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Spiele auf Facebook – Zahlen Sie bar oder in Würde?

Wir leben bekanntlich in einem Informationszeitalter. Statt jeden Morgen das Haus zu verlassen um Brot zu backen oder Möbel zu zimmern sucht das gemeine Volk von heute das Büro auf und zwar mit nur einem Ziel: Um Facebook-Spiele zu spielen.

Ernsthaft: Diese recht neue Sparte der Spieleindustrie muss als einflussreicher Wirtschaftsfaktor eingestuft werden und es wird höchste Zeit sich mit der Materie auseinanderzusetzen. Zu diesem Zweck lege ich mir einen brandneuen Facebook-Account an. Ich bin ja bei all der Glasmensch-Propaganda längst höchstgradig paranoid; meine Individualität und meine Privatsphäre sind mir – frei nach großstädtischer Bobo-Doktrine – weit vor dem Essen und dem Wasser das allerhöchste Gut geworden.

Facebook-Spiele habe ich seit ihrer Entstehung ignoriert. Eines Tages fing es aus heiterem Himmel mit nervigen Mafia Wars Anfragen an, aber da war nicht vorhersehbar, welches Ausmaß dieses Aufmerksamkeitsgequängel in nur kurzer Zeit erreichen würde. Mafia Wars, Farmville – wie sie alle heißen, mit einem Klick aus den Augen und damit aus dem Sinn. Heute also sehe ich mir als frischer Facebook-Nutzer einmal die aktuellen Trends an. Ein genauer Blick entlarvt recht schnell die Wahrheit: Tatsächlich haben sich auf dem Markt nur eine Handvoll Spielearten etabliert. Variationen von Bejeweled, Puzzle Bobble oder den Farmville-Bausimulationen beherrschen den Markt. Erste Station ist also das nach den aktuellen Facebook-Charts derzeit populärste Spiel: Candy Crush Saga.


Candy Crush Saga scheint auch tatsächlich alle gebräuchlichen Mechaniken vorbildlich zu vereinen. Es handelt sich dabei um einen herkömmlichen Bejeweled Klon. Der Spieler wird an eine missionsbasierte Reihe an Aufgaben herangeführt, wie bei allen Spielen dieser Art offenbart sich der Haken erst nach einer gewissen Spieldauer. Bezahlt wird in einer Währung die auf dem Markt eigentlich völlig neu ist: Die menschliche Würde. Zu jeder noch so unpassenden Gelegenheit versucht mich das Spiel zu überlisten und meinen persönlichen Freundeskreis zu involvieren. Habe ich alle Leben aufgebraucht? Hat jemand in meiner Freundesliste seit einem Tag nicht mehr gespielt? Will ich Zugang zu weiteren Levels? All das sind Vorwände, um Facebook-Anfragen zu verschicken. In Windeseile habe ich das Gefühl ein alter Schulkollege hat mich angerufen, um mir mit seiner neu entwickelten Persönlichkeit von der Investitionsfirma zu erzählen, für die er nun arbeitet, um an meine Kontaktliste zu kommen. Es wird also schnell klar: Wenn ich nicht bereit bin, die horrenden Preise für die trivialen Features zu bezahlen, müssen neue Freunde her.

Ein Bestand an Spielesüchtigen ist zwar schnell aufgebaut, doch hier offenbart Facebook seine Politik: Mir wird untersagt, mich mit Menschen zu befreunden die ich nicht wirklich kenne – nach einem Tag ist Schluss mit meiner Freundschafterei. Es wird klar, weshalb der Datentausch für den Spieleanbieter so viel Wert hat, denn Facebook stellt sicher, dass die Qualität der Daten hoch ist. Echte Freundeskreise bedeuten echten sozialen Druck – und je höher dieser Druck, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass irgend jemand zur Kreditkarte greift. 

Im Grunde ist meine Zeit mit Candy Crush Saga unterhaltsam. Das Spiel enthält gerade so viel Substanz, dass das Weiterspielen reizvoll bleibt, eine perfekt abgestimmte Balance also, in der wohl der andauernde Erfolg dieser fragilen Gemeinschafts-Symbiose begründet liegt. Es wurde ein System geschaffen das immer neue Spieler hineinzieht und dafür sorgt, dass diese sich gegenseitig aktiv halten – eigentlich ist das alles einem Pyramidensystem nicht unähnlich. Es wird Zeit für Abwechslung, denn am Ende ist Bejeweled nun einmal beliebig austauschbar.


 

Auf der Suche nach einer Spielart, die ich vielleicht noch nicht mehrere dutzend mal gesehen habe, stoße ich auf Triple Town. Triple Town ist ein Puzzler, der zur Abwechslung ein ganz eigenes und unterhaltsames Spielprinzip umsetzt. Aber leider unterliegt auch dieses Spielprinzip allen Limitationen, die die Natur der Facebook-Umgebung mit sich bringt. Meine Spielzeit ist hart limitiert, anders als beim simplen Candy Crush Saga bin ich auch noch dazu gezwungen die ausführlichen komplexen Spielpartien mittendrin zu unterbrechen und etwa morgen fortzusetzen, wenn jeder klare Plan in meinem Kurzzeitgedächtnis längst irgendeinem Wikipedia-Artikel über den euklidischen Raum gewichen ist. Es bleibt für mich nur das Bedauern, dass ich das Spiel nicht einfach wie jedes andere kaufen und nach Belieben spielen kann.

Das ist im Grunde der Wunsch, der nach jedem unterhaltsamen Moment zurückbleibt. Wenn zum Beispiel der Publisher-Gigant EA mit seiner Sim City Lizenz eine aufwendige Social-Version des Klassikers herausbringt (die den Namen Sim City Social trägt), kann man sich darauf verlassen, dass es da aufrichtigen Spaß zu finden gibt. Nur aufgrund des Geschäftsmodells, das nun einmal beinahe ausschließlich über „Micro-Transactions“ läuft, ist jeder dieser Momente knapp gehalten. Fast eine Verschwendung des Potentials – wie mir gerade der aufwendig umgesetzte Sim City-Verschnitt vor Augen führt. Immerhin finde ich hier einen Ansatz von der Unterhaltung, die eigentlich ein Social-Spiel versprechen sollte: Ich kann mir jederzeit die Städte meiner Freunde ansehen und dort Unfug anstellen.


 

Am Ende meines Abenteuers bleibt nichts außer Entfremdung. Meine Freundesliste ist voll mit unbekannten Menschen, die mir mit ihren persönlichen Postings vor Augen führen, wie austauschbar und herkömmlich  mein eigener Freundeskreis eigentlich ist. Mein taufrischer Account selbst ist nach all den Apps umfunktioniert zu einer völlig autonomen Spam-Maschine und beginnt auf einer beunruhigenden Ebene mit meinem Gesicht ein eigenes Bewusstsein zu entwickeln. Hinzu kommt die Erkenntnis, dass ich von allen Anbietern ausgerechnet EA als einzigem meine persönlichen Daten für sein Angebot hinlegen würde. So oder so hat man mir erfolgreich meine Würde abgenommen.