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Interview mit Ulrich Seidl (Teil 1)

Am 30. November startet mit Paradies: Liebe die viel prämierte und diskutierte Paradies-Trilogie von Ulrich Seidl in den österreichischen Kinos. Der zweite Teil Paradies: Glaube, der im Jänner folgt, erhielt auf der Biennale von Venedig den Spezialpreis der Jury, gefolgt von einer Anzeige wegen Blasphemie. pressplay hat mit Ulrich Seidl unter anderem darüber gesprochen.

pressplay: Glaube ist der zweite Teil einer Trilogie mit dem Titel Paradies. Von einem Paradies ist im Film nicht viel zu sehen. Sind Paradies und Hölle nur zwei Begriffe für ein- und dasselbe?

Ulrich Seidl: Das Paradies ist ja immer ein Sehnsuchtsort und alle drei Filme erzählen über diese Sehnsucht, die drei Frauen haben, nach Erfüllung ihrer unerfüllten Wünsche. Es geht darum, von Menschen zu erzählen, die auf der Suche sind ein Paradies zu erlangen und nicht darum ein Paradies zu zeigen.

Das „Paradies“ der Hauptdarstellerin Anna Maria hat auch negative Züge. Sie wirkt gefangen in ihren Verhaltensweisen und irgendwie auch isoliert anderen gegenüber.

Das sehen Sie von außen so. Jeder hat natürlich sein eigenes Paradies. Ich erzähle über eine Frau, die aufgrund von Enttäuschungen mit ihrem Ehemann oder überhaupt aus Enttäuschung über eine Beziehung zu einem Mann auf ihren Weg zu Jesus Christus kommt, in den sie sich verliebt, an den sie glaubt. Und diese Liebe wird auch zu einer körperlichen Liebe. Das zeigt der Film und er zeigt darüber hinaus, dass sie dann in einen Konflikt kommt, ab dem Moment, wo ihr Mann unerwartet wieder zurückkehrt, weil sie dann auf der einen Seite ihr Jesus-Paradies lebt und auf der anderen Seite gibt es Verpflichtungen dem Mann gegenüber oder Forderungen vom Mann, die sie nicht erfüllen kann oder nicht will.

In ihrer Liebe zu Jesus geißelt sie sich auch, schlägt sich, kasteit sich. Ist das dann ein Ausdruck von Lust?

Zunächst einmal ist die Geißelung auch für viele Christen, für Christen, die ihren Glauben in einer extremeren Form leben, etwas um Buße zu tun für die Sünden dieser Welt. Und so beginnt auch der Film. Sie büßt für die Sünden, die die Menschen ihrem Jesus Christus antun. Das ist ein Gebot. Man kann natürlich darüber philosophieren, sich darüber Gedanken machen, ob der Schmerz, den man sich selber zufügt auch zu einer Lust führt. Ich glaube das schon, dass im Schmerz auch immer Lust inbegriffen ist.

Selbstaufopferung gewissermaßen, man gibt sich selbst her …

Na ja, da geht es vor allem um Körperlichkeit. Diesen körperlichen Schmerz muss man ja auch irgendwie aushalten. Aber nicht umsonst hat es das in der Geschichte des Christentums, also der Kirchengeschichte, aber auch in anderen Kulturen immer wieder gegeben. Die Selbstkasteiung und -geißelung dürfte auch einen spirituellen und metaphysischen Zugang haben.

Im landläufigen Sprachgebrauch sind Glaube, Liebe und Hoffnung Werkzeuge zur Glücksfindung oder zumindest um etwas weniger einsam zu sein. Ist das ein Trugschluss?

So wie ich es verstehe, sind die Begriffe „Glaube, Liebe, Hoffnung“ drei Begriffe der christlichen Tugenden. Also schon biblisch gesehen, geht es darum, wenn man als Mensch diese drei Begriffen lebt oder versucht danach zu leben, dann ist man gottgewollt, dann macht das Leben einen Sinn oder dann wird man zufrieden.

Und außerhalb der Religion?

