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Antiviral

Wenn nun also der Sohn des Körperveränderungsmeisters David Cronenberg (The FlyA History of Violence) seinen ersten Langfilm herausbringt, dann ist man nicht ganz sicher, was einen erwartet. Hat da jemand (vor allem) von seinen Verbindungen in die Filmwelt gezehrt oder steckt tatsächlich mehr hinter Brandon Cronenbergs Langfilmdebüt Antiviral, der schon im Trailer unschwer die väterlichen Einflüsse erkennen lässt?

Wir befinden uns in der nahen Zukunft, in einer ungenannten Großstadt. Syd March, der von der Ausnahmeerscheinung Caleb Landry Jones gespielt wird – eine Art „Ron Weasly gone weird“ – arbeitet bei der Lucas Clinic, die sich der etwas anderen Art des Starwahns widmet. Hier werden in sterilen, kühlen und modernen Räumlichkeiten Krankheiten der Stars verkauft. Allgegenwärtig sind riesige TV-Screens. Auf diesen sind abwechselnd makellose Celebrities mit Namen wie „Hannah Geist“ (Sarah Gadon) oder „Aria Noble“ zu sehen, die als persönliche Werbefiguren der Kliniken fungieren oder „Breaking News“ – Einschübe, die über neu entdeckte Krankheitsherde der Stars berichten. In den Geschäften reißen sich die Leute um eine Art „Zellkuchen“ ihrer Idole. Man isst also nicht Muffins oder Bagels, sondern ein Stück Aria Noble, einen Biss Hannah Geist.


Es handelt sich bei Antiviral also um eine Kritik an dem Wahn der Starbesessenheit. Die Initialzündung zu diesem Thema hatte Cronenberg, als er Sarah Michelle Gellar (die Seriendarstellerin aus Buffy, die Vampirjägerin) in einer Talkshow zu Gast sah: Auf deren Warnung hin, dass sie krank sei und mit ihrem Niesen wohl das ganze Publikum anstecken würde, reagierten die BesucherInnen mit euphorischer Zustimmung (Link zu einem Interview mit dem Regisseur). In dieser voyeuristischen futuristischen Welt operiert March auf halblegalem Terrain – er schmuggelt Viren der Stars aus der Klinik, um sie auf den Schwarzmarkt zu bringen. Hierbei muss sein Körper als Brutkasten herhalten. Als er sich einen neuen Virus des Aushängeschildes der Lucas Clinic – Hannah Geist – injiziert, hat das verhängnisvolle Folgen.

Cronenberg scheint einen Narren an Caleb Landry Jones und dessen außergewöhnlicher Physiognomie gefressen zu haben und so folgt die Kamera mit peniblem Interesse der Betrachtung dessen krankwerdenden Körpers. Man sieht March in seiner sterilen Wohnung, wo er jeden Tag seinen Orangensaft und die immer gleichen in Plastik eingeschweißten Sandwiches zu sich nimmt und beobachtet seinen überästhetisch inszenierten Verfall. Opaque Haut, rötliche Haare, ein weißes Krankenbett und sich immer wieder verengende und öffnende Pupillen. Syd, der sich windet, der keucht und von Hannah Geists Virus immer schwerer angeschlagen, durch die Stadt stolpert. Ein hallender Soundtrack untermalt Slow-Motion Sequenzen während der Protagonist durch düstere Gänge wandert, vorbei an den symbolhaft wiederkehrenden Tulpen. (in diesem Artikel zu Cronenbergs erstem Kurzfilm Broken Tulips wird das Symbol der Tulpen näher erläutert.)

So weit, so verwirrend. Seltsam gestaltet sich von hier an der Spannungsbogen des Films, der zu einer Art Thriller mutiert. Es scheint einen Twist zu geben, eine Wendung der Geschichte, die sich einem jedoch nicht wirklich erschließt. Wenn die Menschheit sowieso die Krankheiten der Stars kaufen möchte, warum erkrankt dann nur Syd March am tödlichen Virus von Hannah Geist? Wenn er normalerweise soweiso die herausgeschmuggelten Viren an seine Kontaktperson Arvid (Joe Pingue) am Schwarzmarkt verkauft, wieso wird er plötzlich von diesem und anderen düsteren Gestalten festgehalten und ihm der Virus Hannah Geists gewaltsam abgenommen? Hier beginnt man etwas abzudriften. Als Hannah Geist an ihrem Virus stirbt wird Syd March als einziger Träger ihres Virus‘ zu einer Person öffentlichen Interesses, zu einer Art letzter Repräsentation Geists. In einem Krankenzimmer festgehalten soll er vor laufender Kamera dahinsiechen, damit die Öffentlichkeit rückwirkend noch an den letzten Momenten Geists teilhaben kann.

Das Gleichnis auf unsere Gesellschaft, die von Celebrities besessen scheint und Voyeurismus als täglichen Zeitvertreib praktiziert, funktioniert und wird in Antiviral schön deutlich gemacht. Die Handlung von Antiviral lässt einen aber nicht unbedingt in einem erhellten Zustand zurück. So geht man etwas ratlos aus dem Film, unsicher, ob man selbst gerade dem Handlungsstrang nicht folgen konnte (Nachhilfe in Molekularbiologie anfordern!), oder ob der Film möglicherweise einige gravierende dramaturgische Mängel aufweist.

Regie & Drehbuch: Brandon Cronenberg
DarstellerInnen: Caleb Landry Jones, Sarah Gadon, Douglas Smith, Joe Pingue, Sheila McCarty,
Laufzeit: 108 Minuten, www.antiviralmovie.ca