Just-Friends-and-Lovers-©-Andi-Dvorak

Just Friends and Lovers – What, Colour?

Das schöne an Debüt-Langspielplatten ist, dass Hörer, Kritiker, Redakteure und andere Menschen und Tiere, die sich mit Musik befassen unvorbelastet eintauchen können…

So ist es auch irgendwie mit dem Tonträger What, Colour?, der aus den Händen des kultur- und kunstorientierten weiblichen Dreiergespannes Just Friends and Lovers stammt. Das Ganze startet mit „Tips and Trips“, ein ruhiger gelassener Track der ein paar verspielt-verstimmte Gitarren bereit hält. Wenn dann auch noch die Stimme nicht ganz melodisch dazu beiträgt, tritt erstmal eine gewisse Verunsicherung ein. Aber warum denn eigentlich?

Vielleicht weil die Macht der Gewohnheit und das kognitiv-poplastig erlernte Musikgedächtnis das gerade gehörte mit der Bewertung „schlecht“ in Verbindung bringt? Der new-wave lastige Synthie, der sich bei Sniper dazugesellt macht die ganze Geschichte etwas eingängiger und runder. Wenn dann auch noch bei Russian Guy ein Surf-Beat aus dem Goldfischglas gezaubert wird, finden sich bereits so viele verschiedene Richtungen im musikalischen Kreis versammelt, dass eine Planlosigkeit eintreten würde, wäre da nicht das große Ganze drum herum. Denn verspielte, mantra-artige Textpassagen, die bei In The House auf die Spitze getrieben werden, sind der Kleister, der die ganzen unterschiedlichen Stile zusammenhält. Disharmonien treffen auf zerfahrene Gitarren und lassen mit dem bisher gehörten eine Richtung erkennen, die sich widerspenstig und klar gegen eine Normierung wehrt. Ausgehend von Velvet Underground bis hin zu Sonic Youth bleiben Just Friends and Lovers irgendwo im Niemandsland stehen und finden sich so im Randbereich der Musiklandschaft wieder. Das ganze darf allerdings nicht mit Beckenrandschwimmern verwechselt werden, die nicht genau wissen, wo es hingehen soll. Denn ein guter Schwimmer, der sich freiwillig am Beckenrand tummelt, um das gesamte Becken im Überblick behalten zu können, tut dies vollkommen bewusst und aus freiem Willen. So verhält es sich auch bei den drei Frauen! Denn wir müssen unabhängig von Abhängigkeiten werden! Erst dann ist es möglich, jene musikalischen Schritte zu gehen, die im normierten Rahmen einem kreativen Kopfschuss gleichkommen würden.



Beim Track Bad scheint neben weiteren zerfahrenen Gitarren kurz etwas Joy Division durch den disharmonie-dunst, wobei die weiblichen Stimmen hingegen etwas charmant-warmes und verspieltes dazu beiträgt, anstatt düster und bedrohlich leer zu klingen. Gangsta Fragrance No. 2 fällt nicht nur im Vergleich zu den bisher gehörten Liedern, sondern auch innerhalb der gesamten Langspielplatte aus dem Rahmen. Denn hier wird zum Ersten und gleichzeitig auch Letzen mal Trip- und Hip-Hop angestimmt. Die inhaltliche Ebene des Textes erinnert den allzu kritischen Zuhörer an dieser Stelle daran, nicht alles so verbissen ernst zu nehmen. Wer dabei deutlich das Wort „Fettkakao“ heraushört, dem wird an dieser Stelle vermutlich einiges klar. Denn das damit gemeinte und gleichnamige Label, das in den letzten Jahren eine Form der Marke und ein Garant für beckenrand-musikalische Phänomene geworden ist, liefert uns neben Just Friends and Lovers auch Formationen wie Vortex Rex, Plaided, A Thousand Fuegos oder Mile Me Deaf. Alle miteinander und so auch die drei Frauen von Just Friends and Lovers, bewegen sie sich im Bereich des Indie und greifen dabei auch gleich eine kulturelle Kunst-Mixtur aus den 80ern und 90ern mit einer gehörigen Portion Vintage auf. Natürlich wird es jetzt den einen oder anderen geben, der das ganze als momentane und zeitlich begrenzte Phase der Independent Szene betrachtet.

Auch wenn sie sich klar auf einer Retro Welle bewegen, die seit den letzten 4 Jahren für gewisse Trittbrettfahrer mit wenig Einfallsreichtum und Substanz dahinter sorgt, so kann man ihnen das nicht wirklich vorwerfen. Denn „Vorsicht! Ein Trend geht um!“, egal ob es nun Menschen gibt, die diesen kritisieren, obwohl sie gerade um horrende Preise selbst das eine oder andere Vintage-Stück erstanden haben, oder andere, die mit Fug und Recht behaupten, diesen Stil bereits seit Ende der 70er für sich entdeckt zu haben. Was zählt, sind nicht die Kleidungsstücke, sondern die Musik die in ihnen gespielt wird. Denn am Ende bleibt allerdings eines zu sagen: Egal ob Musik hoch komplex, richtig und korrekt nach dem Notationssystem gespielt wird oder sich davor sträubt. Wenn sie nichts emotionales auslöst verfehlt die Musik ihren Sinn! Denn Musik muss in erster Linie Berühren, Verwundern, Anregen und Aussagekraft besitzen. Und das gelingt Just Friends and Lovers mit ihrer Langspielplatte What, Colour? auf charmante Art und Weise.

Just Friends and Lovers – What, Colour?, facebook.com/JustFriendsAndLovers