Außerhalb der Religion hält‘s jeder für sich, so wie er das glaubt.

Ohne Doktrin …

Ohne Doktrin … wobei, wir leben ja alle in einer Gesellschaft, die geprägt ist über 2000 Jahre christliche Kultur, Katholizismus, da ist vieles verinnerlicht, das man auch in sich trägt. Selbst wenn man kein gläubiger Mensch ist, wenn man nicht in die Kirche geht, gibt es vieles, von dem man geprägt ist, wo man seine Wurzeln hat.

Ihre Filme haben den Ruf zu verstören. Ich habe in Glaube auch gelacht. Ist es auch ein lustiger Film oder habe ich zu wenig Ehrfurcht?

Nein, Sie haben nicht zu wenig Ehrfurcht, es ist gewollt, dass man auch lachen kann. Meine Filme haben beides: Meine Filme verstören Menschen, aber sie bringen sie auch zum Lachen. Die Komödie und die Tragödie, beides ist angelegt und es ist etwas, dass ich bewusst auch immer wieder suche, weil ich glaube, dass der Humor ganz wichtig ist zum Leben, dass man auch vieles nur ertragen kann, wenn man es mit Humor sieht. So funktionieren auch die Filme. Aber ich kann selber gar nicht voraussehen, wie das Publikum reagieren wird. Ich wahr sehr überrascht, dass bei der Premiere in Venedig sehr, sehr viel gelacht wurde.

Von anderer, konservativer Seite haben Sie aber auch Kritik erhalten, wegen ihrer offenen Verbindung von Glaube und Sexualität. Sind heftige Reaktionen nicht immer auch eine Bestätigung für die Wirkung des Films oder waren Sie überrascht?

Überrascht, ja, man rechnet nicht mit so etwas. Man rechnet nicht damit, dass jemand eine Anzeige macht wegen Blasphemie. Erstens einmal ist es keine Blasphemie, das kann ich schon einmal ganz beruhigt sagen, weil ich mich nicht über Religion lustig mache. Es ist in dem Sinn keine Gotteslästerung, sondern es ist eine Szene, die in einem Spielfilm begründet ist und für die Hauptfigur auch eine durchaus vorstellbare Szene ist …

Es geht um die Masturbationsszene …

Genau. Es ist nicht etwas Ausgestelltes, wo man sich über katholische Menschen lustig macht. Es ist etwas ganz anderes. Aber natürlich ist es ein Tabu.

Interessanterweise ist es das, wo doch auch die Kirche diese Verbindung von Glaube und Sexualität kennt, denkt man beispielsweise an die Mystikerinnen des Mittelalters, deren Liebe zu Gott in Ekstase gipfelt. Könnte man Anna Maria als moderne Mystikerin bezeichnen?

Kann man …

… muss man aber nicht …

Muss man nicht. Aber wir wissen, dass es diese intensiven Beziehungen gibt, zum Beispiel auch Ordensschwestern, die einen Ehering tragen, weil sie mit Jesus verheiratet sind. All das gibt es, aber es ist trotzdem tabuisiert und ich glaube, dass gerade hinter Klostermauern die Sexualität eine große Rolle spielt.

Wir wissen es.

Ja. Wie wir ja in den letzten Jahren tatsächlich erfahren haben. Bis dorthin haben wir es immer nur vermutet, möglicherweise, und jetzt wissen wir, dass das Thema Sexualität gerade in der Kirche eine ganz große Rolle spielt in den eigenen Reihen – und zwar eine negative.

Sie wurden selbst streng katholisch erzogen und haben einmal gesagt, Katholiken leiden unter permanenten Gewissensbissen. Hatten Sie eines, als Sie die besagte Masturbationsszene drehten?

Nein.

Schon vorbei?

Nein, das hat damit nichts zu tun, ob das schon vorbei ist. Wenn ich das gesagt habe, dann meine ich es so, dass einen das nicht mehr loslässt. Gottesfurcht ist auch immer wieder mal da, das schlechte Gewissen auch, aber in dem Fall habe ich es nicht gehabt.