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3096 Tage

3096 Tage ist die Verfilmung einer der langwierigsten Entführungsfälle in der (österreichischen) Kriminalgeschichte.

Natascha Kampusch ist zehn Jahre alt, als sie auf dem Weg zur Schule von Wolfgang Priklopil entführt und in seinem Haus in ein schalldichtes Kellerverlies gesperrt wird. Es folgen Jahre der Unsicherheit, des Hungers und des Überlebenskampfes. Die Beziehung zwischen ihr und Priklopil wächst, entwickelt sich. Über Monate und Jahre hinweg schafft sie sich selbst eine Maske, die sie ihrem Entführer zeigen kann, damit er ihr mit Zuneigung begegnet. Doch die Hoffnung auf Freiheit bleibt bestehen: Kleine Momente der Unachtsamkeit, Ausflüge in die Öffentlichkeit, in denen die Chancen ungenutzt bleiben – eine Geschichte davon, wie der Widerstand letztlich immer größer wird.

Sollte man diese Geschichte verfilmen? Ja, vermutlich. Als Mahnmal an alle, die offensichtliche Hinweise übersehen haben, die ihre Hilfe verwehrt haben, die es möglich machten, dass dieses Mädchen über acht Jahre lang eingesperrt war. 3096 Tage zeigt in der Inszenierung von Sherry Hoffmann sehr gut, was Natascha Kampusch immer wieder selbst gesagt hat: „Ich bin kein Opfer“. Jahre der Gefangenschaft zeigen, dass es manchmal notwendig ist, mit dem Entführer zu arbeiten statt gegen ihn – zumindest um überleben zu können.


 

Besonders beeindruckend ist hier das Schauspiel von Amelia Pidgeon, die die junge Natascha spielt. Der Wille, nicht nachzugeben und das Ausharren gegen diesen fremden Mann werden von ihr glaubhaft vermittelt. Vor allem nachdem Antonia Campbell Hughes nach einem Zeitsprung die Rolle Kampuschs übernimmt, wird die Charakterentwicklung deutlich. Thure Lindhardt hatte aber wohl den schwersten Part: den Entführer Wolfgang Priklopil, der ein Mädchen entführt, nur um es zu „besitzen“. Er legt die Rolle als verlorener Mensch an: Einer, der sich nicht mitteilen kann in seinen Wünschen, der alles ordnen und kontrollieren muss. Als eine Person, die allein lebt, aber dennoch keine Freiheit hat. Obwohl man kein Mitleid mit ihm hat, wird zunehmend erkennbar, wie sehr Priklopil sich von der entführten Natascha abhängig machte – so wie sie gleichermaßen abhängig war von ihm.

Ein Großteil von 3096 Tage spielt sich in der winzigen Zelle ab, im Halbdunkel, ohne Ausweichmöglichkeit. Die Herausforderung, so zu drehen und dieses Kammerspiel mit zwei Hauptdarstellern realistisch abzuwickeln, ist Regisseurin Sherry Hormann gemeinsam mit ihrem Mann Michael Ballhaus ( der hier für die Kamera verantwortlich ist) sehr gut gelungen. Die Atmosphäre ist bedrückend, jeder Lichtstrahl wirkt wie ein Signal der Freiheit. Besonders die Ohnmacht Natascha Kampuschs bei Ausflügen wird deutlich gemacht – schließlich wird ein Großteil ihres Realitätsbildes von den Worten ihres Wärters ausgemacht. Doch warum flieht sie nicht, warum überwältigt sie ihn nicht? Das fragt sich der Zuseher permanent, gleichermaßen wird dabei aber offensichtlich, dass es ihr in ihrer körperlichen Verfassung nicht möglich war – ohne absolut sicher zu sein, das ihre Flucht von Erfolg gekrönt ist.

Auch wenn man aus der umfassenden und überwältigenden Medienflut nach ihrer erfolgreichen Flucht mittlerweile über die Ereignisse informiert ist, so bleiben die Momente bis zu jenem Zeitpunkt von Spannung erfüllt. Auch die Intimität zwischen ihr und Priklopil wird thematisiert und wie sehr sich gerade dadurch das Machtverhältnis zwischen den beiden leicht verschoben hat. Viele werden möglicherweise mokieren, dass keine deutschen Schauspieler für diesen Film gecastet worden sind – aber das Ensemble ist so treffend gewählt, dass die Entscheidung leicht nachvollziehbar ist.  3096 Tage macht zudem erneut auf die Unfassbarkeit aufmerksam, dass ein Fall über einen dermaßen langen Zeitraum möglich ist, ohne den geringsten Verdacht zu erwecken. Die Verfilmung  bleibt dabei einfühlsam, aber dennoch brutal direkt – und stellt damit eine Aufarbeitung dar, die auch weiterhin Fragen aufwirft.

Regie: Sherry Hormann, Drehbuch: Bernd Eichinger, Ruth Thoma, Darsteller: Antonia Campbell Hughes, Thure Lindhardt, Amelia Pidgeon, Filmlänge: 109 Minuten, Kinostart: 28.02.2013