Renoir-©-2012-Polyfilm

Renoir

Sich treiben lassen, wie ein Korken im Wasser. So beschreibt der Maler Renoir im gleichnamigen Film von Gilles Bourdos sein Lebensprinzip. Eingebettet in das azurblau-golden schimmernde Meer, die weichen Grashänge und grün-silbrig leuchtenden Olivenbäume der Côte d‘Azur, glaubt man ihm das gerne.

Regisseur Bourdos zeigt die letzten Lebensjahre des Malers, wie sie dessen Urenkel Jacques in dem biografischen Roman Das verliebte Gemälde erzählt hat. Wir schreiben das Jahr 1915. Pierre-Auguste Renoir (Michel Bouquet) lebt mit seinem Sohn Claude, genannt Coco (Thomas Doret), und einem Hofstaat an Frauen auf seinem provenzalischen Anwesen Les Collettes. Er leidet unter schwerer Arthritis, die seine Bewegungsfreiheit einschränkt und die leiseste Berührung in quälende Schmerzen verwandeln kann. Auch das Malen fällt ihm zusehends schwerer, doch trotz seines Erfolgs und seines Alters von 74 Jahren will er lernen und Fortschritte machen. Es gelingt ihm dank Andrée Heuschling (Christa Théret), die sich ihm als Modell anbietet und seine Muse wird. Zugleich verliebt sich sein Sohn Jean (Vincent Rottiers), der sich am Landsitz von seiner Kriegsverletzung erholt, in Andrée.


 

Bourdos‘ Renoir ist kein stereotyper Musenfilm – die Figur der Andrée widersetzt sich der Verklärung, welche die Kamera in anderen Filmen häufig auf den Musenkörpern ruhen lässt. Andrée sitzt Renoir nicht, sie bewegt sich durch die Landschaft, als würde sie nicht posieren, sondern diese voll Neugier erkunden. Sie ist nicht die personifizierte Schönheit, sondern es ist ihre Gestalt in der Fülle der Natur, die sie umgibt, im Farb-, Licht- und Schattenspiel, das sie umschmeichelt.

Andrée ist kein leeres Gefäß, das mit den Wünschen anderer aufgefüllt wird. Christa Théret gibt der Figur einen Charakter, Vitalität und zugleich etwas unterschwellig Tragisches. Andrée ist selbst-und körperbewusst, möchte Schauspielerin werden, hat wechselnde Liebhaber und sträubt sich dagegen so zu enden, wie die Dienstmädchen im Haus, allesamt Auslauf-Modelle und Geliebte Renoirs. Sie wird nicht seine, sondern die Geliebte des Sohnes, dessen Film-Begeisterung sie entfacht. Doch Jean hat weder Träume noch Ambitionen und flieht in den Krieg, nicht jedoch ohne ihr zu versprechen, nach seiner Rückkehr gemeinsam Filme zu machen. Wir wissen: Unter dem Pseudonym Catherine Hessling wird Andrée später Jean Renoirs Ehefrau, Hauptdarstellerin und Muse.

Bourdos und sein Co-Autor Jérôme Tonnerre idealisieren nicht, auch den Maler Renoir nicht, dessen künstlerische Kraft von Michel Bouquet überzeugend verkörpert wird. Er ist kein Genie, sondern ein Handwerker, kein alternder Liebhaber, sondern ein von Krankheit gezeichneter Mann, kein selbstloser Familienmensch, sondern egozentrischer Patriarch, dem alle stets zu Diensten sind. Alle bis auf Coco, sein jüngster Sohn, der sich im Gegensatz zum Vater zu Hässlichem und Morbidem hingezogen fühlt. Daraus ergibt sich ein Gegensatz, der von der Musik Alexandre Desplats getrieben in die Idylle einbricht. Andrée selbst ist das Mädchen aus dem Nichts, geschickt von einer Toten.

So zauberhaft die Landschaft um Les Collettes auch ist, so wunderschön Andrée erscheint, gerade ihre Haltung ist es, die der Erzählung einen kritischen Unterton verleiht. Schönheit und Genuss sind relativ. Sie sind ein Privileg, sind käuflich und vergänglich. Was Renoir malt, ist nicht Renée, es ist die Idee von Schönheit. Renoir bringt es auf den Punkt: Seine Inspiration schöpft er aus Haut, Fleisch und Andrées Brüsten, mit denen auch Tizian seine Freude gehabt hätte. Aber das ist wohl nur die halbe Wahrheit.

Regie: Gilles Bourdos, Drehbuch: Gilles Bourdos, Jérôme Tonnerre, Darsteller: Michel Bouquet, Christa Théret, Vincent Rottiers, Thomas Doret, Anne-Lise Heimburger, Sylviane Goudal, Laufzeit: 111 Minuten, Kinostart: 12.04.2013, www.renoir-derfilm.de