Calexico ©  Jairo Zavala

Calexico – Spiritoso

Wenn Künstler ein Live-Album veröffentlichen, dann meistens um eines deutlich zu machen: Dass sie keineswegs Computerprogramme und digitalisierte Musik nötig haben, hinter der sie sich zu verstecken brauchen…

Calexico standen schon seit ihrer Gründung 1996 für handgemachten Sound mit Charakter und führen seither konsequent ihr Markenzeichen – ein Genre-Mix aus mexikanischer Mariachi-Folk-Musik mit Gringo-Rock und Latin-Jazz-Elementen – fort. Doch das neue Album Spiritoso ist nicht das erste Live-Album des Septetts, Werke wie Ancienne Belgique – Live In Brussels (2008) und Live in Nuremberg (2009) waren schon haptische Ausflüge in die Live-Aufnahmen. Doch diesmal wollten Calexico noch einen Sound drauf setzen und veröffentlichen ein ganzes Album, auf denen Songs aus ihrem letzten Album Algiers (2010) und altbekannte Hits zu hören sind. Das Besondere daran sind die Aufnahmen aus August 2012, die ein Zusammenschnitt der FM4-Radio Session mit dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien und einem Konzert mit dem Deutschen Filmorchester Babelsberg sind. 

Im ersten Song Trigger/Frontera säuselt Frontmann Joey Burns anfangs seine Zeilen und wirkt wie ein Erzähler eines Westernfilms, unterstützend dazu ertönen Trompeten im Hintergrund und man kann nicht leugnen sich beim Anhören vorzustellen, wie man selbst auf einem Pferd durch die Prärie reitet. Doch mitten in Gedanken erfolgt eine dramatische Wendung und plötzlich ertönt Musik wie in einem Disneyfilm, wenn sich etwas Böses zu etwas Gutem wandelt. Doch genau diese Stimmungsbilder verhalfen Calexico mit ihren (Instrumental-)Stücken zu ihrem Erfolg außerhalb der us-amerikanischen Grenzen, da sie oft an Film-Soundtracks erinnern. Trigger und Frontera stammen aus dem Album Black Light, damals hörten sich die Songs plastischer und größer an, mit Orchesterbegleitung nun reduzierter und leichter.


In The News About William haben es Calexico stimmlich schwer gegen die Bestimmtheit des Orchesters anzukommen, einige dramatische Wendepunkte gibt es bei Minute 2:18 und 2:59, doch zu mehr Ergriffenheit reicht es leider trotzdem nicht. Bei Black Heart hingegen sind es schon die ersten paar Takte, um sich eines sicher zu sein: Dieser Song hätte auch auf einem Soundtrack von James Bond vorkommen können – inklusive zart besaiteten Streichern und eindringlichem Aufschrei. Der Song Minas de Cobra kommt vor allem in der Orchester-Version gut zur Geltung, da er rein instrumental in feinster Mariachi-Art, jedoch ohne Gesang daher kommt. Mexiko, Stierkampf, Schlangenbeschwörer – nur einige der Wörter, die man beim Zuhören damit verbindet. Genauso leidenschaftlich ist Inspiracion, das mit spanischer Gelassenheit glänzt. Two Silver Trees geht mehr in die Richtung der guten Rockmusik vergangener Jahrzehnte, gerade das nachhallende Gitarrensolo und der vibrierende Gesang bringen den Gehörgang schön in Schwingung. Vor allem bei Para erinnert die zerbrechliche Stimme anfangs an Ed Kowalcyk von Live. Weitere Werke wie Vanishing Mind, Quattro und Crystal Frontier plätschern so vor sich her, weil sie melodisch und gesanglich nicht herausstechen oder einen bewusst ansprechen, so dass man auf Replay drücken möchte. Und genau das ist (leider) der Tenor des ganzen Live-Albums.

Mit Spiritoso wollten Calexico eine neue Seite zeigen und beweisen, dass sie mehr können als nur ihre Songs immer wieder auf die selbe Weise zu spielen. Sie schaffen es nur gering sich von ihren bisherigen Werken abzugrenzen und außer dem zusätzlichen Orchester neue Interpretationen zu liefern, was aber je nach Anspruch des Zuhörers als gut oder schlecht aufgefasst werden kann. Denn cineastisch angehauchte Songs sind eben jene Dinge, die im Hintergrund laufen und kein Scheinwerferlicht brauchen. Spiritoso ist eine Platte für schöne sowie atmosphärische Musik, die aber kein bewusstes Zuhören erfordert, sondern dass man sich ihr ohne Anstrengung hingibt.

Calexico – Spiritoso, City Slang/Universal, www.casadecalexico.com