Cloud-Atlas-©-2012-Warner-Bros.

Cloud Atlas

Das Darwinsche Gesetz geht auf Seelenwanderung, in Form eines Sextetts für einander überschneidende Solostimmen. Sechs Protagonisten, sechs Zeitebenen, bis zu sechs Rollen pro Darsteller, drei Regisseure. Oscar-Preisträger Tom Hanks, Halle Berry, Susan Sarandon und Jim Broadbent an der Spitze einer hochkarätigen Darstellerriege.

Epos, Drama, Komödie, Thriller, Historienfilm und Zukunftsutopie in 172 Minuten Laufzeit. Die Verfilmung des 2004 erschienenen Romans Cloud Atlas von David Mitchell ist ein Projekt der Superlative und der teuerste (co-)deutsche Film aller Zeiten. Tom Tykwer (Lola rennt, Das Parfum) und Lana & Andy Wachowski (The Matrix) haben ihn gedreht.

Konzeptionell folgen die Macher der literarischen Vorlage, die sechs Erzählungen um ein zentrales Thema montiert. Die älteste Schicht spielt 1849 und handelt von einem amerikanischen Anwalt (Jim Sturgess), der beim Besuch einer Kolonie und auf der Rückfahrt in die Heimat die Sklaverei unter einem neuen Blickwinkel zu betrachten lernt. Der Zeitsprung zur zweiten Erzählung führt in das Jahr 1936, als der hochbegabte, aber gesellschaftlich ausschweifend lebende Komponist Robert Frobisher (Ben Wishaw) zum Assistenten und mit dem „Wolkenatlas-Sextett“ zum Konkurrenten eines alternden Kollegen wird. 1973 enthüllt die Journalistin Luisa Rey (Halle Berry) kriminelle Machenschaften um einen Atommeiler. 2012 wird der Verleger Timothy Cavendish (Jim Broadbent) von seinem Bruder in ein Altersheim, das einem Gefängnis gleicht, gesteckt. 2144 legt ein Klon (Doona Bae) den Grundstein zu einer Revolution, indem sie menschliche Empfindungen und Eigenschaften zeigt. Die Erzähl-Gegenwart des Films befindet sich schließlich 2346, einige Jahrzehnte nachdem der Ziegenhirte Zachry (Tom Hanks) als Bewohner einer steinzeitähnlichen post-apokalyptischen Welt vom Feigling zum Helden wird.


 

„Alles ist verbunden“ lautet das Kredo des Films, das einen philosophischen Kern offenbart, um den Tykwer und die Wachowski-Geschwister die narrativen Stränge kreisen lassen. Es rührt an Fragen nach Wesen und Existenz des Menschen, nach der Verantwortlichkeit anderen gegenüber, nach Vorstellungen von Zivilisation und Gemeinschaft. Ein tragendes Motiv ist Darwins Gesetz des Stärkeren als Motor von Entwicklungen, dem ein anderes Prinzip entgegensetzt wird.

Menschen unterwandern diese vermeintlich naturgegebene Ordnung, indem sie sich für Schwächere einsetzen, für Freiheit und Gleichheit kämpfen, indem sie Mitgefühl, Freundschaft und Liebe empfinden. Denn Menschen haben eine Seele, das verbindet sie miteinander und macht sie füreinander verantwortlich. Kompliziert stellen sich diese Gedanken in Cloud Atlas aber nicht dar. Dankenswerterweise gleiten sie auch nicht ins Esoterische ab, sind weder pseudointellektuell noch Geschwafel, so banal sie auch sein mögen.

Große Anforderungen stellen sich hingegen an die schauspielerische Leistung, die sich als wesentliches, spannungsvolles Konstruktionselement des Films erweist. Neben einer zentralen Rolle sind die Hauptdarsteller in allen anderen Ebenen in Nebenrollen zu sehen – oder auch nicht, denn die Verwandlung kann derart umfassend und gegensätzlich ausfallen, dass sie kaum wiederzuerkennen sind. Die Maske gibt den Schauspielern nicht nur einen neuen Typ, sie verändert ihre Physiognomie, wechselt Hautfarbe oder Geschlecht. Das lässt nicht selten schmunzeln und ergibt nebenbei ein amüsantes Ratespiel.

Cloud Atlas ist trotz seines Umfangs und seiner Dichte nicht überfrachtet und bleibt über weite Strecken unterhaltsam. Die Strukturiertheit, mit der Tykwer und die Wachowskis die gigantische Komplexität des Unterfangens meistern, ist erstaunlich. Besonders in den schnelleren Sequenzen mit kurzen, aufeinanderfolgenden Szenen finden die Bilder zu einem Rhythmus, der einer Sogwirkung ähnelt. Dass es sich um ein Konstrukt in allen Belangen handelt, ist meistens Stärke, manchmal eine Schwäche des Films. Wenn sie auch nicht in jedem Detail aufgehen, sind Inszenierung, Schauspiel und Bildwirkung mit Faszination zu verfolgen. Dabei hinterlassen das Handwerk und die einzelnen Teile einen größeren Eindruck als die Botschaft – und das ist wohl gut so.

Regie: Tom Tykwer, Andy Wachowski, Lana Wachowski, Drehbuch: Lana Wachowski, Tom Tykwer, Andy Wachowski, Darsteller: Tom Hanks, Halle Berry, Doona Bae, Jim Broadbent, Hugo Weaving, Jim Sturgess, Susan Sarandon, Hugh Grant, Ben Wishaw, Filmlänge: 172 Minuten, Kinostart: 16.11.2012