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No

Chile, 1988, unter internationalem Druck stellt sich Pinochet einer Volksabstimmung. „Si“ bedeutet acht weitere Jahre Diktatur, „No“ öffnet den Weg für freie Wahlen. Doch wie macht man aus dem negativen Nein ein positives Veto? – Mit Freude!

No bildet nach No Tony Manero (2008) und Post Mortem (2010) den Abschluss einer Trilogie des chilenischen Regisseurs Pablo Larraín über die Pinochet-Diktatur. Thema ist, dem Theaterstück Referendum von Antonio Skármeta folgend, die Werbekampagne. Das staatliche Fernsehen ist in den Händen der Diktatur, die Opposition erhält nur 15 Minuten Sendezeit, in der Nacht. Die Machthaber betrachten die Abstimmung als einen Pro-Forma-Akt, was auch die Opposition so sieht und dementsprechend unmotiviert an die Sache herangeht. Dem Werbefachmann René Saavedra (Gael García Bernal), der mit der No-Kampagne beauftragt wird, geht es aber darum zu gewinnen. Nicht, weil er politisch engagiert wäre oder von einer Demokratie träumen würde, denn er lebt ganz gut mit dem Job in einer Firma, die der Diktatur nahesteht und die ihn mit „amerikanischen“ Annehmlichkeiten wie einer Mikrowelle versorgt.


 

Saavedra möchte, dass die Menschen mit No stimmen, weil es das Ziel jeder guten Werbekampagne ist, möglichst viele Leute zu überzeugen. Deshalb entwickelt er eine neue Strategie. Nicht die Schrecken der Diktatur sollen im Mittelpunkt stehen, sondern die Freuden der Demokratie. Unter dem Slogan „Chile, die Freude erwartet uns!“ entwirft die No-Kampagne eine farben-frohe Zukunft in Werbebildern voll gleißendem Licht, lachenden Gesichtern, singenden und tanzenden Menschen. Es sind Konsumbilder, die an eine Coca Cola-Werbung erinnern, doch, was konsumiert wird, ist kein kapitalistisches Produkt, das man kaufen kann, sondern Freude.

Pablo Larraín verwendet gut ein Drittel historische Aufnahmen, die Ästhetik der 1980er Jahre ist unverkennbar. Ungewöhnlicherweise gleicht sich auch der Rest des Films stilistisch an diese an. Larraín ließ sie die neuen Aufnahmen mit einer Umatic-Kamera aus den achtziger Jahren drehen, was das Format 4:3, grelles Licht, fließende Farben und ein unscharfes, körniges, an den Rändern ausfransendes Bild ergibt. No ist also entgegen unserer filmischen Sehgewohnheiten kein Hochglanzprodukt, was irritieren mag, aber dem Film (gemeinsam mit Requisiten und Kostüm) ein stimmiges und auch sehr charmantes Zeitcholorit sowie einen dokumentarischen Charakter gibt.

No ist Komödie, Drama, Historienfilm und Politthriller in einem und erfüllt alle Genrekomponenten mit erstaunlicher Leichtigkeit. Und alle kristallisieren sich in der Figur René Saavedra. Gael García Bernal verteidigt die Fassade des professionellen Werbemanns mit großer Souveränität und zeigt nach und nach, wie sie unter den Auseinandersetzungen mit seiner Ex-Frau Verónica (Antonia Zegers), der Liebe zu seinem Sohn Simón (Pascal Montero), der Loyalität zu seinem Chef Lucho Guzmán (Alfredo Castro), der Einschüchterung durch das Regime und der aufrichtigen Freude der Opposition zu bröckeln beginnt. Der Tonfall ist leicht und amüsant, die Zuschauer haben Teil an dem Spaß, den die Kampagne gemacht hat, aber auch daran, dass sich die Macher in einer gefährlichen Situation befanden. Die dramatischen Wendungen sind nicht immer überzeugend ausgearbeitet, doch sie verdeutlichen die Radikalität der Diktatur, die für Folter, Terror und Tod stand.

Am Ende ist No aber auch ein Film über die Mechanismen und die Macht der Werbung. Obwohl Saavedra auf der „richtigen“ Seite steht, stellen sich viele ethische Fragen: Wie kann man für „das Böse“ arbeiten? Verhöhnt man die Opfer von Gewalt durch lachende Gesichter? Wo bleiben die Inhalte? Savreeda würde vermutlich sagen, dass sie austauschbar sind – wie sein allzeit anwendbares Verkaufsargument: „Dieses Produkt passt in den aktuellen sozialen Kontext!“ Es ist egal, ob es sich um eine Limonade oder den Sturz eines Diktators handelt.

Regie: Pablo Larraín, Drehbuch: Pedro Peirano, Darsteller: Gael García Bernal, Alfredo Castro, Luis Gnecco, Antonia Zegers, Marcial Tagle, Néstor Cantillana
Laufzeit: 118  Minuten, Kinostart: 09.05.2013, www.no-derfilm.de