Lebensansichten des Katers Murr
In Lebensansichten des Katers Murr erzählt E.T.A. Hoffmann zwei ineinander, sowohl stilistisch, als auch formal, verschachtelte Biographien.
Ein frecher Kater erzählt sein Leben
Auf den ersten Blick scheinen die Geschichten des Katers Murr und des Kapellmeisters Kreisler nicht zusammen zu passen. Die einzige Verbindung besteht darin, dass der Kater einfach rotzfrech seine Lebensgeschichte auf die bedruckten Rückseiten der Geschichte des Kapellmeisters geschrieben hat. Aber natürlich greifen die Biographien im Verlauf ineinander über. Murr ist aber nicht nur frech, er stellt sich auch gleich als ein wie ein Mensch sprechender und denkender Kater heraus, der noch dazu überaus gebildet ist.
Und so erzählt er von seinem Leben und wie er zu dem Kater wurde, der er jetzt ist. Dabei nimmt er sich kein Blatt vor den Mund. Während Murr sich größte Mühe gibt, die Welt von seiner Genialität zu überzeugen, bildet Kreisler den Kontrast des schüchternen, aber tatsächlich genialen Künstler. Dessen Leben aber nun selbst so chaotisch und zerfahren ist, dass es nur zu einer unvollständigen und fragmentarischen Autobiographie reicht.
Ist denn das auf zwei Füßen aufrecht Einhergehen etwas so Großes, dass das Geschlecht, welches sich Mensch nennt, sich die Herrschaft über uns alle, die wir mit sichererem Gleichgewicht auf vieren daherwandeln, anmaßen darf?
E.T.A. Hoffmann ist mit den Lebensansichten des Katers Murr eine frühe metafiktionale Satire nicht nur auf das Genre der fiktiven Autobiografien gelungen, sondern auch auf die Gesellschaft seiner Zeit. Er zeigt auf humorvolle Weise, dass oftmals jene als Genies betrachtet werden, die es lautstark behaupten. Und nicht jene, die es tatsächlich sind. Trotzdem (oder vielleicht gerade deswegen) stellt die Figur des Katers Murr das Highlight des Romans dar. Seine Geschichte ist amüsant und satirisch scharfzüngig und stellt damit die weitaus ernstere des Kapellmeisters in den Schatten.
Aus heutiger Sicht muss man stilistisch ein wenig Rücksicht walten lassen. Immerhin erschien der 1. Band bereits 1819. Wo Hoffmann inhaltlich relevant und modern geblieben ist, trifft das auf den Erzählstil nur bedingt zu. Man muss sich erst an den Stil gewöhnen, denn modern ist er definitiv nicht. Dennoch zieht die Erzählung, dank der inhaltlichen Stärke, den Leser in seinen Bann. Lebensansichten des Katers Murr ist, gerade wegen des leicht veralteten Schreibstil, nicht unbedingt eine leichte und leichtfüßige Lektüre, sie benötigt Anfangs ein wenig Durchhaltevermögen von Seiten des Lesers. Doch Hoffmann und sein Murr belohnen dieses Durchhaltevermögen mit einer herrlich humorvollen Satire.
Lebensansichten des Katers Murr von E.T.A. Hoffmann, 512 Seiten, erschienen im Anaconda Verlag.
