Video Kritik: Luxuria Superbia

Wenn man sich mit 33 Jahren noch immer intensiv mit Videospielen beschäftigt, so ist das wohl kein Zufall mehr. Eigentlich eine schöne Sache, dass ich mich noch immer mit beinahe kindlicher Neugier an allen Formen der Interaktion erfreuen kann.

Doch mit zunehmender Reife zeichnet sich ab, dass die interessanteste Form der Interaktion immer das Handeln mit und um andere Menschen bleibt – schlicht und einfach, weil es bis ins hohe Alter unberechenbar und damit stimulierend ist. Die Königsdisziplin ist dabei zugegebenermaßen die Sexualität – in irgendeinem zwanghaften Winkel meiner Denkzentrale im weitesten Sinn als Spiel klassifiziert – ein Spiel, das nach den komplexesten Regeln gespielt wird, die mir geläufig sind: Spannend also, wenn jemand versucht, es in einem virtuellen Medium abzubilden.

Besonders interessant wird es wenn sich ausgerechnet Tale of Tales an die Materie wagt, ein Studio, das für abstrakte Experimente bekannt ist (siehe das Review zu Bientôt l’été). Das Luxuria Superbia einen Blick wert ist wurde im September klar, als die beiden belgischen Entwickler zu Gast bei der Vortragsreihe zur Theorie digitaler Spiele des Subotrons teilgenommen haben und einen ersten Blick auf den in Entwicklung befindlichen Titel boten. Den Ursprung genommen hat die Idee wohl 2008 auf der Game Developer Conference (GDC) in San Francisco an einem runden Tisch zum Thema Sex in Spielen – seit damals haben die beiden nun an diesem Versuch gearbeitet, Sexualität und Spiritualität in ein audiovisuelles Erlebnis einzubauen.


Herausgekommen ist dabei wohl eines der zugänglicheren Projekte der Entwickler. Luxuria Superbia hat an der Oberfläche eine klassische Levelstruktur, ein Punktesystem, eine klare Objektive. Meine Aufgabe ist es, beim Durchqueren eines psychedelischen Tunnels an den Wänden Reize auszulösen und dabei eine vorsichtige Balance aus Stimulation und Reizentzug herzustellen. Wer es übertreibt ist schnell am Höhepunkt angekommen und der Ausflug endet kümmerlich, es gilt ohne Anweisungen durch blankes Ausprobieren in den unterschiedlichen Tunneln die jeweils eigenen Gegebenheiten zu erlernen – eine wirkungsvolle Parallele.

Die einen sind empfindlich, die anderen schnell – ich durchlaufe mir durchaus bekannte Lernprozesse. Anders als in der Realität ist ein Versagen aber keine große Sache: „Das kann schon mal passieren“ meint das Spiel und lässt sich mühelos auf Knopfdruck immer wieder neu starten, während ich mir die selbe Leichtigkeit für die Realität ersehne – denn ein Spiel, das sich nicht willkürlich wiederholen lässt, ist eine frustrierende Angelegenheit!

Das Thema Sexualität wird in seiner unschuldigsten Form aufgegriffen und auf eine simple Ebene der Dramaturgie reduziert. Vor allem die Präsentation gibt dem Titel einen gewissen Charme: Während das grafische Design minimal gehalten ist, sticht vor allem das exzellente Sounddesign hervor und schafft mit seiner dynamischen Musik eine ganz eigene Klangwelt.

Da saß ich noch vor ein paar Wochen bei einem weiteren Subotron-Vortrag und lauschte den zusammengetragenen Erkenntnissen aus der Wissenschaft, die sich recht einig sind, dass Sexualität in Videospielen nichts verloren hat – eine These, die mir eigentlich zutiefst zu wider ist (in einem Medium, das von im Schnitt über 30 Jahre alten Menschen konsumiert, aber noch immer für ein extrem pubertäres Publikum geschrieben wird). Luxuria Superbia versucht einen Ansatz zu liefern, dies zu widerlegen und stellt sich dabei gar nicht mal schlecht an. Sinnesvielfalt, Extase, Emotion – alle Bausteine sind vorhanden und zeigen eine Möglichkeit, mit der Thematik spielerisch umzugehen und eben auch, dass die Vielfalt, die ein skurriles kleines Studio wie Tale of Tales an den Tisch bringt, auch manchmal neue Wege offen legt. Denn wann hat sich schon das letzte Mal ein Videospiel bei mir für den Einsatz bedankt?

Plattform: PC (Version getestet), Spieler: 1-2, Altersfreigabe (PEGI): KA,
Release: 05.11.2013, http://luxuria-superbia.com