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Captive

Eine Geiselnahme, die sich letztendlich über mehr als ein Jahr zieht, und auf wahren Begebenheiten basiert, kann entweder besonders actionreich, oder eben dokumentarisch verfilmt werden. Regisseur Brillante Mendoza hat sich bei Captive für die zweite Variante entschieden.

Ein Hotel auf einer philippinischen Ferieninsel wird zum Schauplatz einer Geiselnahme: Vermummte und bewaffnete Männer der muslimischen Abu-Sayyaf-Gruppe (ASG) kidnappen zwölf ausländische Gäste, darunter Touristen und christliche Missionare. Eigentlich sollte der Anschlag Mitarbeitern der Weltbank gelten, diese sind allerdings bereits abgereist. Für die Geiseln kommt es zu einem monatelangen Ausharren mit den Entführern, die sich mit ihnen durch den philippinischen Urwald schlagen. Dabei bleiben sie nie lange an einer Stelle, denn das Militär ist ständig hinter den Entführern her, von einer Befreiung scheinen die Geiseln jedoch weit entfernt zu sein.

Regisseur Brillante Mendoza hat mit Captive einen beklemmenden Film rund um eine dramatische Geiselnahme geschaffen. Die Ereignisse basieren auf den Geiselnahmen, welche im Jahr 2001 auf den Philippinen stattgefunden haben, sowie jene in Palawan und anderen Geiselnahmen durch die ASG und ähnlichen Gruppierungen. Für Captive hat Mendoza all seine Recherchen zu einem einzigen Ereignis zusammengefasst, um dem Publikum zu zeigen, wie sich die Geiseln ihrem Schicksal fügen müssen, und wie sich eine eigentümliche Nähe zwischen Entführern und Geiseln entwickelt.


 

Im Gegensatz zu Argo hat Mendoza nicht wie Affleck überhöhte Hollywood-Dramatik für seinen Film gewählt, sondern konzentriert sich auf einen sehr dokumentarisch angehauchten Stil. Ihm scheint es wichtig gewesen zu sein, dass er kein urteilendes Werk über die Geiselnahmen macht, sondern die Ereignisse so real wie möglich erscheinen lässt. Dabei schlägt er sich auf keine Seite, obwohl man als Zuschauer natürlich mehr Empathie für die Geiseln entwickelt. Da wäre zum Beispiel Thérese (Isabelle Huppert), die zusammen mit ihrer Kollegin Soledad als Sozialarbeiterin für eine NGO in Palawan arbeitet. Durch sie bekommt der Zuschauer nicht nur einen genaueren Einblick in den Zusammenhalt unter den Geiseln, sondern auch in die Welt der Entführer. Diese haben nämlich nicht nur damit zu kämpfen, dass sie Lösegeld bekommen, sondern haben auch ihre Ängste und Sorgen.

Obwohl Captive einen ungewöhnlicheren, undramatischen Ansatz verfolgt, kann er dann doch nicht auf ganzer Linie überzeugen. Die Figurenkonstellation, sowie deren Motivation sind zwar gut nachzuvollziehen, dennoch ist man bei insgesamt 120 Minuten Länge nicht immer voll gefesselt, um dem Geschehen auf der Leinwand lückenlos folgen zu können. Sehr positiv ist, dass Mendoza auch den einen oder anderen Entführer näher kommt, um so beim Zuseher keinesfalls Mitleid, aber vielleicht einen Funken Verständnis hervorzurufen. Vor allem bei den jungen Mitgliedern der ASG, die in einer Szene zeigen, dass sie selbst eigentlich noch in der Schule sitzen müssten, bekommt man ein beklemmendes Gefühl, da man deren nicht vorhandene Zukunft direkt vor Augen hat.

Um aus dem dokumentarischen Stil doch ein wenig herauszubrechen, gibt es immer wieder einige Szenen dazwischen, die sich mit dem Überlebenskampf und dem Leben an sich, auseinandersetzen. So wird man bei der Übernahme der ASG eines Krankenhauses gleichzeitig Zeuge einer Geburt, obwohl man sich da streiten kann, ob man das wirklich so genau sehen möchte. Auch Anleihen aus der Natur, etwa das Jagen einer Schlange und einer Spinne, werden genommen, um auf das Leben zu verweisen.

Insgesamt ist Captive wohl eher was für ein Viennale-Publikum und wird wohl kaum im Mainstream große Erfolge feiern können. Wer sich also intensiv mit dem Thema der Geiselnahmen auf den Philippinen auseinandersetzen möchte, der wird mit diesem Film wohl mehr als zufrieden sein. Allen anderen Kinobesuchern wird Captive wohl nicht nur zu lang, sondern auch zu wenig actionreich sein um glücklich aus dem Kinosaal gehen zu können.

Regie: Brillante Mendoza, Drehbuch: Brillante Mendoza, Patrick Bancarel, Boots Agbayani Pastor, Arlyn dela Cruz, Darsteller: Isabelle Huppert, Kathy Mulville, Marc Zanetta, Rustica Carpio, Timothy Mabalot, Laufzeit: 120 Minuten, Kinostart: 17.05.2013, www.thimfilm.at/captive