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Nick Cave & The Bad Seeds – Push The Sky Away

Was ist von einem Mann wie Nick Cave zu erwarten? Einerseits schwanken seine unterschiedlichen Werke zwischen Friedlichkeit und Aggression genauso, wie sie zwischen Harmonie und Disharmonie eine Brücke schlagen…

Andererseits aber zieht der Mann aus Australien seine Art Musik und Literatur wiederzugeben, wie einen roten Faden durch seine gesamte Diskografie! So besitzt seine Musik etwas Schwebendes, indem er Melodie und Text zuerst langsam und vorsichtig an sich und den Hörer heranführt, um sie im Moment darauf gleich wieder kontrapunkt-artig wegzustoßen. Push The Sky Away – so heißt das neueste Album von Nick Cave and the Bad Seeds, verdeutlicht das nicht nur, sondern ist ein Sammelsurium, oder fast schon der erste Versuch einer Retrospektive seiner gesamten Werke. Gerade deshalb kann das Album auch nicht losgelöst betrachtet, sondern sollte mit seinem bisherigen Schaffen in Zusammenhang gebracht werden. Denn jedes Album eines Künstlers ist neben den vielen neuen Sachen, die es mit sich bringen kann, auch ein Destillat seiner vorherigen Alben und so verhält es sich auch bei dem aktuellem Werk des Musikers.

Wird das Material der neuen Platte auf ganz frühe Werke wie zum Beispiel The Boys next Door’s „Shivers“ umgelegt, finden sich Parallelen. Was nicht heißen mag, dass sich Nick Cave im Laufe der Jahre nicht verändert hätte, sondern vielmehr, dass er es schafft, den sprichwörtlichen Kreis zu schließen. So wie die Arbeit mit The Boys next Door an die aktuelle New Wave Bewegung angepasst war, so führte der Umzug nach London und die Umbenennung in The Birthday Party zu einem Stilwechsel, der am damaligen Puls der Zeit festzumachen war. Hatte sich bei den vorherigen New Wave Elementen die Musik wie von selbst fortbewegt, so wird bei The Birthday Party weitaus zerfahrener, sowie aggressiver vorgegangen und Nick Cave findet mit Mick Harvey den Weg zum Punk. Vom Punk ist der Weg in experimentelle Sphären dann auch nicht mehr weit und es kommt in Berlin zu einem Zusammentreffen zwischen Nick Cave und Blixa Bargeld.



Aus den für Nick Cave brauchbar erscheinenden Elementen von The Boys next Door und The Birthday Party wird 1984 ein positiver Kompromiss geschlossen und es kommt schließlich zur Gründung von Nick Cave and the Bad Seeds. Im Zentrum stets Cave, der auf der einen Seite vom blueslastigen, bodenständigen Mick Harvey und auf der anderen Seite vom experimentellen Neubauten einstürzenden Blixa Bargeld umgeben wird. Das Debüt-Album From here to Eternity wirkt bereits breiter und ausgereifter als die vorherigen Ergebnisse der anderen Projekte. Zusätzlich verwundert es auch nicht, dass mit dem ersten Track Avalanche ein Leonhard Cohen gecovert wird. Denn die spirituelle Atmosphäre und die text-zentralisierte Art Musik zu vermitteln, ist Nick Cave ebenso wichtig und es scheint, als hätte er in Leonhard Cohen einen Art-Verwandten gefunden. Er kreiert eine Stilrichtung, die Nick Cave im Laufe der kommenden 3 Jahrzehnte ausbauen, variieren, zerschlagen und wieder zusammenfügen wird. 
In den folgenden Jahren entstehen Alben mit Werken, die mal aggressiv, mal ruhig, mal in den Hintergrund tretend und reduziert oder aber auch mal mit einer vollen, zerfahrenen Klangwand extrem breit klingen. 

