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Dying Light

9
Survival-Horror

Auch wenn es dem Anschein nach nicht wirklich interessant klingt: Zombie-Metzeln in Techlands neuem Action-Survival-Horror-Hybrid Dying Light birgt mehr Spielspaß in sich, als man erhofft hätte.

Die Zeichen deuten eigentlich auf langweilige Dutzendware hin: Ein First-Person-Shooter-Klon der Marke Dead Island, auch hier mit langsam schlurfenden Untoten in einer Open-World-Umgebung befüllt, ein paar oftmals verwendete RPG-Elemente wie Waffen-Crafting und Fähigkeiten-Leveln obendrauf – fertig ist der nächste belanglose Eintrag in die lange und zunehmend bedeutungslos werdende Liste der Spiele mit Zombie-Antagonisten. Doch sollte man nicht allzu vorschnell urteilen: Ja, die polnischen Entwickler von Techland sind für die bemühten, aber letztlich gescheiterten Dead Island-Ableger verantwortlich. Vergessen sollte man dabei allerdings nicht, das sie auch die exzellenten Western-Shooter Call of Juarez: Bound in Blood (mit sehr netter Story) und Call of Juarez: Gunslinger (mit exzellentem Gameplay und ebensolcher Erzählmethodik) produzierten, die wohl als Geheimtipp für Shooter-Freunde zu nennen sind.

Virus, Warlord, Zombies: Notdürftige Story

Mit diesen Titeln im Hintergrund kann man sich also nun auf Dying Light stürzen, eigentlich wortwörtlich hinab stürzen: Mittels Sprung aus einem Flugzeug wird der Spieler in der Rolle von Elitesoldat Kyle Crane in die fiktive (mit mittlerem Osten-Flair versetzte) Metropole Harran versetzt, in der er im Auftrag der Global Relief Effort-Organisation (GRE) ein abhanden gekommenes Dokument (Stichwort: MacGuffin) bergen soll. Seine Aufgabe wird mehrfach erschwert, weil nicht nur die Stadt nach einem Virus-Ausbruch unter Quarantäne gestellt wurde, sondern auch ein sadistischer Warlord die ums Überleben kämpfende Restbevölkerung terrorisiert. Und um dem Ganzen noch etwas unmittelbares beizumischen wird Crane gleich nach seiner Ankunft auch noch mittels Zombie-Biss infiziert, logisch.

Eines vorweg, falls es nicht schon klar ist: Nein, die Story bzw. deren Entwicklung dürfte mittlerweile niemanden mehr überraschen, bewegt sie sich doch auf einem gerade noch erträglichen Mindestmaß an Toleranz seitens eines Spielers, der zuvor schon ein Videospiel in Händen gehalten oder den einen oder anderen Zombie-Film der letzten Jahre gesehen hat (Etwa 28 Weeks later). Heldenhafte Opfer treten dabei ebenso wie intrigante Regierungsbeauftragte und verwirrte, aber geniale Wissenschaftler auf.

Fokus von Dying Light liegt demnach (glücklicherweise) auf dem Gameplay und den Ideen, die Techland in ihren neuen Titel reingemischt haben. So finden sich zwar starke Anleihen an ihre Dead Island-Serie wieder, diese wurden jedoch dank einigen Überarbeitungen optimiert. So spielt Vertikalität im Stadtgebiet eine große Rolle, weil Protagonist Crane auch ein Parkour-Meister der Marke Mirrors Edge oder Assassin’s Creed sein darf: Mit gewagten Sprüngen über Hausdächer, Motorhauben oder Balkongeländern bewegt sich der Spieler recht elegant und schnell von Punkt A zu Punkt B, Hindernisse wie Mauern, Fassaden, Zäune oder ähnliches lassen sich durch gut getimte Klettereinlagen im Handumdrehen überwinden. Dabei kann auch ein Geschwindigkeitsbonus bei punktgenauer Button-Eingabe erzielt werden, was dem Ganzen auch nach vielen Stunden zusätzlichen Reiz verleiht (ganz zu schweigen von einem später freischaltbaren Enterhaken).

