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Asaf Avidan live im Gasometer in Wien

Nach Woodkid (hier geht es zum Bericht) in der letzten Woche war nun der nächste quasi Geheimtipp an der Reihe, das Gasometer Wiens zu bespielen. Man muss sich hier gleich zu Anfang fragen, wer diese Location ausgesucht hat – war vorab so gut wie sicher, dass das Gedränge nicht allzu groß sein wird…

Die Werbetrommel wurde mäßig gerührt und betritt man den Betonbunker, weiß man auch, dass die Fans, die gekommen sind, auch nicht deshalb gekommen sind. Hier finden wir ein ruhiges, man möchte fast sagen gediegenes Publikum, eine angenehme Mischung der Generationen, wenn man das von außen betrachtet. Viel Platz war ebenso in der Halle – ausverkauft war die Show bei weitem nicht: Und wer zu spät kam (nach 20.00 Uhr) musste verwundert feststellen, dass Asaf Avidan schon längst, in enger schwarzer Jean, weißem (sagen wir’s mal im klassischen Wiener Jargon) Ruderleiberl und Hosenträgern, auf der Bühne stand.

Keine Vorband also – der Traum vieler genervter Wartender auf den Hauptact wird hier also schon einmal erfüllt und ein Plus auf der Liste ist gesichert. Man hört sich ein, gewöhnt sich erneut (dies scheint ein Faszinosum für sich zu sein, wie man eine scheinbar unerträgliche Stimme so präsentieren kann, dass sie als der Inbegriff künstlerischen Schaffens durchgehen kann und wie man sich immer wieder im ersten Moment schreckt und sich dann aber, kaum merklich, schneller darauf einlässt als man es bewusst zulassen würde) an dieses Experiment namens Falsett, das auf der Bühne vollzogen wird und taucht hinein in diese seltsame Welt.

Nach diversen Interviews und sonstigen Artikeln hat man einen Eindruck gewonnen, wie Asaf Avidan als Mensch so zu sein scheint – ein eher melancholischer, zurückgezogener Charakter, der seine Lieder nur mit den Leuten teilt, weil er sie ohnehin nicht für sich selbst behalten kann. Das macht ja eigentlich eine besondere Art von Charme aus, ein Künstler wie er im Buche steht, scheint auch ein bisschen am Leben zu leiden und diese ganze Kiste. Und trotzdem, da fängt er auf einmal an, mitten in der ungemütlich-düsteren Stimmung des lieben lieben Gasometers Wien, mit dem Publikum zu plaudern. Ob denn alle eh etwas zu trinken hätten (die Band hat sich auf Whiskey eingeschworen und nippt zwischen den Songs fleißig daran). Als ihm dann alle das volle Bier – bzw. Spritzerglas lachend entgegenhalten, muss auch er grinsen: Gut, denn der nächste Song wurde auch geschrieben while drunk. Na denn – da wird uns schnell ein Schwenk aus einer Pariser Zeit erzählt, in der die Band kein Geld hatte und deshalb im Rotlichtmilieu abgestiegen ist, weshalb sich dann überall herum „hookers and prostitutes, drug captains etc.“ herumgetrieben haben und das habe dann, nach einer durchzechten Nacht, genauso wirre Träume geboten. Und da ihm seine damalige Therapeutin geraten hat, seine Träume aufzuschreiben, hat er das getan – schlauer sei er daraus zwar nicht geworden, aber immerhin, ein gutes Stück hat er dadurch geschrieben! So geht es durch den Abend. Ein Stück wird angestimmt, wird ins Mikrophon geschmettert, Asaf Avidan verbiegt sich, schmiegt sich hin zur Gitarre und krümmt sich, es geht ihm seine Musik wohl auch noch beim hundertsten Auftritt durch Mark und Bein. Dann wird wieder getratscht.

Am interessantesten zu beobachten ist die harlekin’sche Art, mit der Asaf Avidan auf der Bühne steht und scheinbar für ihn zentrale Fragen dem Publikum auf eine charmant scheu-clevere Weise beizubringen versucht. Zum Beispiel, erklärt er etwas später, müsse man die Band als einen Mikrokosmos verstehen – sie funktioniert in sich selbst. Er wisse genau, das Leben sei keine lineare Angelegenheit, er spricht von den ups and downs und dass es für ihn das Schönste und gleichzeitig Schlimmste am Menschsein ist, dass wir fähig sind, mit diesem Auf und Ab umzugehen. Dann kommt noch schnell ein „shit, you know, I’m a melancholic person – don’t put this on youtube“ und der nächste Track wird angespielt. Dieses Hin und Her, der scheinbare Drang, sich mitzuteilen, um dann aber doch nicht alles preis zugeben bzw. das vielleicht auch gar nicht zu wollen, prägt nicht nur die gestrige Show sondern sein ganzes musikalisches Schaffen.

Als er dann das Publikum lachend beschuldigt, ohnehin nur wegen einem Lied gekommen zu sein (und wir alle wissen, wie der Sommerhit des letzten Jahres rauf – und runtergespielt wurde), nämlich One Day, hat er wohl den ein- oder anderen ertappt. Schließlich endet die Show mit dem großartigen Love it or leave it, ein Stück des neuen Albums, der beweist, dass Asaf Avidan keinen deutschen DJ braucht, um ein absolutes Glanzstück aus dem Ärmel zu schütteln. Aber das war natürlich noch nicht alles, Zugabe gabs ja auch noch – und da war es auch: One day. Seit gestern Abend liegt also auch für Wien der Beweis vor, dass Wankelmut zwar gut, Asaf Avidan aber live noch viel besser weiß, was aus diesem Stück herauszuholen ist. Als er dann das Mikro ins Publikum hält und gemeinsam geträllert wird, ist das nicht nur das Glücksgefühl der Masse, das überschwappt, sondern der perfekte Abschluss eines hinreißenden Abends. Glücklich geht’s ab nach Hause, im Kopf noch immer die ein- oder andere Zeile dieses interessanten Sängers, denn so schlichtweg schöne Texte sind nicht oft zu finden. In keinem Fall hätte If love is not the key I hope that I can find a place where it can be (Anmerkung d. Red.: Zitat aus Cyclamen) weniger kitschig klingen können als gestern Abend.