Anfang der 90er beginnt sich die Musik der Bad Seeds einem breiteren Publikum anzunähern. Was mit dem melodischen Track The Weeping Song beginnt, wird 5 Jahre später mit dem gesamten Album Murder Ballads auf die Spitze getrieben und es kommt auch abseits von England zu internationalen hohen Chart-Platzierungen. Nicht umsonst arbeitet er dabei mit Künstlern wie PJ Harvey oder Kylie Minogue zusammen und schafft ein musikalisches Handbuch des Düsteren. Den Sprung in die 2000er Jahre begleitet dann doch ein mittlerweile etwas brav wirkender Beigeschmack, auch wenn es immer wieder Titel auf den Alben gibt, die versuchen daraus auszubrechen um einen Nick Cave aus den 90ern in die aktuelle Musiklandschaft einzupflanzen. Die natürliche Konsequenz ist letztendlich dann die Gründung des Seitenprojektes Grinderman im Jahr 2006. Bei dem wieder wesentlich zerfahrener, aggressiver und weniger mainstream-orientierter vorgegangen wird. Nick Cave kann plötzlich sämtliche Elemente, die er seit dem Ende von The Birthday Party nicht mehr unterbringen konnte wieder an die Oberfläche zurückholen und es entsteht ein erneuter Kontrapunkt zur Musik der Bad Seeds. Es scheint als wäre es für ihn extrem wichtig gewesen, diese gestaute Energie in Form von zwei aggressiv klingenden Grinderman Platten auszuleben, um sich letztendlich mit Push the Sky away auseinandersetzen zu können. Denn das neue Album bekommt dadurch eine gewisse Reife. Rückwirkend betrachtet besitzt das Album vielleicht gerade nur aus diesen Gründen etwas Positives und Schönes. Das Element des Düsteren schwebt nur ganz leicht mal am Rande, dann wieder im Unterboden mit.



Der Einstieg des Albums kommt ruhig und fast schon zierlich daher. Wenig dumpfe Elemente, dafür viele helle Klangbilder finden sich in der Single
We No Who U R und dem darauf folgenden Wide Lovely Eyes. Alle Instrumente bilden eine geschlossene Einheit, anstatt auseinander zu fahren. Das Album bekommt dadurch etwas Fließendes, wobei Caves Stimme hier an gewissen Stellen einen Kontrapunkt setzt. Die zusätzlichen, heller klingenden Stimmen wirken hier fast schon wie eine Art Echo. Water’s Edge erinnert mit den Streichern und der typischen Sprech-Gesangslinie dann fast schon an ein Aufzeigen, dass die dumpfe und zerfahrene Stilrichtung doch nicht vergessen worden ist. Das Schweben zwischen den einzelnen Stimmungen wird in diesem Album rund und bogen-spannend bewerkstelligt. Die zweite Single Jubilee Street erscheint dann fast wie eine Fortsetzung der Ersten, indem es von der Steigerung und der Harmonie dort beginnt, wo We No Who U R aufhört, um sich in einer breiteren fast schon orchestralen Klangwand aufzulösen. Diese Kombination ergibt letztendlich nicht nur im Rahmen des Albums selbst, sondern auch auf dem breiten Musikmarkt Sinn, wo die Auskopplung der zweiten Single weitaus wichtiger erscheint als die der Ersten.

Inhaltlich werden die Gedanken, Ansichten und Gefühlsstimmungen, die Nick Cave im Laufe der Vorbereitungen zum Album in seinem Notizbuch festgehalten hat durch neun Lieder dividiert. Aufgrund dieser Art des Textens ist nicht nur diese, sondern auch viele anderen Werke von Nick Cave etwas sehr Privates und Persönliches. Kombiniert mit seiner Persönlichkeit, die auf der Bühne dann erst so richtig nach außen dringt, steht er nicht nur als Musiker, sondern auch als Literat vor dem Publikum. Sphärisch, spirituell, melancholisch, aber auch bodenständig und auf das für den Menschen wesentliche reduziert, sollte das Album als Gesamtwerk gehört werden. Denn nur so wird das Springen zwischen ruhigem und lauterem Material greifbar und führt zu einem Schweben, das eine suspenseartige Spannung vermittelt, die schließlich einen Nick Cave ausmacht.

 Nick Cave & The Bad Seeds – Push The Sky Away, Kobaltmusic, www.nickcave.com




  • Antiphon

    Schöner Bericht, doch das großartige „Shivers“ stammt aus der Feder Rowland S. Howards und kann somit nur bedingt als Vergleich der Textdichtung herangezogen werden.