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We Are What We Are

Du bist, was du isst! Wieder einmal sind es die ruhigen, freundlichen Nachbarn, bei denen sich die Leichen im Keller stapeln. In diesem Fall wurden die menschlichen Überreste allerdings im Garten vergraben und die Knochen zuvor feinsäuberlich abgenagt.

Ein Sturm zieht auf in einer amerikanischen Kleinstadt und fordert mit Emma Parker (Kassie DePaiva) ein erstes Todesopfer. Die Parkers sind eine unauffällige, eher zurückgezogen lebende Familie. Das Familienoberhaupt Frank (Bill Sage) und seine drei Kinder Iris, Rose und Rory (Ambyr Childers, Julia Garner, Jack Gore) leben nach einem strengen Ritus, der schon seit der Siedlerzeit in der Familie tradiert wird. Der Tod der Ehefrau und Mutter reißt nicht nur eine tiefe Kerbe in das ohnehin fragile Familiengefüge, sondern hinterlässt auch eine Leerstelle bei der Durchführung jenes alten Ritus, der eng im Zusammenhang mit Fällen von vermissten Personen in der Umgebung steht. Den Platz der Mutter soll nun die älteste Tochter Iris einnehmen, denn die grausige Tradition muss aufrecht erhalten und das dunkle Familiengeheimnis um jeden Preis gewahrt werden.


We Are What We Are ist das Remake des mexikanischen Films Wir sind was wir sind (OT: Somos lo que hay) aus dem Jahr 2010. Regisseur Jim Mickle hat die Geschichte rund um eine Familie von Kannibalen von den Armutsvierteln einer mexikanischen Großstadt in die, nicht minder trostlose, Szenerie einer von natürlichen, wirtschaftlichen und nicht zuletzt menschlichen Katastrophen heimgesuchten US-amerikanischen Kleinstadt verlegt und dabei leider stellenweise zu dick aufgetragen.

Das Erzähltempo in We Are What We Are ist langsam gewählt und führt die ZuschauerInnen behutsam in das soziale Gefüge der Kleinstadt und der Familie Parker ein. Stimmungsvolle Landschaftsaufnahmen und eine genaue Beobachtung der stillen Familientrauer schaffen anfangs eine atmosphärische Dichte, der man sich nur schwer entziehen kann. Der Einblick in die familiären Beziehungen und Konflikte und die vage Ahnung der schweren Bürde, die ihre einzelnen Mitglieder zu tragen haben, ergeben das eindringliche Bild eines zwischen blindem Dogmatismus und Mut zur Selbstbestimmung schwankenden Familienverbandes, dessen inhärentes Beziehungsgefüge zwischen Macht und Ohnmacht zu erschrecken weiß, noch bevor das grausige Familiengeheimnis endgültig gelüftet wird.

Sobald allerdings offenbart wird, was die Parkers hinter den verschlossenen Türen verbergen und was (oder wer) so appetitlich in ihren Kochtöpfen vor sich hin schmort, verliert sich der Film zusehends in Plattheiten, Unplausibilitäten und Vorhersehbarkeiten. Die Bewandnis rund um die Familientradition wird unnötigerweise in Rückblenden nacherzählt – eine Aufklärung, die das Original unterlassen hat -, wobei das Schlachtritual nur andeutungsweise gezeigt wird. Physische Gewalt kommt in We Are What We Are nur relativ selten vor, wenn dann allerdings oft auf so überzogene Art und Weise, dass sie unglaubwürdig wirkt und damit die anfangs aufgebaute Stimmung konterkariert. Das steigert sich so weit, dass der Film bis zum Ende einen zunehmend künstlichen Anstrich bekommt und in einem völlig überzogenen, unpassenden Finale gipfelt, welches ihn endgültig der Lächerlichkeit preisgibt.

Jim Mickle gelingt die homogene Synthese zwischen Drama und Horror nicht und so kippt sein Film immer weiter in Richtung Beliebigkeit, je mehr er sich letzterem zuwendet. We Are What We Are ist somit nur in jenen Momenten, in denen er sich dafür Zeit nimmt, Stimmungen einzufangen und auf die Psychologie der Figuren einzugehen, wirklich stark. In den Momenten des Horrors und der drastischen Gewaltdarstellung versagt er dagegen völlig und lässt der plakativen Holzhammermethode gegenüber Sensibilität und Sinnhaftigkeit den Vortritt, was nicht nur ernüchtert und enttäuscht, sondern dem ganzen Film letztendlich einen sehr schalen Beigeschmack gibt.

Etwas Sinnvolles kann man aus We Are What We Are aber schlussendlich trotzdem mitnehmen. Nämlich, dass von einer reinen Menschenfleisch-Diät tunlichst abzusehen ist, und das nicht nur wegen etwaigen moralischen Bedenken oder sehr wahrscheinlich damit einhergehenden Problemen mit der Exekutive, sondern vor allem wegen den gesundheitlichen Auswirkungen, denn diese reichen vom ungesunden Teint über Mangelerscheinungen bis hin zum Tod. Eine wertvolle Botschaft also, denn die Gulaschsuppe im Film hat schon recht appetitlich ausgesehen … Mahlzeit!

Regie: Jim Mickle, Drehbuch: Nick Damici, Jim Mickle
Darsteller: Bill Sage, Ambyr Childers, Julia Garner, Jack Gore, Kelly McGillis, Kassie DePaiva
Laufzeit: 105 Minuten, gezeigt beim /slash Filmfestivalparkerfamilytradition.com




  • Nicole

    Gelungener Film! Wer nicht genug Nerven für Splatter-Szenen in einem Horrorfilm hat, sollte nicht in einen Kannibalenfilm gehen und danach über genreübliche Elemente meckern.

    Vielleicht feiert Meg Ryan bald wieder ein Comeback. Womöglich treffen ihre „Filme“ eher den Geschmack der Kritikerin.

    • Chris

      Geschmäcker sind verschieden, Meinungen ebenso. Das Ende war (für mich) schon seeehr aufgesetzt und überspielt, oder? aber zumindest atmosphärisch war das Ganze, als Horror- oder Splatter-Werk würd ichs aber nicht bezeichnen..

    • Karin

      Hab den Kommentar leider gerade erst gesehen und muss jetzt doch noch meinen Senf dazugeben – den Meg Ryan-„Vorwurf“ kann ich so einfach nicht auf mir sitzen lassen…

      Ich darf versichern, dass ich gegen Blut und Beuschel grundsätzlich nichts einzuwenden habe – ansonsten wäre ich beim /slash reichlich fehl am Platz gewesen -, in diesem Fall fand ich die Gore-Elemente allerdings fehlplatziert und überzogen. In meinen Augen haben sie den atmosphärischen Fluss des Films zerstört und einen unnötigen Kontrapunkt zum ansonsten stimmigen Erzähltempo gebildet. Und den Schluss habe ich, mit Verlaub, nur mehr als lächerlich und plakativ empfunden – das hätte man schon subtiler lösen können.

      Ein Film mit durchaus guten Ansätzen aber in der Ausführung letztlich leider mangelhaft.

      Aber, wie Chris schon richtig festgestellt hat, Meinungen und Geschmäcker sind verschieden und gegen Frau Ryan hab ich grundsätzlich auch nichts einzuwenden – wenn ich mich mal richtig gruseln will, sind „Schlaflos in Seattle“ & Co. meine erste Wahl. 😉