Freiwilliger Verzicht auf Schusswaffen: Nahkampf-Gemetzel im Fokus

Zusammen mit der gut funktionierenden Steuerung kann auch das Kampfsystem überzeugen, welches sich auf den Einsatz von Nahkampfwaffen konzentriert: Äxte, Schwerter, Macheten, Hämmer und Schraubenschlüssel dürfen dabei verwendet werden, um der untoten Horde Einhalt zu gebieten. Waffen können mit diversen sammelbaren Objekten modifiert werden, um etwa Feuer- oder Stromschläge bei dem Gemetzel beizufügen. Zombies haben dabei verschiedene Trefferzonen, was dazu führt, das etwa ein gezielter Schlag auf Arme oder Beine zu deren Entfernung führen kann. Dabei ist es gerade im späteren Spielverlauf ungemeint befriedigend, mit einem saftigen Soundeffekt Zombie-Köpfe von Körpern zu schlagen und die noch taumelnden Gestalten hinter sich zu lassen.

Um Abwechslung ist Techland dabei auch bemüht, den alle Waffen sind nicht unbegrenzt nutzbar und werden mit häufiger Nutzung unbrauchbar. Rollenspiel-mäßig finden sich so auch bessere Hieb-und Stichwaffen, die über sich über farbliche Codes unterschieden (weiß ist herkömmlich, blau selten, orange sehr selten, usw). Auch diverse Gadgets, die mittels Kombination verschiedener Elemente zusammengestellt werden können, finden sich in Dying Light: Granaten oder Fallen mit Elementschaden (Feuer, Eis, etc), Wurfmesser und -Äxte, aber auch diverse Eigenschafts-Booster wie ein zeitlich begrenzter Geschwindigkeitsbonus oder Ausdauer-Verstärker (Jeder Sprung und jede Waffennutzung zehrt an einer eingeblendeten Stanima-Leiste) gilt es nach Bedarf zu basteln bzw. zu nutzen. Über das Erfahrungssystem lassen sich auch diverse Fähigkeiten der Spielfigur aufwerten, die es so ermöglichen, einerseits die Bewegungen bei den Parkour-Manövern zu verbessern (etwa mit Abrollen aus großen Höhen, Dropkicks oder einem assistierten Sprung über einen Zombie, der quasi als Sprungbrett fungiert), andererseits den Nahkampf weiter ausbauen (Stealth-Kills, Death-from-Above-Attacken, etc).

Ein essentielles Feature wird über den Titel „Dying Light“ transportiert: Das aktive Tag-Nacht-System. In beschleunigter Version bricht nämlich auch die Nacht über Harran herein, was den Spielverlauf drastisch ändert. Die langsamen Zombies werden nach der Dämmerung zu agilen und aggressiven Jägern, die von sogenannten „Volatiles“, eine Art mutierter Superzombies, nur noch unterstützt werden. Der Spieler ist bei der (tatsächlich) allumfassenden Dunkelheit nun auf sein Stealth-Geschick angewiesen – oder, recht häufig, auf Geschwindigkeit bei der Flucht vor seinen Verfolgern. Tatsächlicher Survival-Horror samt Angstschweiß, überaus packend inszeniert: Wer hätte das vermutete? Mit einer UV-Taschenlampe, diversen in der Stadt auffindbaren stationären Licht-Fallen oder Leuchtfackeln können wertvolle Sekunden rausgeschlagen werden, der Weg über Dächer und düstere Gassen hin in den nächstgelegenen sicheren Unterschlupf wird so jedesmal ungemein spannend und herausfordernd.

Packt man noch einen kooperativen sowie „Be-the-Hunter“-Spielmodus und eine überraschend ansprechende Präsentation in den Titel, so lässt sich kaum verstehen, warum Dying Light nicht vergleichsweise mehr Aufmerksamkeit bei doch überschaubaren Angebot an reinen „Next-Gen“-Spielen erreichen konnte. Dutzende Nebenmissionen und sammelbare Goodies, eine große, aber niemals unübersichtliche Stadt zur freien Erkundung sowie das sehr gut abgestimmte sowie abwechslungsreiche Gameplay lassen Dying Light zu einem Pflichttitel für PS4- oder Xbox One-Nutzer werden und zeigt zudem noch, das die Luft aus dem Zombie-Genre noch nicht ganz draußen ist.

Plattform: PS4 (Version getestet), Xbox One, PC, Spieler: 1-4 (Drop-In, Drop Out Koop), Altersfreigabe (PEGI): 18, Release: 27.01.2015, http://dyinglightgame.com