Feuchtgebiete-©-2013-Peter-Hartwig,-Majestic,-Luna-Filmverleih

Feuchtgebiete

Wer sich über das Roman Feuchtgebiete von Charlotte Roche getraut hat, den kann der Film auch nicht mehr schockieren. Alle anderen seien jedoch vorgewarnt, auch die Verfilmung ist nichts für zart Besaitete.

Viel Lärm wurde bereits im Vorfeld über den Skandalfilm gemacht. Selbst im Hintergrund tat man sich in der Filmbranche schwer, Sponsoren zu finden beziehungsweise werbewirksam mit dem Streifen rund um das Liebes- und vor allem Sexualleben der 18-jährigen Protagonistin Helen (Carla Juri) aufzutreten. Doch nahezu jeder Film, der von der Thematik her schockiert, ist dann doch so interessant, ihn ansehen zu wollen. Die Neugier und Hoffnung darauf, tatsächlich etwas außergewöhnliches oder neues zu sehen, überwiegt die Furcht, gerade in einer Zeit, wo die meisten Streifen ohnehin auf standardisierte Geschichten und langweilige Figuren reduziert sind.


Der Inhalt setzt sich aus einer Verkettung von schamlosen und für manche Zuseher äußerst ekeligen Szenen zusammen, die nach und nach vorkommen. Diese Momente, gepaart mit Rückblenden in eine schreckliche Kindheit, werden von Regisseur David Wnendt äußerst bildlich in Szene gesetzt. Dadurch gerät die eigentliche Handlung, nämlich dass die Protagonistin Helen Memel (Carla Juri) sich nichts sehnlicher wünscht, als ihre geschiedenen Eltern wieder vereint zu sehen, zunehmend in den Hintergrund. 

Bereits die Eingangssequenz – extrem verschmutzte öffentliche WC-Anlagen – wäre Grund genug, das Kino fluchtartig wieder zu verlassen, wäre da nicht die Sache mit der Neugierde. Was passiert danach? Geht der Film in dieser Art und Weise weiter? Bekommt man Momente der Entspannung geliefert, in denen man sich zurücklehnen darf und durchatmen kann? Letztere Frage kann eindeutig mit Ja beantwortet und genau diese Augenblicke braucht Feuchtgebiete auch, um dem Zuseher nicht zu sehr zuzusetzen, denn manchmal schrammt das Werk hart an der Grenze zur Geschmacklosigkeit und man stellt sich selbst die Frage, welchen Sinn diese Zurschaustellung intimer und oftmals auch übertrieben detaillierter Sexualität und das Ausloten seines Körpers hat. Es bleibt wohl jedem selbst überlassen zu entscheiden, ob Feuchtgebiete tatsächlich neue und vielschichtige Einblicke in das sexuelle Erwachen einer jungen Frau bietet oder doch nur schockieren möchte, um möglichst viel Publikum in die Falle zu locken. 

Als besonders positiv muss die Hauptdarstellerin Carla Juri erwähnt werden. Sie spielt die junge Helen dermaßen überzeugend und authentisch, dass man sich zeitweise vielleicht sogar in sie hineinversetzen kann – ob man will oder nicht. Vor allem ihrer Hingabe und schauspielerischen Leistung ist es zu verdanken, dass Feuchtgebiete nicht ins Lächerliche abgleitet, sondern dennoch bis zuletzt glaubhaft bleibt. Es war sicher keine leichte Aufgabe, sich derart zur Schau zu stellen und zu öffnen, sowohl psychischer, als auch physischer Natur. Alleine ihre Vorstellung verleiht dem Film etwas sehenswertes und verdient Respekt. 

Man wird sehen, was dieser Film für die nächsten Jahre Kinogeschichte bringt: Ist er ein Anfang von etwas Neuem, Mutigem, Aufregendem oder wird er schnell in die Schublade der pietätlosen und ekelerregenden Dinge gesteckt und verschwindet wieder von der Bildfläche? So gut Carla Juris Leistung auch sein mag und so schonungslos die Inszenierung von David Wnendt ist, das alleine macht noch keinen guten Film aus. Gerade bei Werken, die sich extremer Inhalte bedienen und aufgrund ihres Materials zu schockieren in der Lage sind, darf niemals die Sinnhaftigkeit der Geschichte vergessen werden. Nur zu schockieren, um zu schockieren, reicht nicht aus und ist nichts weiter als billiges Kalkül um mehr Publikum zu generieren. Ist dies hier der Fall, was unterscheidet Feuchtgebiete dann von jedem x-beliebigen Torture-Porn oder fäkal Komödie?

Regie: David Wnendt, Drehbuch: Claus Falkenberg, David Wnendt, Darsteller: Carla Juri, Meret Becker, Christoph Letkowski, Edgar Selge, Laufzeit: 109 Minuten, Kinostart: 23.08.2013, feuchtgebiete.derfilm.at




  • Martina Z

    Den Medienhype im Vorfeld fand ich schon erstaunlich – würde man sich für so manche andere europäische Produktion wünschen. Ist fraglich, ob so ein Film wirklich schockiert, vermutlich nur einen kleinen Teil an Kultur- und Gesellschaftshütern, die sich nur des Aufregens willen schockieren. Das Publikum hat sich schon vom Buch nicht geschockt, sondern begeistert gezeigt. Und für die Anziehungskraft von Filmen jenseits der Gürtellinie gibt es ja auch genügend Beispiele.