Francine-©-2012-Viennale

Francine

Am kostbarsten erweisen sich bei der Viennale oftmals die kleinen, unscheinbaren Filme, die abseits der heiß begehrten 20.30 Uhr Gartenbau-Vorstellungen auf dem Programm stehen, für die man auch zehn Minuten vor Filmbeginn noch problemlos eine Karte kaufen kann, die ohne großes Gedränge und ohne nervenaufreibende Viennale Taschen Verlosung ablaufen…

Ein solch unauffälliges Stück Viennale gab es mit Brian M. Cassidys und Melanie Shatzkys kanadisch-amerikanischem Spielfilmdebüt gleich am ersten Festivaltag im Urania-Kino zu sehen. Francine, eine Frau mittleren Alters, wird nach einem wohl längeren Gefängnisaufenthalt in die Freiheit entlassen. Doch der Versuch, in einer kleinen Provinzstadt Fuß zu fassen und sich neu zu integrieren in das soziale Gefüge, in eine ihr längst fremd gewordenen Welt, ist von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Zu schwer fällt ihr der Kontakt mit Menschen, ziellos und resigniert treibt sie durch den Alltag. Ihre Emotionen, ihre verkümmerte Lebensenergie, ihre Zuwendung gelten bald nur noch den duzenden Hunden und Katzen, mit denen sie gemeinsam in ihrer kleinen Wohnung zunehmend verwahrlost.


Dass Brian Cassidy und Melanie Shatzky bisher eher als Dokumentarfilmer bekannt waren, das kann auch ihr erstes fiktionales Langfilmwerk nicht verbergen. Die Handlung scheint dabei – so betonen die beiden Regisseure im Q&A nach dem Viennale-Screening – eher zweitrangig zu sein, denn im Zentrum dieser stillen und traurigen Charakterstudie stehen vielmehr der Rhythmus sowie das Zusammenspiel von Bild und Ton. 

Zwischen dokumentarisch anmutender Nüchternheit und unaufdringlicher Poesie changierend, nimmt sich „Francine“ viel Zeit, beobachtet intime Momente, die unangenehm berühren, verharrt dann wieder auf Naturdetails, erlaubt es manchen Sounds, über Szenen hinweg nachzuhallen und lässt sich ebenso treiben wie seine Hauptfigur – übrigens wunderbar gespielt von Melissa Leo.

Cassidy und Shatzky präsentieren uns den Mythos der großen „zweiten Chance“, die wohl nur zu oft ins Leere läuft. Denn Francine wird zunehmend erschlagen von einer neuen Freiheit, mit der sie nichts mehr anzufangen weiß. Letztlich sind wohl all die Szenen, in denen die Protagonistin eine fast schon zwanghafte Nähe zu den herrenlosen Haustieren sucht, ein Katzenjunges an ihrem Gesicht reibt, als würde sie es am liebsten verschlingen, die berührendsten und zugleich erschreckendsten des Films.

Denn sie zeigen auf, wie sehr man selbst in einer Welt voller Menschen oftmals verloren gehen kann. Die Gefahr, nicht mehr wiedergefunden zu werden, verspürt vielleicht auch Francine, vor allem als sie in der letzten Szene befürchten muss, ihre Freiheit erneut verspielt zu haben. Ob ihr dieser Gedanke Angst macht oder nicht, das belässt das Werk – so wie vieles Andere – im Unklaren.

Regie und Drehbuch: Brian M. Cassidy & Melanie Shatzky, Darsteller: Melissa Leo, Keith Leonard, Victoria Charkut, Dave Clark, Laufzeit: 74 Minuten, gezeigt im Rahmen der Viennale V‘12