Spotlight-(c)-2015-Viennale-(1)

Spotlight

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Drama

Der Missbrauchsskandal, der die Öffentlichkeit erschüttert und das Bild von der katholischen Kirche nachhaltig beschädigt hat, nahm seinen Anfang in einer kleinen, im düsteren Souterrain gelegenen Nachrichtenredaktion in Boston. Das Ensembledrama Spotlight beleuchtet die Arbeit und das Engagement jener, die die Machenschaften der Kirche endlich in das Licht der Öffentlichkeit rückten.

Wir schreiben das Jahr 2001, Monate bevor 9/11 die Welt erschüttern wird, macht sich die Spotlight-Abteilung des Boston Globe – ein Team aus Investigativjournalist_innen – daran, Missbrauchsfällen in der Erzdiözese Boston nachzugehen. Nach und nach wird ihnen dabei klar, dass es sich bei den dokumentierten Fällen von Kindesmissbrauch nicht nur um keine Einzelereignisse handelt, sondern dass die katholische Kirche bereits über Jahre und Jahrzehnte hinweg von den Missbräuchen wusste und diese systematisch verschleierte. Mit der Aufdeckung dieses Skandals wird eine Lawine losgetreten, die in den folgenden Jahren und bis heute die katholische Kirche überrollt und ihren Umgang mit Missbrauchsopfern und –tätern weltweit erschütternd offenlegt.

Von den diesjährigen oscarnominierten Filmen klaffen hinsichtlich Machart und Ästhetik wohl keine zwei so weit auseinander wie The Revenant und Spotlight. Das textlastige, reduzierte Drama, das nüchtern seine Geschichte erzählt, kann in Sachen Opulenz und Schauwerte dem Wildnis-Survival-Spektakel wohl kaum das Wasser reichen. Die Stärken von Spotlight liegen aber in anderen Bereichen und werden dort kongenial ausgespielt. Neben der großartigen Ensembleleistung des Casts – von Michael Keaton, Mark Ruffalo, über Rachel McAdams, Stanley Tucci bis hin zu Liev Schreiber und Brian d’Arcy James – ist hier vor allem das intelligente, packende Drehbuch von Tom McCarthy und Josh Singer hervorzuheben.

Ein großes Verdienst des Films ist außerdem, dass er es schafft, schnörkellos und ohne Kunstgriffe eine Geschichte zu inszenieren, die ob ihrer ungeheuerlichen Sprengkraft gar keiner zusätzlichen Stilmittel bedarf, um ihre Dramatik voll zu entfalten. Leicht wäre es wahrscheinlich dennoch gewesen, die Handlung in Pathos zu ertränken, Emotionen statt Sachlichkeit in den Vordergrund zu stellen und damit ordentlich auf die Tränendrüse zu drücken. Die nüchterne Herangehensweise an die Geschichte und ihre Protagonist_innen, die Distanz wahrt, wo möglich und Nähe schafft, wo nötig, macht es dem Publikum leicht, gemeinsam mit den Figuren mehr und mehr in die Story hineinzukippen und sich an die Bestürzung und Fassungslosigkeit zu erinnern, die der Missbrauchsskandal und dessen ungeheure Tragweite damals wie heute hervorrufen.

Spotlight setzt den Fokus dabei nicht auf die Geschichten der Opfer und Täter, die hier nur am Rande gestreift werden, sondern wirft das Schlaglicht auf jene, die hinter der Publikation der skandalösen Vorgänge in der katholischen Kirche stehen: die Journalistinnen und Journalisten. Vor allem führt der Film anschaulich vor Augen, wie und unter welchen Bedingungen gute journalistische Arbeit passiert, was Investigativjournalismus leisten kann und muss und was für einen Trapezakt es bedeutet, die eigene Integrität im Widerstreit mit den Interessen der Mächtigen zu bewahren. In der Gegenüberstellung mit dem vergleichbaren Polit-Drama Kill the Messenger wird hier augenscheinlich, dass es gar nicht nötig ist, einen dialoglastigen, visuell wenig spektakulären Film durch zusätzliche Spannungselemente und sich früher oder später konfus verstrickende Erzählfäden „aufzufetten“. Spotlight ist trotz oder gerade wegen seiner nüchternen Betrachtungen des journalistischen Alltags, der in Vor-Internetzeiten noch vor allem aus Aktenwälzen, Herumtelefonieren und Klinkenputzen bestand, spannend und hebt sich damit wohltuend vom Gros der auf wahren Ereignissen basierenden Dramen ab.

Der Film hört da auf, wo der öffentliche Skandal seinen Anfang genommen hat, als erst zu erahnen war, welche weiten Kreise die systematische Vertuschung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche weltweit bereits über Jahrzehnte hinweg gezogen hatte. Es ist keine Geschichte über die Aus- und Nachwirkungen eines Skandals, sondern eine Geschichte über die Vorbedingungen und darüber, wie wichtig unbequemer, kritischer Journalismus für den Erhalt eines demokratischen Wertesystems ist und als mögliches Korrektiv, wenn die Ohnmächtigen den Mächtigen gegenüber stehen.

Regie: Tom McCarthy, Drehbuch: Tom McCarthy, Josh Singer, Darsteller: Rachel McAdams, Mark Ruffalo, Michael Keaton, Liev Schreiber, Stanley Tucci, Filmlänge: 128 Minuten, Kinostart: 26.02.2016, gezeigt im Rahmen der Viennale V’15spotlightthefilm.com