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Sine Mora

Es ist sehr still geworden für den Epilepsie-gefeiten Shmup (Shoot ‚em Up)-Fetischisten. Releases aus dem Genre sind heutzutage dem Indie-Bereich vorenthalten und so schickt sich nach Jamestown ein weiterer Entwickler an, die Herzen der pingeligen Fangemeinde zu erobern. Pixelpiloten vom Fach wissen Sine Mora sofort in die Bullet Hell-Kategorie einzuordnen, was bedeutet, dass es teilweise Hunderten an Projektilen gleichzeitig auf dem Schirm auszuweichen  gilt.

Eine interessante Gradwanderung bei Sine Mora ist die Erzählweise. Nicht genug, dass im Story-Modus alle Sequenzen zeitreisebedingt außerhalb ihrer chronologischen Reihenfolge gespielt werden: Zwischendurch präsentieren sich seitenlange Textwüsten, die einen komplexen politischen Plot auslegen – oder detailliert Auskunft über die düstere Vergangenheit der Charaktere geben, die von Motiven wie Missbrauch, Mord und Rache gezeichnet sind. Diese Teile fügen sich aber nur schwer zu einem Ganzen zusammen, was bedeutet, dass der verwobene Plot erst bei zahlreichem Durchspielen wirklich Sinn ergibt. Einerseits kann die Verwirrung über die unverständliche Handlung also ermüdend wirken, andererseits bleibt sie auf diese Weise über einen langen Zeitraum doch relevant.


 

Die erste Station beim Durchspielen ist der Story-Modus. Dieser ist mit seinen Eigenheiten allerdings bei Weitem nicht sättigend. So wird Story-gerecht jedes Level mit einem anderen Schiff gespielt, mit neuen Waffen und Extras, so dass man sich nie wirklich eingewöhnen kann. Hier setzt der Arcade-Modus an, der es erlaubt, am Anfang seine Ausrüstung auszuwählen und offenbart sogleich den großen, unverzeihlichen Makel von Sine Mora. Obwohl der Arcade-Modus mit seiner missionsbasierten Struktur das eigentliche Fleisch am Knochen bietet, hatte irgendein unzurechnungsfähiger Entwickler die Idee, den Modus auf „Hard“ und „Extreme“ zu limitieren. Und Sine Mora ist bei weitem kein Kinderspiel: die zahlreichen unfairen Bossattacken und Levelstrukturen setzen kompromissloses Auswendiglernen voraus; Items sind komplett zufallsgeneriert und schnell wieder verloren; bereits auf „Normal“ ist ein durchschnittlicher Spieler gefordert. Schon auf „Hard“ wird das Spiel für den Durchschnitt völlig unspielbar, was im Grunde bedeutet, dass Sine Mora jeden Spieler, der sich nicht zur geübten Shmup-Elite zählt, schlicht und einfach ausschließt.

Das Gameplay will durchgehend innovativ sein. Neben all den genre-typischen Pickups wie Schildern und Waffen gibt es ein wiederkehrendes Motiv: Zeit. So existieren keine herkömmlichen Tode, sondern das Schicksal der Piloten hängt an einem Countdown, der gnadenlos tickt. Wer getroffen wird verliert Zeit, zerstörte Ziele bringen wertvolle Sekunden. Was manchmal ein gutes System ist um für den Normalsterblichen den Wahnsinn des Bullet Hell-Treibens fassbar zu machen, stellt sich aber auch als Ärgernis heraus. Da läuft bei einem Bosskampf (und es gibt bei Sine Mora mehr Bosskämpfe als normales Gameplay) der Timer und man hat mitunter längst verloren, kann so gut spielen wie nur möglich – vorbei ist es trotzdem. Frustration ist also vorprogrammiert. Ein weiteres Element ist die Möglichkeit die Zeit zu verlangsamen, oder alternativ sogar zurückzudrehen. Das unterliegt natürlich einer strengen Begrenzung, gibt dem Spiel aber trotzdem eine eigenständige Note. Besonders sticht die grafische Gestaltung hervor, die mit ihren detaillierten „Diesel Punk“ Designs das Auge verwöhnt. Immer wieder ist Zeit für imposante 3D-Kamerafahrten, die zwar das Gameplay unterbrechen, aber dafür die prachtvollen Umgebungen in ihrem vollen Detailreichtum zur Geltung bringen.

So präsentiert sich Sine Mora also als eigentümliches Paket. Eigentlich sind alle Zutaten vorhanden, um ein rundes, motivierendes Spielerlebnis zu bieten. Völlig unverständlich also, weshalb die Entwickler darauf bestanden haben, den geschmackvollsten Brocken davon einem geringen Teil des Publikums vorzuenthalten. Aus diesem Grund ist Sine Mora eigentlich ausschließlich dem Hardcore-Shmup Konsumenten zu empfehlen, der hier genügend qualitative Neuerungen finden wird.

Plattform: PS3 (Version getestet), PS Vita, Xbox 360, PC, Spieler: 1, Altersfreigabe (Pegi): 16, Release: 21.11.12