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The Broken Circle

Fünf bärtige Männer mit Cowboyhüten und Stiefeln singen acapella etwas schmalzig in ein gemeinsames Mikrofon. So beginnt das Drama, oder besser gesagt: so beginnt der neue Film The Broken Circle des belgischen Regie-Wunders Felix Van Groeningen.

Erzählt wird darin die Geschichte eines ungewöhnlichen flämischen Aussteigerpaares: des bardenhaften Banjo-Spielers Didier und der toughen Tätowiererin Elise.  Schon die erste angesprochene Szene lässt den besonderen Stellenwert erkennen, welchen Musik in Van Groeningens Film einnimmt. Immer wieder durchbrechen die Konzertszenen der Band von Didier und Elise (die bald in Didiers Band einsteigt) die Handlungsfetzen und spiegeln zugleich die Verfassung der beiden Hauptfiguren wider. Musik ist ihr rettender Anker, das ihre Liebe zusammenhaltende Band. Didier, verkörpert von Johan Heldenbergh (zugleich auch Co-Autor des dem Film zugrunde liegenden Theaterstücks) ist ein Romantiker, sensibler Musiker und Amerikaverehrer, da er dieses für ein Land voller Träumer hält. Einsam lebt er auf einem Bauernhof und schläft in einem alten, heruntergekommenen Wohnwagen. Didier ist jedoch auch Realist und überzeugter Atheist mit teilweise äußerst amüsant trockenen Ansichten. Elise (großartig gespielt von Veerle Baetens) dagegen, scheint auf den ersten Blick stark, entschlossen und bodenständig, liebt aber alles Mystische und Geheimnisvolle. Gipfel des gemeinsamen Glücks ist die Tochter Maybelle.

Erst als die Tochter an Leukämie erkrankt (Nell Cattrysse mimt die kleine Tochter ohne jeden Pathos und gerade dadurch zutiefst beeindruckend), gewinnen die gegensätzlichen Ansichten und Charakterzüge der beiden an Dominanz und zeigen sich in ihren unterschiedlichen Strategien mit der leidvollen Situation umzugehen. Gerade als sich das Paar am meisten braucht, als ihre Liebe auf die härteste Probe gestellt wird, versagt sie. Didier kann Elise nicht mehr erreichen, sie will nicht mehr dieselbe sein, ändert ihren Namen und übermalt das Tattoo auf ihrer Hüfte schwarz, wo bisher Didiers Name stand.

Ein wesentlicher Bestandteil und gleichzeitig die Besonderheit von The Broken Circle ist sein dramatischer Aufbau. Die Geschichte wird nicht chronologisch erzählt, sondern erschließt sich dem Zuseher erst allmählich durch ständige Rück- und Vorblenden. Die Szenen von der beginnenden Liebe zwischen Elise und Didier, von der Krankheit Maybelles und den sich daraus ergebenden Konsequenzen prallen unvermittelt und durchgemischt gegeneinander, ständig wechselt das die jeweilige Szene bestimmende Gefühl.

Am Ende bricht der Film bildästhetisch teilweise drastisch und auch die von der Country-Band vorgetragenen Stücke ändern ihre Charakteristik. Fast verstörend ist der letzte Auftritt von Didier und seiner Band. Didiers kleine Familie ist auseinandergebrochen, doch in diesem Moment des musikalischen Exzesses hält er sie zusammen. Die von Elise einige Zeit zuvor vertretene Meinung nimmt somit eine zentrale Stellung im Film ein: Auch wenn sich die Hoffnung auf eine immerwährende Verbindung zwischen Menschen nicht begründen lässt, ist der Mensch ohne diese Hoffnung verloren. 

The Broken Circle ist ein charmantes, ehrliches und teilweise erschreckend intimes Drama. Drei Jahre nach Die Beschissenheit der Dinge gelingt Felix Van Groeningen ein weiteres kleines Meisterwerk, das zu Recht bei der diesjährigen Berlinale mit dem Panorama Publikumspreis ausgezeichnet wurde. Der richtige Film für den kommenden Herbst, nicht nur für Freunde von Countrymusik.

Regie: Felix Van Groeningen, Drehbuch: Felix Van Groeningen, Carl Joos
Darsteller: Johan Heldenbergh, Veerle Baetens, Nell Cattrysse
Laufzeit: 110 Minuten, Kinostart: 14.06.2013, brokencircle.pandorafilm.de