCHER Tor.
