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Pietà

Keine Liebe gleicht der einer Mutter. Kein Leid dem einer Mutter, die ihr Kind verliert. Davon erzählt das Bild der Pietà, der über Jesus trauernden Maria, und Kim Ki-duks neuester Film, der vergangenes Jahr mit dem Goldenen Löwen in Venedig ausgezeichnet wurde.

Der südkoreanische Regisseur konstruiert aus dem religiösen Sujet nicht nur eine bizarre Mutter-Sohn-Beziehung, er verschränkt diese auch mit Kritik an kapitalistischer Herzenskälte. Im Mittelpunkt der Erzählung steht Lee Kang-Do (Lee Jeong-jin), ein sadistischer Schuldeneintreiber, der im Arbeiterviertel Cheonggyecheon in Seoul die Rückzahlung von Krediten eintreibt. Metallwerkstätten in engen Gassen bilden ein bedrohlich-tristes Labyrinth, in dem Kang-Dos Brutalität ungehört verhallt. Er ist eifriger, als sein Auftrag erfordert, und macht die Schuldner zu Krüppeln, um die Versicherung zu kassieren. Als eine Frau (Cho Min-soo), die er für seine Mutter hält, in sein Leben tritt, beginnt er auf die Gefühle der Menschen zu reagieren.


 

So wie eine Pietà einer strengen Komposition folgt, ist auch Kim Ki-duks Film einem großen Maß an Künstlichkeit unterworfen. Der Regisseur und Drehbuchautor lässt seine Figuren plakativ auftreten: die Mutter, die Frau, der Sohn, der Mann, der Teufel. Die Männer repräsentieren die Sünde, eine Eigenschaft der Schwäche. Die Frauen sind die Leidtragenden, aber auch die Stärkeren, die den Männern als Mutter nicht nur das Leben geben, sondern diese durch ihre Fürsorge am Leben erhalten. So auch die Frau, die gegenüber Kang-Do die Mutterrolle ein- und die Schuld seiner Gewalttätigkeit auf sich nimmt. Weil sie ihn verlassen hat, wurde er zu dem, was er ist, ein gefühlloses Monster, der Teufel. Wer nie eine Bindung zu Menschen hatte, kennt weder Angst noch Schmerz, jemanden zu verlieren. Die Nähe der Frau bewegt Kang-Do dazu, Gnade walten zu lassen, auch wenn dabei kein Mitgefühl auf seinem Gesicht zu lesen ist. Die Entwicklung ist sprunghaft und doch sinnfällig. Ein Sprung in ein anderes System, in dem andere Prinzipien das Handeln beherrschen.

Auf der einen Seite steht die Profitgier des Kapitalismus, von dem das Arbeiterviertel in sichtbarer Gestalt von Hochhäusern umzingelt ist. Die Werkstätten, die den industriellen Aufschwung und den Wohlstand Südkoreas begründeten, werden ihnen bald weichen. Ihr Ende prophezeit Kim Ki-duk in dunklen, harten Bildern, die leer stehende Gebäude, Schrottberge, heruntergelassene Rollläden, Menschenleere zeigen. Die wenigen, die ausharren, sind vereinzelte, einsame Menschen, die von der Gesellschaft dort zurückgelassen wurden. Kang-Do regiert in dem Reich der Düsternis (zumindest in der ersten Hälfte) wie ein Dämon in der Hölle.

Die Bilder und die Atmosphäre verstören nicht durch das, was zu sehen, sondern was der Imagination überlassen ist. Kim Ki-duk inszeniert mit Horrorelementen, wenn er mit der B-Kamera die Mechanik der Maschinen fokussiert, wenn Kang-Do an den Körpern seiner Opfer zerrt, wenn Knochen hörbar unter einem Fußtritt splittern. Wenn das Bild unter dem Blick einer Mutter zuckt, die mitansehen muss, wie ihr Sohn misshandelt wird. Jede Grausamkeit ist vorstellbar.

Auf der anderen Seite des Systems steht die Mutter als Sinnbild für Aufopferung. Eine Mutter kann selbst für den Teufel Mitleid empfinden, doch sie lässt keine Gnade walten, wenn es um ihr Kind geht. Dieser Teil des Films fällt merklich vom ersten ab. Kim Ki-duk erzählt ihn wie eine Legende mit symbolhaften Szenen und Bildern. Er statuiert ein Exempel, wenn Kang-Do nicht allein für seine Sünden, sondern für unser aller Sünden büßen muss. Nicht Geld ist der Kredit ins Glück, sondern die Mutter-Liebe. Doch wer kann daran noch glauben? Geld ist der Anfang und das Ende von allem.

Regie & Drehbuch: Kim Ki-duk, Darsteller: Lee Jeong-jin, Cho Min-soo, Woo Gi-hong, Kang Eun-jin, Jo Jae-ryong, Lee Myung-ja, Jeo Joon-seok, Kwon Se-in, Laufzeit: 104 Minuten, Kinostart: 26.04.2013,